Tag 80-82: Santiago de Compostela (Semanta Santa)

Morgens fahre ich mit dem ersten Bus von Muxia nach Santiago. Meine erste motorisierte Fahrt seit Wochen. Ich bin wirklich ganz und gar entschleunigt. Die geringe Geschwindigkeit des Busses reicht bereits aus, um mich schwindlig werden zu lassen. Ich hänge zwischen den Sitzen und muss mich an die vorbeirauschenden Bilder wieder gewöhnen.

In Santiago angekommen, empfängt mich eine geschäftige Stadt. Die Ankunft in einem Busbahnhof ist wesentlich unterschiedlich zu einer Ankunft zu Fuss über eine jahrhundertealte Route, auch wenn diese inzwischen asphaltiert ist.

Um mir etwas von meinem bisherigen Tempo zu erhalten, gehe ich erst in Ruhe eine Café trinken.

Ich werde nun noch ein paar Tage in Santiago de Compostela bleiben, es ist die Karwoche - Semanta Santa (heilige Woche). Das ist die Woche zwischen Palmsonntag und Ostern.

"Die Karwoche (althochdeutsch kara: Klage, Kummer, Trauer) ist die Bezeichnung der Trauerwoche vor Ostern, der letzten Woche der Fasten- oder Passionszeit. Die Karwoche umfasst die stillen Tage Montag bis Mittwoch und die eigentlichen Kartage Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Sie beginnt am Palmsonntag mit dem Gedächtnis des Einzugs Jesu in Jerusalem und erreicht über den Gründonnerstagabend, an dem die Einsetzung der Eucharistie bzw. des Abendmahls gefeiert wird, ihren Höhepunkt im Gedächtnis des Kreuzestodes Jesu am Karfreitag. Sie mündet am Ende des Karsamstags in die Feier der Osternacht.
Die Karwoche war noch bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen Deutschlands eine geschlossene Zeit, in der öffentliche Festlichkeiten und Vergnügungen nicht stattfanden. Heute ist allein in Deutschland der Karfreitag ein gesetzlich geschützter stiller Tag". (Quelle: Wikipedia)

In vielen Kirchen Spaniens sind Statuen der Personen der Passion (der Leidensgeschichte des Jesus) aufgestellt auf Tragebahren. Diese werden in einer Prozession durch die Stadt getragen, begleitet von Trommeln und teilweise Dudelsäcken.












Im folgenden Bilder verschiedener Prozessionszüge. Diese finden vor allem am späten Abend und nachts statt. Die Teilnehmer sind fast durchgehend vermummt und tragen spitze Hüte, sehen dadurch gespenstisch aus.


















Unterwegs wird hier der Kreuzweg gebetet, mit den 14 Stationen der Passion.










"Prozessionen finden die gesamte Karwoche über statt, die Hauptprozession ist jedoch in der Regel am Karfreitag. Sie werden von Hermandades bzw. Cofradías genannten Vereinigungen organisiert und durchgeführt. Die Bruderschaften sind in der Regel einer Kirchengemeinde angeschlossen. Zu jeder Prozession gehören mehrere hundert bis zu über tausend Personen. Die Prozessionen setzen sich in der Regel aus den Pasos mit ihren Trägern und Begleitern, den Nazarenos (Büßern) und Musikkapellen bzw. Trommlergruppen zusammen." (Quelle: Wikipedia)






















Die Büßer laufen oft barfuß, tragen lange Kutten und sind mit der typischen Spitzhaube maskiert, was der Anonymität des Bußakts dient.
























