Camino. Mein Jakobsweg von Konstanz nach Santiago de Compostela im Winter. Eine Bildergeschichte.

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In diesem Reisebericht beschreibe ich meinen persönlichen Jakobsweg. Ich habe den Weg von Januar bis April 2006 gelaufen, von Konstanz in Deutschland nach Santiago de Compostela in Spanien.

Die Strecke von Konstanz nach Einsiedeln auf dem sogenannten Schwabenweg ist an sich bereits ein ausgewachsener Pilgerweg, für mich war sie jedoch eher eine Teststrecke. Ich habe keine französischen oder spanischen Sprachkenntnisse und die Jahreszeit ist nicht ganz optimal zum Laufen. In der Schweiz hätte ich mir bei Problemen leichter helfen können, Ausrüstung austauschen oder bei Bedarf erweitern.

Von Einsiedeln nach Genf bin ich mit dem Zug gefahren, weil das Laufen in den Bergen wegen der Witterungsverhältnisse zu gefährlich war. Oft waren die Bergpfade vereist, meist von einer dünnen, frischen Schneeschicht überzogen, sodass ich spiegelglatt vereiste Stellen nicht erkennen konnte. Einige Stürze waren die Folge. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, alleine unterwegs in den Bergen, ist das kein Spass. Auch wollte ich kein Risiko eingehen, wegen Leicht- oder Starrsinn den Camino mit einem Gips am Fuss im Bett vertauschen zu müssen.

Von Genf nach Santiago -eigentlich über Finisterre bis nach Muxia- bin ich dann durchgehend gelaufen. Kein Zug, kein Bus, kein Auto, kein Karren. Füsse.

Warum ich den Bericht schreibe? Ich konnte im Vorfeld bei den Träumereien und später den Vorbereitungen viel von Erfahrungen anderer Pilger profitieren, und möchte meine Erfahrungen nun ebenfalls einbringen und somit meinen Dank ausdrücken. Im Sommer laufen Tausende den Camino, es gibt entsprechend viel Informationen und Berichte. Reiseerfahrungen über eine Pilgerschaft im Winter sind nicht so häufig.

Viel Spass!

Tag 1: Amsterdam (NL)-Külsheim (D), -2°C



Im Intercity komfortabel von Amsterdam nach Frankfurt gereist. In Frankfurt dann umsteigen auf einen Regionalzug nach Aschaffenburg. Dort ein kleiner Aufenthalt, dann weiter in einem Bummelzug entlang des Mains, dann der Tauber nach Bronnbach.



Ich werde über 2000km zu Fuss unterwegs sein. Tagebuch möchte ich schreiben, nehme mir zur Dokumentation jedoch auch vor, von allen durchquerten Ortschaften möglichst Bilder des Ortschilds zu machen. Was nicht immer gelingen wird, da ich oft nicht auf dem Hauptweg zu einem Ort reinkomme.

Im Konventbau des Klosters Bronnbach befindet sich seit dem Jahr 2000 eine Ordensniederlassung der Kongregation der "Missionare von der Heiligen Familie" mit polnischen Padres. Im ehemaligen Stallgebäude ist die Außenstelle des Instituts für Silicatforschung der Fraunhofer-Gesellschaft.

Geistiges aller Ebenen.



Im Kloster lasse ich mir den ersten Stempel in meinen Pilgerausweis machen. Das wird dort wohl nicht allzu oft verlangt, der Bruder ist ganz erstaunt.

Ich übernachte in Külsheim, in der Nähe von Bronnbach. Meine ersten 7 km zu Fuss! Es ist kalt, bei klarer Luft. Während ich unterwegs bin beim Aufstieg aus dem Taubertal auf die Höhe, wird es dunkel.

Was für eine Stimmung! Winter, Kälte, Stille.

Tag 2: Külsheim (D)-Konstanz (D), -12°C



Die Nacht war klar, daher ist es sehr kalt am Morgen. Ich werde heute im Auto nach Konstanz gefahren, meinem Startpunkt am Bodensee. Wir planen dem süddeutschen Jakobsweg zu folgen, der über Würzburg, Rothenburg, Crailsheim, Ulm, Weingarten nach Konstanz führt.

Wir werden über Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim nach Crailsheim fahren, um auf diesen Jakobsweg zu stossen.



Auf der Höhe nach Bad Mergentheim ist es bitterkalt. Ein sonniger Wintertag mit klarer, kalter Luft und entsprechend guter Sicht. Die Kälte nimmt fast den Atem, wenn man aus dem Auto steigt.



Schainbach ist ein kleiner Weiler, mit ein paar Bauernhöfen und einer alten Kirche. Den Schlüssel gibt es beim Nachbarn.



Die evangelische Kirche in Schainbach ist dem heiligen Jakob geweiht, ein beinahe untrügliches Zeichen dafür, dass der Jakobsweg im Ort vorbeiführt.



Einige Kilometer hinter Schainbach steht bei Wallhausen die Anhäuser Mauer. Mitten auf dem Acker sind die Reste des Chorraums eines Pauliner-Eremitenklosters, von dem weiter nichts geblieben ist als eben diese Mauer. Nichts in der Umgebung deutet sonst auf eine Siedlung hin, nur Wald und Ackerland.



Weiter geht es nach Crailsheim, einer Stadt auf der Hochebene im Hohenlohischen. Schwer von Kriegsschäden getroffen, hat die Johannes Kirche mit einer Jakobsdarstellung auf dem Altar glücklicherweise die sogenannte Schlacht um Crailsheim überstanden, bei der am 20. April 1945 die historische Innenstadt zu 95 % zerstört wurde.






Der Altar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers (Nürnberg, Ende 15.Jh.) zeigt auf der Rückseite ein Bild des Jakob in Pilgerkleidung und mit Muschel.



Schiff der Johanneskirche, im Stil einer spätgotischen Bettelordenskirche der Franziskaner, 1398 bis 1440 erbaut, mit dem alten Taufstein.



Nach etlichen Kilometern durch das herrlich winterliche Süddeutschland kommen wir in Ulm an. Das Ulmer Münster hat mit seinem 162m hohen Turm den höchsten Kirchturm der Welt aufzuweisen. Erbaut wurde das Münster über einen langen Zeitraum von 1377 an.



Trotz des Bildersturms im Zuge der Reformation, bei dem die meisten Kunstschätze zerstört wurden - inklusive 60 Altären und dem Hauptaltar, ist das Innere der Kirche immer noch sehr beeindruckend.






In Ulm stösst der historisch bedeutsame Jakobsweg aus Nürnberg auf den Weg aus Würzburg. Auf dem Nürnberger Weg kommen Pilger aus dem Osten Europas, beispielsweise via Tillyschanz.






Die schwäbische Alb unter Schnee.



Nach weiteren 60km Ankunft im Kurort Bad Waldsee, der auch auf dem Jakobsweg liegt. Für Fussgänger und Radfahrer ist der Weg voll ausgeschildert.



Die Stiftskirche von Bad Waldsee.



Weiter geht es nach Weingarten, zur Benediktinerabtei St.Martin. Das Kloster und die Kirche sind eine Hauptsehenswürdigkeit der Oberschwäbischen Barockstraße. Später in Einsiedeln werde ich die grosse Ähnlichkeit der Bauwerke feststellen.



Es ist hier so kalt, dass sogar das Weihwasser im Vorraum der Kirche eingefroren ist.



1715-1724 wurde die große, reich ausgestattete, barocke Klosterkirche neu erbaut, die seit 1956 den päpstlichen Ehrentitel Basilika (Basilica minor) trägt. Sie sollte inmitten einer idealtypischen Klosteranlage stehen. Der Idealplan des Klosters konnte jedoch nur teilweise in die Wirklichkeit umgesetzt werden.



In der Kirche sehe ich eine interessante Abbildung von Maria mit ihrem Kind im Arm an einem Pfeiler. Was mögen die Symbole bedeuten?

Inzwischen weiss ich mehr:

"In der Offenbarung des Johannes sieht der Glaube das Geheimnis der lmmaculata dargestellt:
'Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt einen Kranz von zwölf Sternen' (Offb 12, 7).
Auf dem vorliegenden Bild fehlen die Sterne und die explizite Darstellung der Schlange, die durch einen nach unten schauenden Kopf ersetzt ist.

Maria ist mit der Sonne umkleidet, wir sehen die Strahlen von ihrem Leib ausgehen. Mit der Sonne umkleidet sein heißt: mit Christus umkleidet zu sein. Nicht mit einem äußeren Gewand, sondern mit dem, was im Innern ist und nach außen sichtbar wird. Die wahre Schönheit des Menschen ist die, die von innen kommt.

Maria steht auf dem Mond. Der Mond ist Symbol für die Unbeständigkeit, da seine Gestalt immer wieder wechselt. Gemeint ist die Unbeständigkeit und Wankelmütigkeit des Menschen vor Gott. Sie ist bei Maria nicht zu finden. Die Schlange als Symbol des Versuchers und seiner Macht über den Menschen, hängt zu Füßen Marias (hier der Kopf anstelle Schlange) .

Da Gott Maria dem Herrschaftsbereich des Bösen entzogen und selbst Wohnung in ihr bezogen hat, wurde symbolhaft in Maria der Schlange der Kopf zertreten. Damit begann die Erfüllung der Verheißung an Eva, dass der Spross der Frau der Schlange den Kopf zertreten werde (vgl. Gen 3, 15)." nach http://mariendom.de/gnadenbild/gnadenbild.html




Im Seiteschiff der Kirche ist noch eine grosse Krippe aufgebaut, das Lebenswerk eines lokalen Künstlers, eines Schäfers.



Bei Meersburg setzen wir in der untergehenden Sonne mit der Fähre über den Bodensee. Zurück in Konstanz, das ich seit vielen Jahre kenne und wo ich einige Jahre als Student gewohnt habe.

Ich bin an meinem Ausgangsort angekommen. Was wird die kommende Zeit bringen?

Tag 3: Konstanz (D)-Tobel (CH), 8h, -3°C



Habe auf dem Bodanrück übernachtet, in der Jugendherberge. Im Vorfeld hatte ich sogar noch einen Jugendherbergsausweis erworben, trotzdem nehmen sie noch 26€ für die Übernachtung. Es war eine der teuersten der ganzen Reise.

Der See ist wie üblich um diese Jahreszeit mit einem kalten und feuchten Nebel bedeckt, der sich über Konstanz legt. Immerhin ist er nicht so dicht, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Mit Blick auf den Bodensee geht es über den See-Rhein in die Stadt.



Zu meiner grossen Überraschung finde ich, erstmals seit ich Konstanz kenne -und das ist 15 Jahre her- das Münster ohne Baugerüst am Hauptportal vor. Grossartig! Im Münster findet gerade ein Gottesdienst statt. Mein Abschied aus Deutschland.

Es sind übrigens auch bereits die ersten Zeichen der alemannischen Fasnet zu sehen.



Und das ist ein Grund meiner Reise: Der Jakobsweg-Wegweiser vor dem Münster. Wie oft stand ich hier und träumte von diesem Weg. Er ist so lang, dass er unwirklich erscheint. Wer hat schon soviel Zeit? Und wenn er dann soviel Zeit hat, wer hat noch soviel Gesundheit?
1950km sollen es von hier sein. Im Pfarrbüro, beim Abholen des Stempels, können sie mir allerdings nicht sagen, über welche der Routen dieser 1950km Weg verlaufen soll. Ich kann es rechnerisch nicht nachvollziehen. Muss einiges mehr sein.

Übrigens bin ich der erste Pilger nach Santiago in diesem Jahr in Konstanz. Das hatte ich nicht erwartet! Es ist der 25. Januar.



Nach Konstanz geht es über die Grenze nach Kreuzlingen, die ich schon so oft gegangen bin. Komisches Gefühl, hier zu laufen ohne echte Vorstellung davon zu haben, was mich die nächsten Monate erwartet. Die Welt um mich in der Stadt wirkte geschäftig, die Stimmung war, vielleicht durch den Nebel, ruhig und gedämpft. Ich erlaube mir, mich eine Weile aus dieser Welt auszuklinken und einfach loszulaufen. Und meine Familie erlaubt es mir ebenfalls. Danke!

Schauen die Leute in Konstanz und Kreuzlingen mich komisch an, weil ich offensichtlich nicht auf dem Weg zu einer Arbeit bin, oder bilde ich mir das nur ein?



In Kreuzlingen geht es steil hoch auf den Seerücken. Der Jakobsweg von Konstanz nach Einsiedeln heisst Schwabenweg, und ist als solcher auch hervorragend ausgeschildert.
Innerhalb kurzer Zeit verändert sich die Umgebung, es wird wesentlich kälter und es liegt etwas Schnee.



Ich bin unterwegs in der Schweiz. Nicht zu übersehen.



Ellinghausen im Thurgau.



Lippoldswiler. Schneidend kalter Wind, ich bin froh, dass ich mir eine sehr gute Ausrüstung geleistet habe. Alle Klappen dicht, damit der Wind keine Chance hat. Obwohl es an offenen Hautstellen (d.h. nur im Gesicht) so kalt ist, dass es schmerzt, bin ich unter all den Lagen am Oberkörper nassgeschwitzt.



In Waldstücken ist es gleich angenehmer, der Wind kommt kaum durch die Bäume.



Omen?



Eines der schönen Thurgauer Fachwerkhäuser unterwegs.



Märstetten. Ich habe grossen Hunger, aber alle Gaststätten scheinen geschlossen. Der Schwabenweg führt fast durchwegs über Wege, die stark verkehrsberuhigt sind, also meist auch nicht durch das Zentrum der Orte.



Die evangelische Jakobskirche in Märstetten. Eine Stempel für das Stempelbuch liegt aus. Ist das angenehm, ein paar Minuten im Warmen sitzen zu können und den Rucksack abzulegen!



Die Kirche von Innen, die Fresken wurden bei einer Renovierung überraschenderweise freigelegt.



Amlikon, auf der Brücke über die Thur.



Amlikon Ansicht.



Hünikon.



Typisches Bild an einem Hof unterwegs. Die Schweiz betreibt ein hochsubventioniertes Kleinlandwirtschaftssystem mit strengen Quoten, beispielsweise auf der Milchleistung.



Kapelle bei Kaltenbrunnen, leider verschlossen.



"Ohne Gott alles Spott". Ist mir nie aufgefallen, war früher viel mit dem Mountainbike in dieser Gegend unterwegs.



Johanniter-Komturei in Tobel, meinem Zielort für heute.

"Als Folge eines Brudermordes auf dem toggenburgischen Grafsitz Rengerswil bei Wängi wurde 1228 eine Niederlassung (Komturei, Kommende oder Ritterhaus) des während der Kreuzzüge entstandenen Johanniterordens gegründet. Zum Stiftungsgut gehörten auch die Burgen Heitenau und Allenwinden bei Tobel. Verbindungen bestanden mit dem mittelalterlichen Pilgerweg von Konstanz nach Einsiedeln (Schwabenweg). Aus diesen Strukturen hat sich im Laufe der Zeit das Dorf Tobel entwickelt. Der dreiflügelige Bau des berühmten Barock-Architekten Johann Caspar Bagnato ersetzte 1747 die alte Komturei. Nach der Auflösung des Ordens 1807 wurden dessen Niederlassungen herrenloses Gut. Die Komturei fiel an den Kanton Thurgau, der in den Gebäuden eine Zucht- und Arbeitsanstalt einrichtete und laufend ausbaute. Nach der Aufhebung 1973 wurden die nach 1811 erstellten oder massiv umgebauten Gebäude abgebrochen." Quelle http://www.komturei.tg.ch







Zur Komturei gehört eine Kirche mit Friedhof.



Eher kitschig in der Kirche - aber warm ...



... und mit interessanten Weihnachtskrippen. Bethlehem wird kurzerhand in die Bergwelt verlegt.


Übernachte in einer privaten Pension bei einer verwitweten Dame. Heiss duschen, eine Wohltat! Essen gehen, dann ab ins Bett. Die Nachtruhe ist allerdings nicht wirkliche eine Ruhe, der Kreislauf rotiert, die Füsse glühen, wache oft auf.


Die Dame wird in einigen Tagen künstliche Kniegelenke erhalten, wie sie mir beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt. Sie hat grosse Angst vor der Operation. Sie träumt vom Bergwandern, hat mit ihren schlechten Knien im letzten Jahr sogar noch eine kleine Wanderung in den Bergen gemacht, bis es nicht mehr ging vor Schmerzen. Allerdings hatte keine der Freundinnen Zeit, sie zu begleiten. Das findet sie jetzt noch schade.

Ich muss oft an sie denken unterwegs.

Tag 4: Tobel (CH)-Steg (CH), 8h, -3°C



Nach einem guten Frühstück geht es weiter. Der Morgen ist diesig, ich werde heute die Sonne wohl nicht sehen. Immerhin kein so eisiger Wind mehr wie gestern.
Gusseisernes Kreuz nach Tobel, im Hintergrund grosse Treibstofflager. Man riecht die Benzine im Wind wesentlich stärker, als ich erwartet hätte.



Die Jakobsmuschel (Pecten maximus) ist das Symbol des Hl. Jakob, des Älteren. Pilger hefteten sie früher zum Beweis Ihrer Pilgerschaft in Santiago auf Ihre Kleidung für den Rückmarsch.
Auch heute ist die Muschel ein beliebtes Symbol auf dem Jakobsweg. Leute, die Jakobsmuscheln auf ihren Türbalken oder Gärten anbringen, stehen den Pilgern üblicherweise mit Rat und Tat gerne zur Verfügung.
Die Muschel im Bild oben ist die erste echte Jakobsmuschel, die ich am Weg entdecke, und erfreut mich sehr.



Die Sonne kämpft, aber sie findet den Weg nicht durch in den Thurgau.



Kleine Kapelle am Weg von 1715 am Ortsrand von St.Margarethen. Auf dem Kreuz ist ein sogenanntes Lothringer Kreuz (frz. Croix de Lorraine oder Croix d'Anjou) angebracht.



Als ich in St.Margarethen an dieser kleinen Kirche vorbeikam, begann es zu schneien. Die Türe ging auf, und einige Leute kamen aus der Kirche, der Morgengottesdienst war eben zuende gegangen. Ich ging in die Kirche hinein, um etwas zu verschnaufen. Der Pfarrer sah mich und kam auf mich zu. Er war erstaunt, um diese Jahreszeit einen Pilger begrüssen zu können und zeigt mir die Kirche.



Sie ist erst vor einigen Jahren grundlegend renoviert worden, bei diesen Arbeiten wurden überraschend Fresken freigelegt. Zuerst war man wenig erfreut, da die Kosten sprunghaft stiegen - der Denkmalschutz verbot es, die Fresken einfach wieder zu übertünchen.
Heute freut sich die Gemeinde, ein solch schönes Kleinod zu haben.



Die Kirche liegt seit alters her direkt am Jakobsweg. Früher wurde die Kirchentür zu keiner Zeit abgeschlossen, um Pilgern in der Kirche Unterkunft zu bieten. Damit sie nicht die Kirche ruinierten oder ausräumten, war zwei Meter nach der Türe die Kirche mit einem Holzgitter abgetrennt, das heute nicht mehr vorhanden ist. Genug Platz ist jedenfalls zum Schlafen, genug Sicherheit für den Kirchenschmuck.
Die Pilger hinterliessen Graffitis auf den Wänden, diese wurden nun ebenfalls im Rahmen der Renovierung freigelegt. Schmierereien mit Namen und Jahreszahl. 1645 lese ich an einer Stelle.



Weiter geht es, entlang vereisten Wegen und Bächen.



Dussnang-Oberwangen, die barocke Martinskapelle aus dem 11./12. Jhd auf einem Hügel. Wegen Vandalismus-Gefahr verschlossen. Schlüssel bei Nachbarn erhältlich, das steht aber nicht unten an der steilen Treppe, sondern oben an der Tür. Das ist mir dann doch zuviel, ich laufe weiter.



Das Ort und das Kloster Fischingen, im sogenannten Tannzapfenland. Es ist Mittagszeit, wäre schön, wenn ich im Kloster essen könnte.
Der Weg ist so glatt, dass ich in der Wiese laufen muss. Ich merke, als ich unten bin, dass ich oben mein Stirnband verloren hab. Also nochmals die Wiese hoch- und runterstapfen.



Das Benediktinerkloster Fischingen wurde 1138 vom Konstanzer Bischof Ulrich II. gegründet. Es wurde 1848 aufgehoben (in Deutschland war Säkularisation und damit Aufhebung der Klöster bereits 1803). Die Gebäude des Klosters wurden an einen Textilfabrikanten verkauft. Später bestand im Konvent eine Handelsschule.
Nach der Aufhebung des so genannten "Ausnahmeartikels" in der schweizerischen Bundesverfassung 1973, der die Errichtung neuer bzw. die Wiederherstellung aufgehobener Klöster verbot, wurde 1977 das Kloster Fischingen in den alten Gebäuden wieder errichtet.

Unterhalb des Altars der Hl.Idda im Bild oben ist eine kleine Öffnung zu sehen. Es ist Pilgerbrauch, die Schuhe auszuziehen und die Füsse dort hineinzuhalten, Beschwerden würden dann gelindert. Ich kann mir eine Kühlung der heissen Füsse im Sommer auch als sehr angenehm vorstellen. Ich spare mir diesen Brauch und bin froh, wenn ich mich nicht bücken muss zum Schuhe an- oder ausziehen.



Der Klosterhof mit schönem Brunnen. Mittagessen für mich ist im Kloster nicht möglich, es ist übrigens modern ausgebaut und bietet Business-Komfort für Meetings oder Seminare.
Die Patres und Ihre Gäste tragen gerade das Essen ab. Schade, wenn ich das Stirnband nicht verloren hätte, hätte es wohl geklappt. Im Kloster kaufe ich ein naturbelassenes Früchtebrot aus steingemahlenem Mehl, ohne Konservierungsstoffe, lange haltbar. Kostet 10 SFR, hoher Preis, der für mich durch das grosse Gewicht bei kleinem Volumen gerechtfertigt scheint - rustikaler Ansatz. Und in der Tat, das Brot hat einen hohen Nährwert. Die letzten Reste werde ich tief in Frankreich essen.



Nachdem ich gegenüber des Klosters in einer Gaststätte gegessen habe, geht es weiter. Weiterlaufen nach einem Aufenthalt in einer herrlich warmen Gaststube ist eine kleine Überwindung. Die Kleider sind feucht vom Schweiss und dem Nieselregen.



Das Dorf Au, ein Anstieg hat mich ordentlich aufgewärmt nach der Rast in Fischingen.



Kurze Einkehr in der St.Anna Kirche in Au.



Dann beginnt der Aufstieg. Der Weg geht hoch zum Hörnli, einer Passhöhe von 1133m. Fischingen war noch auf 625 m. Mit der Höhe steigt die Schneetiefe.




Ein Leben in dieser Umgebung, die von Naturgewalten geprägt ist, und bis vor wenigen Jahrzehnten auch von Armut geschlagen war, vertieft wohl die Beziehung zu religiösem Brauchtum und der Suche nach Schutz und Geborgenheit.



Es wird jetzt winterlich, wie man es sich in den Bergen vorstellt.



Das Wetter wird dunkler, ich komme zum Glück jedoch nicht in einen Schneesturm.



Die Grenze zwischen den Kantonen Thurgau und Zürich bedeutet auch das Ende der Wegstrecke mit den weissen Schwabenweg-Schildern, an die ich mit gewöhnt habe. Der Kanton Zürich findet, dass eine solche weisse Wegmarkierung nicht ins Schweizer Beschilderungssystem passt (welches im Übrigen hervorragend ist!). Touristische Schilder, und der Jakobsweg fällt nach Ansicht der Zürcher hierunter, haben gefälligst in der Farbe Braun für Touristen beschildert zu sein. Keine Extrawürste, bitte.
Mich erstaunt -obwohl ich 10 Jahre in der Schweiz gewohnt habe- die offensichtliche Disharmonie zwischen den Kantonsregierungen, die hier offen zur Schau gestellt wird.