"Wichtiger Bestandteil der Prozessionen sind die Pasos. Dabei handelt es sich um tischförmige Konstruktionen, die eine Marienstatue oder eine Szene des Kreuzwegs mit Jesusstatue zeigen. Sie werden von Trägern (Costaleros), Mitgliedern der Hermandades, auf Schultern getragen. Die Träger befinden sich dabei unter den Konstruktionen. Wegen der Seitenbehänge aus Stoff können die Träger die Umgebung also nicht sehen. Kommandos für die Richtung und das Tempo werden von einem Begleiter gerufen. Kommandos für das gleichzeitige Absetzen und Anheben der Konstruktionen werden durch Klopfzeichen gegeben. Das Hauptelement einer jeden Prozession ist die Virgen (Jungfrau Maria), die mit kostbaren Gewändern, Kerzen und dem typischen Baldachin geschmückt ist." (Quelle: Wikipedia)



















































Am Ende der Pilgerschaft kehre ich nochmals zurück zur Kathedrale.

Das Pórtico de la Gloria des Baumeisters Mateo im Eingang des Westportals Fachada del Obradoiro gilt als architektonisches Meisterwerk. Die zentrale Figur der tragenden Säule ist der sitzende Jakobus mit Stab und bronzener Aureole.

Auch wenn ich der Pilgerlegende selbst in Zweifel ziehe, Jakobus ist für mich doch Mittelpunkt dieser Pilgerschaft geworden. Erst bin ich ihm in vielen Symbolen, Namen und Verweisen nähergekommen, am Ende nun doch in Persona, wenn auch steinern.



Die kontemplative Haltung und fast demütige Ausstrahlung verkörpern wohl mehr das Wesen dieses langen Weges, als das Bild eines schwertschwingenden Streiters.

4 Comments:

Anonymous Dr. Anton W. Schneider said...

Hola Andie,
das ist schon eher ein Schlusswort. Leider sind die - bestimmt überwältigenden - Fotos der Karwoche nicht zu sehen. Bitte lade sie noch einmal hoch. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, die Fotos von Pamplona sind auch nicht zu sehen. Das klingt ein bisschen pingelig, aber ich habe mich so an Deinen nahezu perfekten Berichtsstil gewöhnt, dass ich diese Fotos nicht missen möchte. Deine "Bildergeschichte" habe ich genossen, vor allem weil der spirituelle Aspekt Deiner Jakobuspilgerschaft bei den Fotos nicht zu kurz kommt. Hier hast Du ein Gesamtwerk abgeliefert, das jedem Jakobuspilger das Herz höher schlagen lässt. Auf meinem nächsten Camino werde ich bestimmt an Dich denken - und auch beten. Nochmals vielen Dank für die schönen Stunden, die Du mir mit Deinem Bericht bereitet hast.
Buen Camino
Anton

7/18/2007 9:06 vorm.  
Blogger Andie Kanne said...

Hallo Anton,
vielen Dank für den sehr freundlichen Kommentar. Es freut mich, dass Dir der Blog gefallen und schöne Stunden bereitet hat!

Das mit den Fotos ist seltsam, sie waren online. Es ist viel Arbeit, die Bilder einzupflegen, wenn die dann "verschwinden", ist das frustrierend.
Ich überlege daher, den Blog auf einer stationäre Site zu veröffentlichen.

Alles Gute, Ultreia!
AK

7/22/2007 4:18 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

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Wegen der Problematik fehlender Bilder ist jetzt eine stationäre
Webseite aufgeschaltet:


http://www.spengler.li/camino_jakobsweg

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8/03/2007 1:20 vorm.  
Anonymous Anonym said...

Hallo Andi,

vieln Dank für diesen hochinteressanten und so gut nachvollziehbaren Bericht über den Jakobsweg. Ich habe dies alles praktisch in Einem durch gelesen, konnnte und wollte nicht aufhören und es über ein paar Tage verteilen.
Seit ein paar Tagen hat mich der Gedanke, den Jakobsweg auch einmal zu beschreiten erfasst und eine der ersten Infoquellen die ich fand war dieser Blog (der Jakosbweg quert nur wenige Km von meinem Haus ...). Danke nochmal dafür.
Weiterhin alles Gute
Hubert

9/12/2011 7:21 nachm.  

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