Kurz danach komme ich nach einem steilen und glatten Endstück am Bergrestaurant auf dem Hörnli an. In anderthalb Tagen von 400 Höhenmetern am Bodensee auf über 1100m am Hörnli, ich bin zufrieden.



Drinnen grosser Trubel, das Restaurant ist voll mit Rodlern, die von hier die Strasse abwärts rodeln und erst noch den einen oder anderen Mutmacher trinken. Obwohl ich erst so kurz unterwegs bin, merke ich, wie stark ich schon an die Ruhe gewöhnt bin. Ich trinke eine Kaffee, dann geht's weiter.




Endlich wieder alleine. Die Strasse und später die Pfade sind hier spiegelglatt.



Sogar die Witterung spielt mit und zeigt einige Lichtspektakel.



Das Abwärtslaufen ist sehr anstrengend und auch gefährlich wegen des Eises. Kurz nach der Aufnahme stürze ich und rutsche unbremsbar bis in die Kurve vorne, quer über die Strasse. Später wird es auf den Pfaden noch schlimmer. Einige sind Hohlwege, und wie ein Eiskanal komplett vereist. Ich muss auf der Hose rutschen, mit dem Rucksack auf dem Rücken. Normalerweise würde mir das Spass machen, aber hier, alleine unterwegs und mit dem Ziel vorwärts zu kommen, ist der Spass nicht ganz so gross.



Hier starb, wie an der Muschel erkennbar ist, der Jakobspilger Erich Müller am 12.9.1995. Ich finde später keine Dokumentation über die Todesursache im Internet oder einem Reiseführer. Es ist wohl nicht der schlechteste Tod, hier oben in der Einsamkeit und Schönheit der Natur - denke ich mir und versuche dann aber trotzdem, schlimmere Stürze zu vermeiden.



Ankunft im Tal, im Ort Steg im Tösstal. Es ist später Nachmittag. Nachdem ich heute eigentlich nur bis zum Hörnli kommen wollte, und nun sogar noch den Knie-intesiven Abstieg gemeistert habe, werde ich mir hier eine Unterkunft suchen.



Pensionen oder gar Hotels sind mir zu teuer, ich finde äussert herzliche Aufnahme mit Familienanschluss in einem original alten, schweizerischen Bauernhof bei der Familie Gafner-Rüegg. Sehr empfehlenswert! (Marcel und Karin Gafner-Rüegg, 055-2451525)

Tag 5: Steg (CH)-Etzelpass (CH), 8.5h, -5°C



Auch letzte Nacht recht unruhig geschlafen. Der Kreislauf hat sich noch nicht an die neuen Aktivitäten gewöhnt, und rotiert die halbe Nacht. Früh morgens geht es weiter, habe noch mit der Familie gefrühstückt und teile den Schulweg der Tochter ein Stückchen.



Ein Zufluss zur Töss ist gefroren.



Fischenthal, die Kirche ist um diese Zeit noch verschlossen.



Fistel, der Tag verspricht sonnig zu werden. Wird auch Zeit, nach dem vielen Nebel.



Schottischen Hochlandrindern scheint das Klima nichts auszumachen.



Rapperswil, die Rosenstadt, liegt am südlichen Zürichsee, im Kanton St.Gallen



Neben der Tür am Pfarrhaus ein handgemachtes Jakobsweg Wegweiser. 1868km.



Blick von der Burg inmitten der Stadt auf einem Hügel gelegen auf den Zürichsee Richtung Jona. In den Schattenbereichen ist der See gefroren.



Die Liebfrauenkapelle zwischen der Burg und der Kirche St.Johann stammt von 1489.



Blick von der Burg auf die Fussgängerbrücke nach Hurden. Über diese Brücke werde ich nachher laufen, um nach Pfäffikon zu kommen.



Die Altstadt von Rapperswil.



Die Fussgängerbrücke führt an Resten keltischer Siedlungen im See vorbei.






Pfäffikon, wieder ein Kantonswechsel, ich bin nun im Kanton Schwyz. Im Hintergrund sieht man den Anstieg, der nun vor mir liegt. Ich möchte auf den Etzelpass, dort ist die Pension St.Meinrad. Von 416m auf 950m Höhe. Bin mal gespannt, ob die Sicht da oben nicht mehr so trübe ist.



Der Jakobsweg ist zu wichtig, als dass man ihn einfach wegen einer Baustelle unterbrechen könnte. Es gibt eine ausgeschilderte Fussgängerumleitung.



Blick zurück auf Pfäffikon, hinten im Dunst Rapperswil und die Brücke dazwischen.



"Mach nur die Augen auf, alles ist schön" steht auf der Tafel. Schönes Motto.



Hier kommen die beiden Jakobswege aus Konstanz und der aus Rorschach-St.Gallen zusammen, der von den Pilgern entlang des nördlichen Alpenrands genutzt wird.

Franziska wird an diesem Punkt vorbeigekommen sein. Ich kenne sie nicht persönlich. Sie hat im Internet einen Bericht über ihren Camino von St.Gallen nach Santiago veröffentlicht, der mich sehr fasziniert hat, http://www.franziska.ch. Ich werde wohl nicht so emotional sein wie sie, bin aber gespannt, wie ich mit unterwegs möglicherweise kommenden Krisen umgehen werde.




Nur noch wenige Meter, dann habe ich den Aufstieg auf den Etzelpass geschafft. Die Kapelle St.Meinrad und die Pension daneben liegen malerisch vor dem blauen Himmel. Hoffentlich ist sie geöffnet, es wäre noch ein gutes Stück zur nächsten potentiellen Unterkunft.



Die Strasse auf den Pass. Endlich klare Luft mit guter Sicht, ganz im Hintergrund Berggipfel über dem Nebel.



Blicke in die Berge.



Zum Glück ist die Pension offen und hat auch Platz für mich. Der Preis ist mit 70SFR hoch, aber das Zimmer ist gut, ausserdem ist auch ein Restaurant vorhanden. Ich wasche meine Kleidung in der Dusche und hänge sie über die Heizung. Hoffentlich ist sie bis morgen trocken.



Blick aus dem Zimmer, herrlich.



Und abends ein Käsefondue, wie kann man einen anstrengenden Tag besser beenden? Es gibt sogar nochmals einen zweiten Topf als Nachschlag, der erste hat den "Schlag nicht gespürt", wie man treffend sagt. Normalerweise trinkt man Tee oder Wein zum Fondue, ich brauche aber viel Flüssigkeit, da kommt das Bier gerade richtig.

Morgen ist zufälligerweise übrigens der Namenstag des St. Meinrad. Nicht, dass ich alle Namenstage kenne. Es ist aber eine Delegation Mönche aus Einsiedeln gekommen, um morgen in der Meinrad-Kapelle den Namenstag zu zelebrieren. Das Restaurant ist voll, neben den Mönchen und mir sind viele Jugendliche gekommen, wohl für wintersportliche Aktivitäten.

Tag 6: Etzelpass (CH)-Einsiedeln/Genf (CH), 1.5h, -5°C



Heute ist der Namenstag des St. Meinrad. Meinrad von Einsiedeln (* 797 bei Rottenburg (D) bis 861 in Einsiedeln) war ein Mönch, auf den die Gründung des Klosters Einsiedeln zurückgeht. Meinrad wurde an der Benediktinerabtei des Klosters Reichenau im Bodensee unterrichtet. Nach einigen Jahren entschloss er sich für ein eremitisches Leben und zog sich 828 an die Hänge des Etzels zurück. Er soll an der Stelle, wo heute die Gnadenkapelle in der Klosterkirche des Klosters Einsiedeln steht, eine Klause und eine Kapelle errichtet haben, um in der Einsiedelei Gott zu dienen (daher der Ortsname Einsiedeln).

Der Sage nach wurde Meinrad von zwei Landstreichern erschlagen, welche die Schätze begehrten, die am Schrein von gläubigen Pilgern niedergelegt worden waren. Daraufhin sollen zwei Raben die Mörder verfolgt und vor Gericht geführt haben. Aus diesem Grund sind auf dem Einsiedler Wappen zwei Raben abgebildet.

Zum Namenstag findet morgens in der eiskalten Kapelle ein kleiner Gottesdienst statt, mit Chorbegleitung.



Während die Festgemeinde zum z'Nüni in das Restaurant geht, ziehe ich weiter Richtung Einsiedeln.



Die Teufelsbrücke führt über die Sihl im zu Einsiedeln gehörigen Viertel Egg. Direkt neben der Teufelsbrücke wurde 1493 Paracelsus geboren. Die erste Brücke wurde von Abt Gero von Frohburg 1117 erbaut. Im 17. Jahrhundert wurde sie durch die steinerne Brücke mit Dach ersetzt.



Knietiefer Schnee, sobald ich etwas vom Weg abkomme ist er hüfttief.



Die sogenannte Galgenkapelle am Weg, hier wurden auch Urteile vollstreckt. Drinnen ist noch der Pranger zu sehen.



Blick auf Einsiedeln, das Kloster liegt in einer Senke und ist von hier noch nicht zu sehen. Wohl sind die Glocken zu hören, der Schall trägt bei dieser Luft kilometerweit.



Inschrift an dem Bildstock, der im Bild oben zu sehen ist.



Die Kirche des Klosters Einsiedeln ist Mittelpunkt des Ortes. Die Gründung der Benediktinerabtei geht auf das Jahr 934 zurück. Das barocke Kloster entstand im 17. ten Jhd. in drei Etappen nach den Plänen von Caspar Moosbrugger. Das Deckenfresko ist das grösste der Schweiz.

Einsiedeln ist der wichtigste Pilgerort der Schweiz. Er war auch Sammelort für die Pilger nach Santiago de Compostela.



Die reichhaltig ausgeschmückte Kirche. Im Chor vorne singen Mönche Gregorianische Gesänge.



Beim Betreten der Kirche steht man in einem grossen, achteckigen Raum und erblickt vor sich die Marienkapelle aus schwarzem Marmor, die sogenannte Gnadenkapelle. Es ist die Gebetsstätte des ersten Einsiedlers Meinrad. Nach seiner Ermordung 861 zimmerten die "Waldbrüder" über den Ruinen seines Altars eine Kapelle.
Das heutige Gnadenbild in der Kapelle schuf ein unbekannter Künstler im 15. Jahrhundert. Schon sehr früh bekamen Maria und das Jesuskind den prachtvoll bestickten Behang, der je nach Fest und Farbe wechselt und nur Gesicht und Hände freilässt.
Das Einsiedler Gnadenbild gehört zur Reihe der berühmten schwarzen Madonnen Europas (eine andere sehe ich später in Le-Puy). Schwarz geworden ist sie im Laufe der Jahrhunderte durch Staub und den Russ von Kerzen, Öllampen und Weihrauch. 1803 wurden Gesicht und Hände dann mit schwarzer Farbe übermalt.



Das wäre mir unter normalen Umständen nicht aufgefallen. Der Zug, der mich nach Genf bringen wird, führt ein Wappen: Jakobsmuscheln, Symbol des Jakobswegs, und die zwei Raben, Symbol des Hl. Meinrad und somit Einsiedelns.

Die Fasnet ist in vollem Gange hier, ausbündig feiernde Leute -einige augenscheinlich Überlebende der letzten Nacht- laufen/torkeln lautstark durch die Strassen, die Restaurants haben dekoriert, wie man das in der Schweiz nennt.

Nachdem ich mir Einsiedeln etwas angesehen habe, kaufe ich ein Ticket und betrete letztmals auf meinem Weg zum Atlantik ein Fahrzeug.

Das ist ein Unterschied! Nach einigen stillen Tagen in der Natur sitze ich nun in einem warmen Wagon, die Landschaft fliegt an mir vorbei. Wäre den Weg lieber gelaufen, aber die Vernuft setzt sich durch. Reines Laufen hätte ungefähr 18 Tage in Anspruch genommen, so bin ich in 4 Tagen durch, die Familie freut's.

In Genf dann fast Kulturschock. Samstagabend in der Stadt. Regen, Autos, Gestank, Lärm. Steige ab in einem Touristen lowcost Hotel. Internetcafe, eine Kleinigkeit essen, Wäsche Handwaschen, schlafen. Meine letzte Nacht in der Schweiz.

Resümee nach einigen Tagen quer durch die Schweiz: Ausrüstung gut, Moral gut. Der Körper stellt sich um, der Kreislauf wird ruhiger, wie ich nachts merke. Ein Pilgerland ist die Schweiz nicht. Es geht nüchtern zu und pilgern wird eher touristisch-wirtschaftlich gesehen. Kein grosses Interesse seitens der Menschen unterwegs. Dieser Wesenszug kommt mir entgegen und ist mir nicht unsympathisch.

Tag 7: Genf (CH)-Frangy (F), 11.5h, 5°C



Die Basilika Maria Immaculata (Notre Dame) von Genf, gegenüber dem Bahnhof. Im Vergleich zu anderen Basiliken ein recht kleines Gebäude. Genf hat natürlich auch eher eine reformatorische Tradition um Calvin, dazu später mehr.



Erstmals entdecke ich das lange erwartete Muschelsymbol als Wegweiser. Nun geht der Jakobsweg also richtig los - obwohl es eigentlich den Jakobsweg nicht gibt. Es gibt historische Routen, die sich im Laufe der Zeit an Bedürfnisse und Gegebenheiten angepasst haben. Als grundlegendes Wegesystem des Jakobsweges wurde auch auf alte römische Wege zurückgegriffen, da sie gut angelegt und ausgebaut waren. An etlichen Stellen, besonders in Spanien, wurde der originale Jakobsweg weiter ausgebaut, inzwischen teilweise sogar zu Autobahnen.



Die Altstadt von Genf. Alles ist ruhig, es ist Sonntag morgen.



In der Altstadt.



Im Park der Universität ist ein grosses Denkmal angebracht. Ich spreche einen Passanten an, und erhalte einen umfangreichen Vortrag über das Denkmal und die Geschichte Genfs, über den ich mich sehr freue. Der Passant stellt sich dann als Fremdenführer vor, der zufällig vorbeikam, er wiederum freut sich, einen interessierten Zuhörer zu finden.

Das Reformationsdenkmal besteht aus einer etwa 100m langen, bewusst schmucklos gehaltenen Skulpturenwand im Parc des Bastions, angebracht an die alte Verteidigungsmauer Genfs. Die oben dargestellten Reformatoren sind Farel, Calvin, Beza und Knox. Der Grundstein des Denkmals wurde am vierhundertsten Geburtstag von Johannes Calvin im Jahre 1909 gelegt.

Calvin, eigentlich Jean Cauvin (* 1509 in Noyon, Picardie; † 1564 in Genf), war ein Schweizer Reformator französischer Abstammung und Begründer des Calvinismus. Calvins Lehre beinhaltet, dass die Menschen an ihrer Fähigkeit zu strengster Pflichterfüllung sehen könnten, ob sie zum Heil vorausbestimmt seien. Obwohl Calvin mit dieser seiner Prädestinationslehre eigentlich die Allmacht Gottes und Bedeutungslosigkeit des menschlichen Willens betonte (innere Religiosität), begünstigte sie in Verbindung mit der strengen Moral und Kirchenzucht (äußere Religiosität), die Calvin in Genf einführte, jenes Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus bildete (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Calvin)



Nach einem langen Marsch durch Genf und die Vororte zeichnet sich dann endlich ab, dass ich bald aus der Stadt herauskomme. Laut dem Ampelmännchen muss ich wohl rennen.



Die Häuser verändern sich, die Vororte werden zu Dörfern, was die meisten Vororte vor einiger Zeit wohl auch waren.



L'ancienne commanderie de Compesieres, eine alte Burg des Malteserordens. Ursprünglich wurde der Gebäudekomplex als Hospiz für Pilger gebaut, dann als Militärhospital genutzt, später befand sich darin eine Salpeterfabrik. Heute ist ein Museum darin untergebracht.




Auf dem Friedhof der Burg liegen Persönlichkeiten des Malteserordens.



Charrot, ein kleiner Ort.



Unerwartete Station dann in Charrot. Ein Kasten mit Kartenmaterial, Infos, Notfallnummern und einem Stempel für den Pilgerausweis. Deutlicher Unterschied zum Pilgerservice in der Schweiz.



Ohne es gemerkt zu haben, habe ich die französische Grenze überschritten. Wo die genau war, konnte ich nicht feststellen. Schön, dass das heute so einfach geht. In anderen Zeiten hätte mich das den Kopf gekostet, einfach über Landes- oder Konfessionsgrenzen zu gehen. Der jeweilige Landesherr gab die Spielart vor -cuius regio, eius religio-, die oft genug mit dem Schwert verteidigt wurde. Das calvinistische Genf und das katholische Frankreich haben sich diesbezüglich lange und blutig beharkt.



Misteln verleihen einem ansonsten blattlosem Baum grünes Aussehen mitten im Winter.



Lathoy, ein kleiner Weiler.



Neydens, im französischen Département Haute-Savoie in der Region Rhône-Alpes. Seit dem Mittelalter unterstand Neydens der Genfer Herrschaft. Erst 1754 kam der Ort an Savoyen und teilte fortan dessen Schicksal.



Kreuzung in Neydens mit dem französischen Hahn. Ein römischer Meilenstein wurde im Gefallenendenkmal eingearbeitet.



Kreuz mit den Leidenswerkzeugen, die bei der Passion Christi angewendet wurden: Nägel, Ruten, Geißel, Dornenkrone, Lanze, Essigschwamm auf einem Rohrstock usw.
Für mich ist diese Darstellung ungewohnt, ich werde sie im Verlauf des Weges jedoch oft wiedersehen.




Gute Übersichtstafel mit der Wegführung, Höhenprofil und Symbolbeschreibung. Für mich beginnt nun in Frankreich eine Reise ins Ungewisse. Ich habe von Frankreich für die ersten hundert Kilometer Detailkarten dabei und die Übernachtungslisten anderer Pilger aus dem Internet, sowie einen kleinen Reiseführer aus der Outdoor Serie vom Stein Verlag. Ich habe die Strecke jedoch nicht strikt durchgeplant, und werde dort schlafen (müssen), wo es eben geht. Um diese Jahreszeit werden wohl auch nicht alles Gites geöffnet sein.

Für den Fall der Fälle habe ich eine dünne Isomatte dabei (3mm, mit Alufolie verklebt) und einen guten Daunenschlafsack. Allerdings ohne Schutzhülle oder Zelt. Ganz im Freien zu liegen wird nicht funktionieren. Schnee, Regen oder Reif würden den Schlafsack aufweichen und somit den Wärmeeffekt nehmen.

Fehlende Sprachkenntnisse werde ich selbstbewusst durch Gestik und Mimik ersetzen. Aber früher hatten die Bauern aus Europa auch keine französischen oder spanischen Fremdsprachenkenntnisse und sind trotzdem zu Millionen nach Santiago gepilgert. Recht authentisch also, die Sache hier.



Vom Lac Léman, dem Genfer See auf 370 Hm, gehe ich heute über den Col du Mont Sion auf 785 Hm. Im Bild die Hänge des Mont Salève (1350 Hm).



Ungewohnt schneefrei nach den Tagen in der Schweiz.



Beaumont. Hier gibt es wohl einen Gite, eine günstige Unterkunft also mit Etagenbetten und kleiner Küche, die man benutzen kann. Der Gite ist allerdings verschlossen, die Herbergseltern sind nicht anwesend. Was tun, bleiben oder weitergehen? Es ist 16Uhr, allzu lange ist es nicht mehr hell. Im Ort zu warten ist aber auch kein Spass - kein Cafe, keine Restaurant. Und wer garantiert, dass der Gite heute noch geöffnet wird? Ich entschliesse mich zum Weitermarsch. Dann muss ich nun aber ordentlich Tempo machen, wenn ich halbwegs vor Einbruch der Dunkelheit zur nächsten Unterkunft kommen will.



Kirche von Beaumont. In Frankreich sind die Kirchen nicht beheizt, dort zu warten auf einen Schlüssel zum Gite wäre also auch keine angenehme Alternative.



Oha. So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt! Blankes Eis, es ist auch recht zugig hier auf der Höhe.



Col du Mont Sion, gegen das Licht fotografiert.



Dahinter geht es wieder bergab in den Ort Mont Sion.



Ich laufe mit langen und schnellen Schritten weiter nach Charly. Es ist aber keine Unterkunft offen. Ich klingele an ein paar Häusern, auf mein vorsichtiges Andeuten will jedoch niemand am Sonntag Spätnachmittag einen fremden, dampfenden Pilger aufnehmen.



Ich bin froh, die Detailkarten dabeizuhaben. Für den Jakobsweg wird es nun zu dunkel. Ich habe zwar eine kleine Taschenlampe dabei, aber falls ich eins der kleine Symbole übersehen sollte, würde ich mich hoffnungslos in dieser dünnbesiedelten Gegend des Departement Haute-Savoie verlaufen.
Muss also auf der Strasse laufen, zum Glück habe ich die Karte dabei (Carte de promenade, Nummer 51, Lyon-Grenoble, 1:100.000 vom Institut Géographique National, IGN). Das ist aber auch kein Zuckerschlecken. Zum einen habe ich bereits ordentlich Kilometer in den müden Beinen -ohne Pause unterwegs seit Genf-, zum anderen muss ich vor den doch recht vielen Autos von der holprigen, engen Strasse öfter in den Strassengraben flüchten. Die Autofahrer haben aber auch kaum einen Chance, mich rechtzeitig zu sehen. Einen Fussgänger vermuten sie hier um diese Jahres- und Tageszeit natürlich nicht.



Contamine-Sarzin, 20 Uhr. Der Schweiss läuft mir aus den Ärmeln der Jacke. 1826km bis Santiago? Von Konstanz waren es laut Wegweiser 1950km, aber Konstanz ist 400km entfernt...

Beim Laufen, was inzwischen wohl nicht mehr ganz so sportlich aussieht, komme ich an abgelegenen Höfen vorbei. Hunde kläffen dann oft fürchterlich laut. Sind Hofhunde in Frankreich eigentlich immer angeleint? Gibt es hier auch wilde Hunde?

Der Wind frischt auf und wird nun stark böig. Ich laufe durch Wälder und über offene Wiesen, inzwischen abseits der grösseren Strasse auf kleinen Ortsverbindungswegen. Schon stundenlang ist es mittlerweile stockdunkle Nacht. Auf einmal lodert wenige Meter von mir entfernt aus dem nichts plötzlich einen Flamme vom Boden auf, ich erschrecke wie selten zuvor. Der Wind hat wohl ein Feuer angefacht, vielleicht haben Waldarbeiter Äste verbrannt, nun wurden die Reste schlagartig entzündet. Damit rechnete ich nicht unbedingt, der Schreck war ordentlich. Aber weiter, weiter, ich muss nach Frangy.



Frangy, endlich Frangy! 21.15Uhr.

Pensionen, Unterkünfte, Hotels, laut Reiseführer alles vorhanden. Ich werde lecker Essen gehen, ein Bier dazu trinken und dann ab ins wohlverdiente Bett. Meine Füsse kochen in den Stiefeln, ich dampfe buchstäblich.

Nach einer elendig langen Zugangsstrasse zur Stadt gehe ich in die erste Pizzeria. Grosse Augen bei den wenigen Gäste. Dann grosse Augen bei mir. Sonntags sind Hotels, Restaurants und Pensionen und sonstige Unterkünfte geschlossen. Das ist jetzt aber ein Witz, oder?
Nein. Der freundliche Wirt telefoniert durch die Gegend, erfolglos. Ich lasse das Gepäck zurück, soll hier an Türen klopfen und dort an Fensterläden. Nichts. Keine Tür geht auf. Ich humple zurück zur Pizzeria (eher eine Abholstation für den Pizzaservice) und esse was, bevor die auch dichtmachen. Grosses Mitleid der Gäste, sie spendieren mir Drinks.

Ich bedanke mich und mache mich auf die Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Es sieht aber auch damit schlecht aus hier, keine Scheune, kein Schuppen. Lege mich dann am Ortsausgang in einen Kellereingang. Windgeschützt, blickgeschützt morgen früh. Leider mit Bewegungsschalter des Lichts, bei jeder Drehung wird es hell. Immerhin, ich liege, und das nicht zu schlecht.

Die Pizza und die Biere liegen mir wie Steine im Magen, der Kreislauf dreht noch nach Stunden auf Hochtouren. Das wird wohl nicht meine beste Nacht.

Tag 8: Frangy (F)-Serrières-en-Chautagne (F), 6.5h, 7°C



Die Nacht war recht unruhig, aber ich konnte immerhin einige Stunden schlafen. Die 3 mm dicke Isomatte ist allerdings doch etwas dünn. Nicht wegen dem Komfort, sondern der fehlenden Isolierung. Hatte in der Nacht noch die Fleecejacke und -hose auf die Matte ausgebreitet als weitere Isolierung gegen den Boden, dann ging es prima.

Vor Jahren hatte ich so eine Matte auf einer langen Tramper-Reise mit einem Freund dabei, sie war damals ideal, allerdings waren wir damals in wärmeren Gefilden unterwegs. Bei Winterübernachtungen im Freien auf Beton kommt sie jedoch in den Grenzbereich, daher würde ich nun eine echte Isomatte vorziehen - aber natürlich keine zum Aufblasen, wegen dem grossen Gewicht. Ich werde später separat eine Packliste und Vorschläge zur Ausrüstung machen.

Sehr angenehm in Frankreich sind die Bars, die morgens um 7 Uhr bereits geöffnet haben. Die Leuten halten auf dem Weg zur Arbeit, trinken ihren Café und diskutieren das vor-abendliche Fernsehprogramm oder lesen Zeitung.

Eine Bar ist an diesem Morgen mein erster Gang. Einen Grand Café. In er Toilette etwas Wasser ins Gesicht und Zähneputzen. Noch einen Grand Café mit einem Croissant. Der Tag ist gerettet. Frisch, als wäre nichts gewesen, geht es weiter.



Desingy, 700 Einwohner. Im 19ten Jhd. wurden in Desingy noch 1500 Einwohner gezählt. Das Bauerndorf erstreckt sich an malerischer Lage auf einem sanft nach Norden geneigten Hang über dem Tal des Usses, östlich der Niederung des Rhônetals, im Genevois. Die Kirche St.Laurent stammt aus dem 11. Jahrhundert, ein schöner romanischer Chor ist erhalten geblieben.



Unterwegs, blauer Himmel. Eine Muschel am Eckpfosten zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.



Es ist diesig in den Tälern. Heute werde ich die Rhône unten im Tal wiedersehen. Sie entwässert den Lac Léman in Genf, ich habe sie dort gestern morgen überschritten.



Es geht durch ruhige Wälder. Ein aufgeschrecktes, den Weg querendes Wildschwein würde mich jetzt nicht wundern.



Im Kloster Fischingen hatte ich dieses Früchtebrot gekauft. Es ist so nahrhaft, dass ich nur kleine Stücke essen kann und satt bin. Während ich sitze und esse, läuft ein Fuchs in wenigen Metern vorbei, er bemerkt mich nicht.



Die Pferdekoppel ist so gross, dass ich das Ende davon nicht sehe. Das Leben auf dem Land hat grosse Qualitäten.




Der Ort Vens (350 m ü.M.) auf einem Geländevorsprung zwischen der Rhône und dem Fier. Hier steht eine der wenigen Marienbildstöcke, die ich in diesem Gebiet sehe.



Der Fluss Rhône. Es wäre interessant zu wissen, ob ich das vorbeifliessende Wasser gestern in Genf schon gesehen habe.

Nach Le-Puy-en-Velay sind es noch 290 km. Das rot-weiss Zeichen markiert den GR65. GR steht für Grand Randonnée (Große Wanderung), 65 ist die Nummer des Wegs. Der GR65 folgt dem Jakobsweg quer durch Frankreich nach St. Jean-Pied-de-Port vor dem Übergang über die Pyrenäen im Baskenland.

Mit dem rot-weiss Zeichen sind in ganz Europa Fernwanderwege markiert. Man könnte ohne weiteres dem Jakobsweg ohne Karte durch Europa folgen.



Der Weg ist gut ausgeschildert, auch Alternativrouten sind markiert. Ich laufe momentan übrigens die Via Gebennensis, die von Genf bis Le-Puy-en-Velay führt. Seit 1998 ist dieser Weg durchgängig markiert, die Infrastruktur am Weg wird stets weiter ausgebaut.



Die Brunnenhäuser faszinieren mich, im Sommer sind sie wohl Treffpunkt oder waren es zumindest früher. Einrichtung zum Wäschewaschen, Briefkästen zentral für die umliegenden Häuser und ein Anschlagbrett für Neuigkeiten. Da die Brunnenhäuser so gut unterhalten sind, haben sie wohl noch ihre soziale Funktion.

Noch ein paar Kilometer bis Serrières-en-Chautagne, dann ist Schluss für heute. Der Gewaltmarsch gestern Abend steckt mir doch noch in den Knochen. Ich gönne mir heute eine nette französische Pension. Duschen, Wäschewaschen im Waschbecken, dann ein kleiner Mittagsschlaf, herrlich!

Tag 9: Serrières-en-Chautagne(F)-Yenne(F), 8h, -1°C



Durch die Auen der Rhône, Uferabschnitte werden gerade renaturiert.



Leere Wegkapelle nach dem Aufstieg aus Chanaz. Wieviele Pilger mögen hier oder in der Hütte über der Strasse schon übernachtet haben oder vor schlechtem Wetter geflüchtet sein.



Im Vorfeld zum Camino habe ich Die Sterne von Compostela von Henri Vincenot gelesen. Die etwas esoterische Geschichte eines französischen Waldroder-Jungen im Mittelalter, der auf Umwegen dazu kommt, nach Santiago zu pilgern. Die Roder hier versetzen mich in diese Zeit zurück, auch wenn die Werkzeuge inzwischen effektiver sind.



Die Roder leisten ganze Arbeit.



Blick auf den Canal de dérivation du Rhône.




Ortseingang Vetrier.



Vetrier ist einer der viele kleinen Weiler, durch die der Jakobsweg geht. Für mich ist ein Ort erst dann ein vollwertiger Ort, wenn er eine Bar oder ein kleines Geschäft hat. Wobei zur Zeit wohl ein grosses Bar-Sterben in den ländlichen Regionen Frankreichs grassiert.



Vraisin. Das Ortseingangs-Schild ist an einem Sackgasse-Schild befestigt.



Wehr am Canal de dérivation du Rhône.



Jongieux ist ein Weinort. Cru-Lage innerhalb der Appellation Vin de Savoie mit Weißweinen aus Chardonnay und Jacquère sowie Rotweinen aus Mondeuse, Pinot Noir und Gamay. (Quelle: http://www.wein-plus.de/glossar/Jongieux.htm)



In Frankreich sehe ich desöfteren Backhäuschen, die dem Anschein nach noch benutzt werden. Ob sie gemeinschaftlich genutzt werden, ist mir nicht bekannt. Ich treffe unterwegs auch kaum Menschen, die ich danach fragen könnte.



Croix Genot, nach dem Aufstieg durch die Weinberge von Jongieux.
Die Weinbauern schneiden um diese Jahreszeit die Reben bei. Ich bin überrascht von ihren Rebscheren - pneumatisch betrieben, auf dem Rücken tragen sie den Kompressor wie einen Rucksack. Bei diesen grossen Flächen ist das auch angebracht.



Blick zurück vom Croix Genot oberhalb von Jongieux. Ich bin rechts an den Hängen entlang gekommen.



La Chapelle de St-Romain, mit Skulpturen neueren Datum. Der höchste Punkt für heute, etwas oberhalb Croix Genot.



Erst lächle ich über den Hinweis: "Achtung! Dieser Weg führt an der steil Küste entlang.
Bitte ziehen sie gute Wanderschuhe an. Seien Sie vorsichtig. Verlassen Sie den Weg nie, passen Sie auf Ihre Kinder auf."

Dann verstehe ich, warum das Schild da steht. Ich wage es nicht, mir auszumalen was passiert wäre, wenn ich da nachts entlanggehumpelt wäre wie vor Frangy vorgestern.



Der Weg führt knapp neben der ungesicherten Kante entlang. Es geht senkrecht runter, ich schätze 200 m tief.
Schwieriger und sehr steiler Abstieg, selbst bei Tag und Vollbesitz der Kräfte.



Dann geht es entlang der Rhône. Auf einmal zucke ich zusammen, ein Jogger drückt sich an mir vorbei. Ich habe ihn nicht kommen hören, obwohl es fast still ist, ausser dem Wind und dem Fluss ist nichts zu hören. Dann sehe ich, warum ich ihn nicht haben kommen hören: er läuft in kurzen Hosen ... barfuss. Bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt, aber barfuss. Cool, die Franzosen.



Mein geplantes Ziel für heute, Yenne. Gemütliches Provinzstädtchen mit 2600 Einwohnern. Mal sehen, ob und wo ich unterkommen kann.



Die Kirche Notre-Dame de l' Assomption aus dem 12. Jhd. in Yenne.



Schöne Lichtspiele durch die alten, bunten Fenster. Baulich wurde augenscheinlich viel verändert über die Jahrhunderte.



Die Ruhe und Ausstrahlung in solch einer Kirche ist eindrucksvoll.



Die Toten des ersten Weltkriegs sind in der oberen Tafel aufgelistet, rund 75 Tote. Die 10 Toten des zweiten Weltkriegs darunter. In Deutschland ist das Verhältnis wohl 1:1.
Für Volk und Vaterland. Ob einer der Toten hier vielleicht einen der Toten auf den Tafeln, die ich in Deutschland kenne, totgemacht hat?

Was für ein Wahnsinn.

Ich trinke ein Café in einer Bar, kaufe Lebensmittel für heute Abend. Im Kapuzinerkloster komme ich nicht unter, es wäre meine erste Übernachtung in einem Kloster. Ich bin etwas enttäuscht, ich komme vielleicht nicht wegen des Schmutzes an meiner Hose und den Schuhen rein. Einen Gite gibt es nicht, dafür kann in einem Hotel-Restaurant übernachten. Eigentlich ist es geschlossen, der Besitzer kommt gerade aus dem Urlaub und öffnet offiziell erst morgen. Ich darf trotzdem rein. Aber nichts mit Kochen hier, ich esse halt Brot mit Käse.
Es gibt einen Fernseher, den ersten seit meiner Abreise. Nichts interessantes. Nichts verpasst.

Tag 10: Yenne(F)-Les Abrets(F), 9.5h, 3°C



Nach einer erholsamen Nacht und einem guten Frühstück geht es weiter, eiskalte Luft begrüsst mich. Ich muss mich entscheiden für den GR65, der auf einem kilometerlangen Grat auf rund 700 Hm verläuft, oder für eine Strecke über kleine Feldwege, um dann den Col du Mont Tournier zu passieren. Da es hier so kalt ist, und nach den Rutsch-Erfahrungen auch in den letzten Tage, ziehe ich die Feldwege vor. Dafür werde ich durch einige abgelegene Weiler kommen.



Die Höfe wirken wie ausgestorben auf den ersten Blick. Wenn man aber näher kommt, sieht man die Menschen emsig arbeiten. Holzspalten und Reparaturen sind wie in alten Zeiten die Winterarbeiten der Bauern. Jetzt ist auch Zeit für Waldarbeiten, die Böden sind etwas gefroren, die Maschinen versinken nicht bis zu den Achsen im Morast.



Die Ruhe tut gut und ist äusserst entspannend. Ich frage mich ab, wie man nur in einer Stadt wohnen kann, ohne verrückt zu werden. Leider wohne ich selbst in einer.



Nichts stört, kein Lärm, kein Verkehr, nicht mal die in Deutschland und sowieso in Holland allgegenwärtigen Flugzeuge, die inzwischen fast überall zu hören sind.

Nur Eichelhäher schrecken auf und schlagen Alarm, wenn ich auf einen Ast trete oder das Laub unter den Stiefeln raschelt.



Nach ein paar Stunden erreiche ich den Col du Mont Tournier. Die Wegwahl war richtig, der auf der Höhe ankommende GR65 ist recht vereist. Am unangenehmsten sind Pfade an Südhängen. Tagsüber taut die Sonne den Schnee oder das Eis an, dass am Nachmittag dann wieder überfriert. Der Abstieg ins Rhônetal ist mühsam.



In Deutschland sieht man viele Bildstöcke mit figürlichen Darstellungen, in Frankreich überwiegen Kreuze ohne Corpus. Dies kommt wohl durch die Glaubenskriege zwischen den Katholiken und Protestanten, auf die ich später etwas mehr eingehen werde.

An solchen Kreuzen liegen meist Steine, die durch Pilger abgelegt sind. Man kann Steine mitnehmen und ein Stück mittragen bis zum nächsten Denk-Mal. Die Tradition will, dass man einen Stein von unterwegs, oder noch besser von Zuhause, bis zum Cruz de Ferro in Spanien mitnimmt, um ihn dort auf einem mittlererweile grossen Berg aus kleinen und grösseren Steinen abzulegen.
Ich selbst habe keinen Stein dabei und lege auch keinen Stein unterwegs ab, das ist mir zu archaisch. Ausserdem habe ich an meinem eigenen Körpergewicht von 96kg und der Ausrüstung genug zu tragen.



In der Gegend sehe ich eine Bautechnik, die mir so nicht bekannt war: Fertigbau mit Lehmblöcken. Es wurden damit Häuser und Scheunen gebaut. Die Blöcke sind 30-40 cm dick, einen Meter hoch und rund zwei Meter lang. Sie werden mit Holz gesteckt. Wenn man eine Aussparung braucht, kann man die im nachhinein herausschlagen. Die Gebäude werden meist nicht verputzt. Das Raumklima in den Gebäuden ist sicher angenehm, der Lehm puffert Feuchtigkeit und Wärme bzw. Kühle im Sommer.



Chapelle de Pignieux mit drei Jakobsmuscheln auf der Fassade.



St-Genix-sur-Guiers. Es gibt Orte, die sind mir auf Anhieb sympathisch. Oder eben nicht. St-Genix fällt leider in die zweite Kategorie. Von Yenne waren es nun 25 km hierher, laut Reiseführer wäre das eine Etappe. Ich werde weitergehen, auf Suche nach einem Ort mit Good Vibrations.



Am Ufer der Guiers entlang nach Romagnieu. Leider keine Unterkunft vorhanden.



La Bruyère, es fängt an zu dämmern, Nebel zieht auf. Ich muss das Tempo anziehen, wenn ich nicht wieder in der Dunkelheit laufen will.



Schönes Vorbild der Lehm-Fertigbauweise.



Les Abrets, regionales Zentrum. Departement Isère, Regio Rhône-Alpes. Es ist kurz vor 17 Uhr. Jetzt bitte eine Unterkunft. Das Ortsschild steht recht weit ausserhalb, ins Zentrum ist es noch ein ganzes Stück. Ich gehe zur Touristen-Information, die ist aber schon verschlossen.
Ein Mitarbeiter sieht mich stehen und öffnet die Tür. Es gibt hier keine Unterkunft, die geöffnet hätte.

Er telephoniert eine Weile, an seinem Gesicht kann ich sofort sehen, wenn er wieder eine Absage erhält.

Dann kann ich in einer Ferienwohnung unterkommen, das ist aber nett! Leider einige Kilometer ausserhalb, sogar auf dem Weg, den ich gerade gekommen bin. Er bietet mir an, mich dahin zu fahren. Es ist inzwischen dunkel. Da ich den Weg zurückgefahren werde und morgen nochmals dasselbe Stück zu Fuss gehe, stimme ich zu. Schnell mache ich ein paar Einkäufe, er wartet. Danke!



Bestandsaufnahme auf dem Bett: meine erste Blase auf dieser Tour. Nicht schlimm, ich öffne sie mit einer Nadel und lasse sie ohne Pflaster über Nacht trocknen. Ich entferne Blasen immer sofort wenn ich sie bemerke. Druck- und Reibepunkte werden damit unterbunden.

Was ich nicht als kritisch wahrnehme, was aber kritischer ist, sind das geschwollene Fussgelenk (A), und die Flecken (B). Ich reibe zwar das Gelenk ein, aber ich hätte einen Tag mit kurzer Distanz einlegen sollen, Good Vibrations hin- oder her. Von St-Genix-sur-Guiers nach Les Abrets waren es auch nochmal 14 km, also auch heute wieder eine 40 km Etappe.

Die Flecken bekomme ich scheinbar durch Überhitzung des Fusses in den Stiefeln. Es ist aber zu kalt um Pausen zu machen, die lange genug sind, um wirksam zu sein. Ausserdem sind die Tage recht kurz und ich will (oder muss, wie in Frangy) relativ grosse Distanzen gehen.

Ich trage Meindl Air Revolution 2.0, Leder-/Kunststoffstiefel mit Gore-Text Membran. Die Schuhwahl ist mir im Vorfeld sehr schwer gefallen. Habe die Schuhe rund 500 km eingelaufen über ein Jahr verteilt, bin mir aber immer noch nicht sicher, ob es der richtige Schuh für mich ist.

Für heute mache ich mir weiter keine Gedanken darüber. Ich koche mir was, trinke ein paar Büchsen Bier und schlafe selig ein.

Tag 11: Les Abrets(F)-Montgontier(F), 10h, 0°C



Nachdem ich gestern Abend einige Kilometer auf der Strecke zurückgefahren wurde, komme ich heute zum zweitenmal nach Les Abrets. Es ist ein ungemütlicher Morgen, kalter Nebel mit wenig Sicht. Mal sehen ob sie Sonne durchkommt.



Valencogne im Département l'Isère und der Région Rhône-Alpes. Jakobsmuscheln im 6-er Pack. Und es gibt ein Café.



Heute habe ich ein eigenartiges Erlebnis. Normalerweise sind auf allen Wegen bereits Spuren von Menschen, Tieren und Autos im Schnee oder Schlamm zu sehen. Im dichten Nebel laufe ich von einem Weg wie im Bild über einen kleinen Seitenpfad einen Hügel hoch. Plötzlich fällt mir auf, dass hier keine Spuren zu sehen sind. Ausser der Spur von einem einzelnen Hund, der dieselbe Richtung läuft wie ich. Dem Abdruck nach muss er unglaublich grosse Pfoten haben. Der Nebel wird sehr dicht, ich kann kaum 10 m weit sehen.
Da wird es mir doch etwas mulmig. Ich schneide mir einen langen, dicken Stock aus einem Gebüsch am Pfad. So stapfe ich mit dem schweren Stock durch den Schnee.
Nach einer Viertelstunde, in der Spur der riesigen Pranke laufend, komme ich wieder auf einen Hauptweg. Nichts zu sehen von einem Hund, dafür wieder jede Menge Spuren, wie immer.

Ich werfe den Stock weg und denke an die Seemänner, die felsenfest behaupten, Ungeheuer gesehen zu haben. Ich bin versucht, ihnen zu glauben.



Der Wind bläst Schnee und Reif vom Nebel zentimeterdick auf kleinste Flächen.



Le Grand-Lemps. Bei dem tristen Wetter verliere ich das Gefühl für Raum und Zeit. Nur an den Füssen merke ich, wie lange ich heute schon unterwegs bin.




Chemin de Compostelle - die Strasse nach Compostela.
Ein gemütliches Cheminée, ein Kaminfeuer, wäre eine der Jahreszeit entsprechende Massnahme, der ich jetzt nicht abgeneigt wäre. Wer weiss, vielleicht heute Abend? Oder gar ein Bad, das wäre auch fein.



Keine Unterkunft zu finden. Es wird sehr schnell Dunkel heute, durch den Nebel gibt es kaum einen Übergang vom Nachmittag in den Abend. Laut Reiseführer gibt es einen Gite de Groupe (Gruppenunterkunft) in Montgontier, einem landschlossartigen Gehöft. Tatsächlich finde ich den Gite. Die Tür ist offen, warme Räume, dutzende Etagenbetten.
Aber niemand da.

Ich rufe und klingle in dem ganzen Anwesen. Überlege schon, mich einfach einzunisten, gehe dann aber doch nochmals auf die Suche nach einem Herbergsvater oder einer Herbergsmutter. Und dann finde ich sie, in einer Wohnung unter dem Dach.
Ob ich übernachten kann im Gite. Non. Bitte? Non, fermé. Ich bin perplex. Dann werde ich richtig sauer und fange an zu schimpfen. Es entwickelt sich eine Diskussionsart, wie man sie aus Bierzelten nachts um 3 Uhr kennt. Der Herbergsvater auf Französisch, ich auf Deutsch, wir verstehen kein Wort von einander. Nach einigen Minuten zieht die Herbergsmutter den Mann zur Seite und redet auf ihn ein. Dann sagt sie zu mir in bestem Deutsch, dass ich bleiben könne.

Aber nicht in einem der (sauberen) Etagenbetten.

Nachdem ich bezahlt habe, kriege ich ein Zimmer unter dem Dach, bei dem sich die Tapeten abrollen. Ein Staubsauger war wohl zuletzt 1980 in dem Zimmer. Puh, ist das ekelig. Möglichst ohne direkte Berührung irgendwelcher Gegenstände im Raum esse ich Brot und Käse, dazu Wasser aus meiner Flasche. Kein Kaminfeuer ... kein Bad.
Was habe ich heute eigentlich verbrochen, womit habe ich das verdient? Ich bin kaputt, schlafe tief und fest.

Tag 12: Montgontier(F)-Revel-Tourdan(F), 7h, -3°C



Der Nebel ist heute nicht mehr ganz so dicht. Es wird jedoch immer noch den ganzen Tag bedeckt sein, so wie es aussieht. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit ist es unangenehm kalt, die Kälte legt sich wie ein Schleier auf die Kleidung, auf die wenige Haut, die nicht bedeckt ist.



Ah, wie schön! Ich entdecke in einem kleinen Dorf eine warme Bar, in der ich es lange aushalten würde. Viele der LPs an der Wand sind Raritäten, ich könnte tagelang darin stöbern.




Ein Brunnenhaus, in einem speziellen lokalen Stil gemauert. Grosse Kieselsteine werden schräg geschichtet, abwechselnde Reihen nach links und rechts. Der Teil zum Waschen der Wäsche ist hier aus Holz gebaut, mit einer Halterung, um die nasse Wäsche zum ersten Austropfen aufzuhängen.



Faramans im Département Isère, Region Rhône-Alpes. Die Einwohnerzahl stieg in den letzten 30 Jahren um 50%, auf nun 750. Die Einwohnerdichte ist hier 68 Einwohner pro km2. Zum Vergleich, in Deutschland ist die Dichte gemittelt 231 Einwohner pro km², in Holland gar 393 Einwohner pro km².



In der Eglise (Kirche) Saint Romain im Ort Pommier-de-Beaurepaire.
Ich bin mir anfangs nicht sicher, ob diese Figur eine Veräppelung ist. Ich muss laut lachen, als ich bemerke, an wen sie mich erinnert. Sie hat Ähnlichkeit mit Krusty the Clown von den Simpsons.
Später sehe ich dieselbe Figur jedoch öfters. Es handelt sich um St. Jean Vianney, den Pfarrer von Ars. Er ist der Patron der Pfarrer. Er hatte grosse Problem mit dem Lernen, ein hartes Leben und viele Zweifel an seinem Beruf. Er war aber über alle Prüfungen hinweg beständig und dadurch bei seiner Gemeinde sehr beliebt.



Unterwegs im breiten Tal der Dolon.



Das Eis und der Schnee legen sich über das Land und verzaubern es. Caspar David Friedrich hätte sicher auch seine Freude.



Später lese ich über die Gegend "der Weg nach Revel-Tourdan bietet sehr oft weite Ausblicke in die von der letzten Eiszeit geprägte Ebene von Geoirs". Man kann nicht alles haben.




Ich bin rechtzeitig in Revel-Tourdan, um noch auf das Bürgermeisteramt zu gehen. Sie vermitteln mir eine Unterkunft in einem Haus mitten im Dorf, das mir bei der Ankunft schon aufgefallen ist. Es sieht mittelalterlich aus, war sicher das Haus eines reichen Adeligen. Der Hausherr holt mich ab (zu Fuss) und begrüsst mich herzlich. Fantastisches Haus, schön umgebaut, er hat alles selbstgemacht. Nein, er sei kein Nachfahre reicher Kaufleute, er schmunzelt auf diese Frage. Er sei ein -momentan arbeitsloser- IT-Manager aus Grenoble mit Hang zu ländlichem Leben.

Wir essen und trinken lokale Spezialitäten, im Cheminée knistert das Feuer. Was für ein Genuss!



Blick aus meinem Fenster in die Abenddämmerung.



Der freundliche Maître de la Maison an seiner gotischen Haustüre.

Tag 13: Revel-Tourdan(F)-Bessey(F), 10h, -5°C



Heute pfeift ein bitterkalter Wind aus Nord-West. Auf Höhenlagen bläst er mir genau zwischen den Rücken und den Rucksack, was recht unangenehm ist. Der Nacken und Rücken werden schnell auskühlt, prompt gibt es Verspannungen.



Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich der Hochsitz eines Jägers ist. Die mir aus heimischen Wäldern bekannten Hochsitze sehen anders, fast luxuriös dagegen aus. Eine Futterstelle ist es nicht, ich finde kein Futter darunter.



Nach einem langen, ermüdenden Marsch durch weite Wälder und über zugige Höhen komme ich nach Auberives-sur-Varèze. Hier hat sich die Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren verdoppelt. Ich nähere mich langsam dem Ballungsraum Lyon, wobei von der Stadt weiter nicht viel zu spüren ist. Nur die Neubaugebiete der Orte werden grösser.



Clonas-sur-Varèze. Es geht eine Klippe hinunter in den Ort. Die Rhône, im Hintergrund zu erahnen, hat ein breites Tal ausgefräst.
Endlich finde ich auch eine offene Bar und trinke einige Cafés. Ich fühle mich inzwischen doch recht matt. Heute ist Samstag, morgen werde ich einen Ruhetag einlegen, meinen Ersten. Habe in einem Bericht von einem Pilger gelesen, dass er jeden Sonntag einen Ruhetag einhielt. Das scheint mir eine gute Idee zu sein, es geht ja nicht darum, schnellstmöglich in Santiago zu sein. Den Körper ausruhen und den Geist reflektieren ist sicher wertvoll.
Mal sehen wie das morgen ist, ich freue mich darauf.



Aber soweit ist es noch nicht. Ich möchte zuvor die Rhône überqueren, um in Chavanay zu übernachten.
Vorher passiert aber wieder eine Spezialaktion, das gehört bei mir scheinbar dazu. Während ich durch Clonas-sur-Varèze laufe, steigt linkerhand aus dem Dunst eine grosse Anlage auf, die sich als Atomkraftwerk entpuppt. Die Franzosen sind ja bekanntlich diesbezüglich etwas unbedarfter - und die Deutschen kaufen dann den günstigen Atomstrom, machen aber offiziell auf Öko.

Als ich das Foto oben mache, heulen auf einmal Feuerwehrsirenen in Clonas-sur-Varèze los. Dann brausen einige Feuerwehrwagen aus dem Ort in Richtung AKW und verschwinden im Dunst. In wenigen Augenblicken male ich mir alle Szenarien aus. Es gibt nur eine Alternative: Ich bin zu Fuss unterwegs, einen Kilometer von einem AKW entfernt, zu dem Feuerwehrautos rasen. Vor mir die Rhône, um mich herum ein paar Dörfern, ansonsten verschneite Felder und Wälder. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als weiterzulaufen, zu tun als wäre nichts passiert und abzuwarten.

Das AKW ist jedenfalls nicht explodiert. Ob ein Unfall vorlag oder eine Übung, konnte ich nie in Erfahrung bringen.



An der Brücke über die Rhône. Ich verlasse das Département Isère und sehe zum dritten Mal in wenigen Tagen die Rhône.



Auf der Brücke über die Rhône. Der Wind bläst so stark, dass ich erstmals meinen Hut abnehmen muss, um ihn nicht zu verlieren. Gegen die Kälte trage ich ein Stirnband unter dem Hut, um das ich jetzt besonders dankbar bin.
Ohne Beschilderung hätte ich die Rhône nicht wiedererkannt. Sie hat seit Yenne ein Vielfaches an Wasser dazu gewonnen. Sie dürfte bereits jetzt ein Volumen haben wie der Niederrhein. Aber sie ist ja auch der wasserreichste, und mit 812 km der zweitlängste Strom Frankreichs.



Blick auf Chavanay, im Département Loire weiterhin in der Région Rhône-Alpes. Der Ort liegt auf 155 Hm, in den kommenden Tagen wird es in höhere Lagen gehen.



Chavanay ist Partnerstadt von Buchholz in Deutschland. Buchholz ist ein Ortsteil von Waldkirch, einem Ort im Breisgau in Baden-Württemberg, 20 Km von Freiburg im Breisgau entfernt.

Auf dem linken Standbein des Schildes sieht man übrigens ein X aus einem roten und einem weissen Balken. Das ist eine Form des GR65 Zeichens und bedeutet, dass der Weg nicht geradeaus geht.



Zwei Stunden lang habe ich eine einigermassen gute und bezahlbare Unterkunft in Chavaney gesucht, bin jedoch nicht fündig geworden. Dann muss ich eben noch etwas weiter gehen. Wie inzwischen üblich in dieser Situation mit schnellerem Tempo, um nicht in der Dunkelheit laufen zu müssen.
Chavaney wäre ein schöner Ort gewesen um einen freien Tag zu geniessen. Der Vorfall am nahen AKW steckt mir jedoch in den Knochen, vielleicht ist es besser weiterzuziehen.



Bei Einbruch der Dunkelheit komme ich nach Bessey auf 400 Hm. Leider ist der Gite geschlossen. Nach einiger Fragerei werde ich zu einer Übernachtungsmöglichkeit in einem Kilometer Entfernung geschickt. Hier kann ich unterkommen, das Wochenende ist gerettet!

Tag 14: Bessey(F), -5°C



Ein fürchterliches Schreien reisst mich gestern Abend aus dem Halbschlaf. Ich hatte geduscht nach meiner Ankunft und mich für ein paar Minuten auf das Bett gelegt, bevor ich mir etwas zu Essen machen wollte. Es hörte sich an, als ob jemand mit der Hand in heisses Öl getaucht wurde. Jedenfalls dachte ich im ersten Moment an so etwas. Dann wieder. Was ist denn da los?

Meine Unterkunft ist ein Anbau mit zwei Etagenbetten neben einem Heim für betreutes Wohnen geistig Behinderter. Ich gehe rüber, vielleicht ist etwas passiert und ich kann helfen. Ich komme in die Küche. Nichts zu sehen, alle sind friedlich, basteln etwas oder unterhalten sich.

Dann wieder dieser Schrei. Eine der Bewohnerinnen, eine kleine Frau von rund 30 Jahren, hat mich gesehen und schreit mich mit ungeheurer Lautstärke an. Die Betreuerin nimmt mich am Arm und sagt der Frau, dass ich ok sei. Sofort ist sie wieder ruhig, und alle sind vertieft in ihre Tätigkeiten, als ob nichts gewesen sei. Ich werde somit aufgenommen und bin von nun an bis Montag Morgen Teil dieser illustren Familie.



Blick auf Bessey. Ich gehe gegen Mitttag etwas spazieren, um den Kreislauf wach zu halten und die Muskeln und Gelenke zu lockern. Ein Restaurant hat offen, sie bieten ein Pilgermenü an, das passt ja. Für den Rest des Tages lese und schlafe ich. Das Wetter ist immer noch diesig, gerade recht für einen Tag Auszeit.

In der Küche gibt es abends Pizza, jeder darf nach Möglichkeiten helfen und sich die Pizza belegen. Ich werde eingeladen und darf mitessen.

Abends höre ich noch ein paar mal die Schreie, empfinde sie aber schon fast als normal.

Ich bewundere die Betreuerinnen und zolle ihnen höchsten Respekt. In meinen Augen laufen sie jeden Tag mindestens nach Santiago und zurück.

Tag 15: Bessey(F)-Les Setoux(F), 9h, -3°C



Der Ruhetag hat gut getan, ich freue mich auf die Etappe heute. Der Körper hat sich soweit erholt, nur die Füsse machen mir doch ein bisschen Sorgen, die Schwellung der Gelenke ist nicht wesentlich zurückgegangen.
Ich bin früh unterwegs, der Schulbus fährt über das Land und sammelt die Kinder ein. Es muss ein guter Tag werden, wenn man morgens schon Richtung Paradis läuft.



Und in der Tat lichtet sich der Himmel und die Sonne kommt zu Vorschein!



Ein Erlebnis, mal wieder Fernsicht zu haben und zu sehen, in was für einer schönen Gegend man läuft.



Der Schlamm auf den Wegen und der Schnee sind hartgefroren. Der Wind der letzten Tage hat sich zum Glück gelegt.



Allerdings zieht sich nach wenigen Stunden der Himmel wieder zu, es sieht nach Schneefall aus.



Col de Banchet, eine Anhöhe zwischen St-Julien-Molin-Molette und Bourg-Argental.



Nach dem Col de Banchet geht es runter in einen Talkessel, Bourg-Argental liegt darin.



Bourg Argental liegt auf der Route nach Le-Puy-En-Velay vor einem Passübergang mit 1083 Hm. Suc des Trois Chiens daneben geht auf 1365 Hm. Schwerverkehr führt durch die engen Strassen des Provinzstädtchens. Die Grosstadt Saint-Étienne ist 30 km entfernt im Nord-Westen.



Die Kirche Saint-André im Ortszentrum, der Verkehr quält sich daran vorbei.



Die Kirche hat ein sehr schönes Portal mit Tympanon aus dem 12. Jhd. mit einer Darstellung des Hl. Jakobus und Pilgern.



Wer kennt dieses Bild nicht, es hängt in fast jedem Gasthaus mit gutbürgerlicher Küche. An diese Situation muss ich denken, in weitaus positiverem Kontext natürlich, als ich beim langen Aufstieg den Forêt de Taillard hinaufgehe. Auf einmal sind Schritte zu hören, dann sehe ich zwei Personen im Schnee den Wald herunterstapfen.



Mir kommen zwei Pilger entgegen!

Grosse Überraschung. Keiner rechnet damit dass gerade hier, mitten im Wald, andere Pilger entgegen kommen könnten. In meinem Fall sind es sogar die ersten Jakobspilger, die ich überhaupt sehe. Zwei braungebrannte, heitere Menschen. Er heisst Raul, ihr Namen ist mir leider entfallen.

Sie sind im August letzten Jahres von Antwerpen in Belgien losgelaufen nach Santiago. Am 6.ten Dezember, heute vor zwei Monaten, sind sie dann in Santiago zum Rückmarsch aufgebrochen via Genf. Sie wird in Genf bleiben bei Familie, er wird weiterlaufen, zurück nach Antwerpen.

Sie warnen mich noch vor dem morgigen Tag, der auf sehr vereisten Wegen führen soll und einer ihrer schwierigsten Etappen gewesen sei. Dann verabschieden wir uns, Ultreia!

In den nächsten Wochen werde ich noch öfter ihre Namen in den Pilgerbüchern finden, die in Kirchen und Gites in Frankreich ausliegen.

Wenn ich ungefähr in ihrem Tempo laufe, bin ich also in rund zwei Monaten in Santiago, um den 10. April.



St-Sauveur-en-Rue an der Passtrasse. Ich denke, dass ich zur Passhöhe muss, knapp unterhalb des Nebels, der von hier zu sehen ist.



Der Wald sieht wunderbar aus. In der Nähe sind Waldarbeiter zu hören, mit Kettensägen und schwerem Gerät.



Hier kreuzen sich der GR7 und der GR65, auch der GR42 führt durch diese Gegend, ich muss also gut auf die Markierungen achten. Nun bin ich im Nebel, dann kann es wohl nicht mehr all zu weit sein.



Der Schnee wird tiefer...



... und der Nebel dichter.



Bei dieser Bildgrösse kommt es vielleicht nicht ganz zur Geltung. Die gelbe Flechte am Stamm des Baums leuchtet in der ansonsten weissen Fläche.



Les-Setoux, ein kleines Bauerndorf auf 1142 Hm. Ich bin froh, endlich angekommen zu sein. Bei diesem Nebel möchte ich mich nicht verlaufen in dem grossen Waldgebiet. Das ist mir bisher zum Glück erspart geblieben. Zur Sicherheit hab ich auch einen Kompass dabei und orientiere mich bei dieser Witterung regelmässig auf der Karte. Im (echten) Gebirge habe ich schon Wetterlagen und -umstürze erlebt, die eine Orientierung nahezu unmöglich gemacht haben, auch mit Kompass und Karte.
Körperliche Erschöpfung und Müdigkeit sind dabei Faktoren, die man nicht unterschätzen sollte. Man muss sich den ganzen Tag auf den Weg konzentrieren. Teilweise sind die kleinen Muschel-Symbole oder die rot-weissen Wegmarkierungen verschneit, teilweise am Boden auf Steinen angebracht. Im Sommer prima zu sehen, jetzt unsichtbar.



Essen und Bett. Genau das , was ich jetzt brauche. Der Gite hat tatsächlich ganzjährig geöffnet, wie es im Reiseführer steht. Ich erhalte ein Bett in einem Gemeindegebäude. Ob es mir was ausmache, wenn noch jemand im Zimmer schläft? Nein, natürlich nicht. Später kommt ein rund 25-jähriger Waldarbeiter, Fahrer der Holzmaschine, die ich heute Nachmittag gehört habe. Er ist sehr stolz auf seine Arbeit. Er kommt aus St-Étienne, schläft die Woche über im Gite, am Wochenende fährt er nach Hause.
Essen will er nicht mit mir gehen, er kenne die Karte auswendig. Menu du jour, Tagesmenü aus französischer Hausmannskost mit viel Vin de Pays, dem roten Tafelwein.
Die Nachtruhe ist mir sicher.

Tag 16: Les Setoux(F)-St.Jeures(F), 8h, -5°C



Nach einer erholsamen Nacht in einem etwas zu kurzen Bett gehe ich zum Frühstücken ins Gasthaus. Brot, Kaffee und Kuchen. Meist frühstücke ich ein Stück Brot mit Honig in der Unterkunft und trinke unterwegs dann einen Kaffee. Heute also ein richtiges Frühstück. Gestern Abend und heute Morgen bin ich der einzige Gast und wurde gut und mehr als ausreichend versorgt. Ich bedanke mich bei der Wirtin, die auch den Gite betreut.
Voller Elan geht es in die Kälte auf den Weg. Am Brunnen links im Bild fülle ich noch meine Wasserflasche.



Die Sonne zeigt sich heute Morgen von der besten Seite mit schönen Farbspielen.



Die Luft ist eisig kalt. Im Gegensatz zu den letzten Tagen ist es eine trockene Kälte. Ich empfinde sie nicht als unangenehm kalt, da sie nicht in alle Ritzen kriecht wie der kalte Nebel. Bei diesem Wetter hat man meist eine sehr gute Fernsicht, so auch heute.



Das meinte Raul gestern wohl mit schwierigen Wegverhältnissen. Der Weg ist komplett vereist und unbegehbar. Auch der Schnee am Rand linken Wegrand ist total durchgefroren. Es bleibt mir nach einigen Versuchen nichts anderes übrig, als rechts über den Stacheldraht zu klettern und im Tiefschnee zu laufen.



Hier trügt der Schein, der Weg ist auch vereist. Die dünne Schneeschicht verdeckt teils die Eisstellen. Das Eis ist vom durchfrorenen Schlamm machmal ganz braun und als solches nur schwer zu erkennen.



Es ist trotzdem herrlich, hier zu sein bei dieser Stille. Manchmal höre ich in der Ferne die Waldarbeiter, ansonsten ist es ganz ruhig.



Es geht durch ausgedehnte Wälder, in tieferen Lagen sind die Bäume schneefrei.
So ähnlich waren wohl die Gebiete, in die sich Eremiten zurückgezogen haben, um alleine zu leben im Einklang mit den Natur.



Eine alte Mühle im Talgrund, wahrscheinlich eine Sägemühle. Wasser und Holz sind genügend vorhanden.



Dann wird es wieder neblig. Nachts wäre es wohl schwierig hier zu laufen. Eine Wegmarkierung übersehen, und man könnte ohne weiteres stundenlang im Kreis laufen, ohne es zu bemerken.



Ein Wegekreuz, sogar mit niedergelegten Blumen. In Deutschland sind die schlichten Kreuze am Weg oft Sühnekreuze oder Mordsteine, in Frankreich werden sie wohl eine ähnliche Funktion haben.

"Sühnekreuze sind Denkmale mittelalterlichen Rechts. Sie waren ein Erfüllungsteil von Sühneverträgen, welche zwischen zwei verfeindeten Parteien geschlossen wurden, um eine Blutfehde wegen eines begangenen Mordes oder Totschlages zu beenden. Der überwiegende Teil der Sühnekreuze ist in Kreuzform gestaltet, oftmals ist die Mordwaffe bzw. ein berufstypisches Gerät des Entleibten in den Stein gehauen. In den seltensten Fällen finden sich eingeschlagene Jahreszahlen. Text findet sich auf keinem echten Sühnekreuz aus dem 13.-16. Jahrhundert. Der einfache Bauer hätte es ohnehin nicht lesen können, weshalb Bilddarstellungen dominierten. Mit der Einführung der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. im Jahre 1533 wurden private Abmachungen nicht mehr geduldet, an ihre Stelle trat das ordentliche Gericht, das den Täter nach dem neuen Recht verurteilte. Mit der Einführung dieses neuen Rechtes wurden die Sühneverträge zwar offiziell abgeschafft, lebten jedoch je nach Landessitte noch durch das ganze 16. Jahrhundert fort; erst das 17. Jahrhundert räumte mit ihnen endgültig auf." (Quelle http://www.suehnekreuz.de)



Stilleben.



Eine Fahrradspur! Viele Pilger machen den Jakobsweg mit dem Fahrrad. Ob es um diese Jahreszeit Fahrradpilger gibt?



Pferde stehen auf der Weide, ich kann von hier nicht ihre Rasse erkennen. Es wird sicher eine einheimische Rasse sein, kälteunempfindlich und nicht ängstlich.



Tence, Département Haute-Loire, Région Auvergne, 2900 Einwohner.

Zuvor bin ich durch Montfaucon-en-Velay gekommen, habe dort in einem Café die Wegplanung gemacht für heute und morgen. Wenn ich es heute weiter als Tence schaffe, kann ich wohl morgen nach Le-Puy-enVelay gehen. Dort werde ich eine Pause einlegen und mir in Ruhe die Stadt anschauen.
Tence ist ein schöner Ort, ich überlege, ob ich nicht bleiben soll für eine Nacht. Ich enscheide mich aber dafür weiterzugehen. Die Strecke von hier nach Le-Puy ist zu gross für eine Etappe und zu klein für zwei.
Im Nachhinein wird sich diese Planung als Fehler erweisen.

Die erste Karte ist nun durch, ich benutze nun die Karte Nummer 50 (Carte de promenade, St-Étienne - Le-Puy-En-Velay, 1:100.000 vom Institut Géographique National, IGN).



Tence vom Fluss Lignon aus.



Danach steigt der Weg wieder aus dem Tal heraus. Meine Füsse schmerzen etwas und ich bin müde. Es waren neben der reinen Distanz auch einige Höhenmeter heute, die sitzen mir in den Knochen. Von hier noch rund zehn Kilometer zu gehen. Das Ziel ist St-Jeures, ein ganzjährig geöffneter Gite. Es ist jetzt kurz nach 15 Uhr. Je nach Wegbeschaffenheit schaffe ich rund 4 Km in der Stunde. Ich wäre gerne vor 17 Uhr dort, damit auf jeden Fall jemand anzutreffen ist. Also Tempo anziehen.



Es wird kälter, der Wind frischt auf.



Le croix de Couvet lautet die Inschrift. Das Kreuz von Couvet am Chemin de Saint-Jacques de Compostelle, dem Jakobsweg.



St-Jeures! Ich schwitze und dampfe, freue mich darauf auszuruhen.
Das kleine Schild an der Tafel entgeht mir nicht. Verbotsschilder auf Ortstafeln sind mir als geschichtsbewusstem Germanen nicht sonderlich sympatisch, auch wenn ich sie nur dem Sinn nach verstehe.

Stationnement des Nomades
Le Stationnement des nomades est interdit sur L'ensemble de la Commune.
Une aire a été spécialement aménagée au FANJARO Route d' YSSINGEAUX.

Ich fühle mich momentan den Nomaden und Vagabunden recht wesensverwandt. Na, schau'n wir mal was hier für eine Stimmung herrscht.
Die Herbergsmutter des Gite führt ein kleines Lebenmittel-Geschäft. Ich stolpere in den Laden und frage, ob ich den Schlüssel haben dürfte. Non, ferme. Nicht schon wieder so eine Aktion wie in Montgontier, aber sie bleibt dabei. Ich schaue auf die Uhr, ein paar Minuten vor fünf. Heute schaffe ich es nicht, nochmals eine halbe Etappe dranzuhängen. Über der Strasse ist le Mairie, das Bürgermeisteramt. Zum Glück ist noch einen Dame da. Ich schildere die Situation und stelle ihr dar, dass ich nicht in den Gite darf und dass es für mich nicht möglich sei, heute noch weiterzugehen. Weiter hinten im Ort wäre noch eine Unterkunft, meint sie und hofft mit einem Blick auf die Uhr, dass ich gehen würde. Ich bitte sie, dort anzurufen, was sie dann auch tut. Niemand nimmt ab. Dann meint sie, ich solle es nochmals beim Gite versuchen, die Herbergsmutter müsse mich reinlassen. Ich mache ihr klar, dass ich zurückkomme und bei ihr vor der Amtsstube schlafe, wenn der Gite für mich verschlossen bleibt. Als ich gehe sehe ich noch, dass sie den Hörer abnimmt. Sie ruft sicher die Herbergsmutter an.
Als ich in den Laden komme und nochmals höflich frage, darf ich auch tatsächlich übernachten. Zum Dank kaufe ich, für meine momentanen Verhältnisse, ordentlich ein.

Ein Dach über dem Kopf zu wissen ist eine feine Sache. Manche Dinge muss man von Zeit zu Zeit vermissen, um ihren Wert zu erkennen. Als wir in den Gite kommen, bin ich begeistert. Es ist zwar kalt, aber es gibt einen offenen Kamin und sogar Feuerholz. Die Herbergsmutter möchte das Feuer anmachen, beginnt auch den Boden etwas zu fegen und Tische zu rücken. Daher wollte sie wohl nicht aufmachen. Ich helfe ihr und übernehme das Feuer. Als sie geht, lächelt sie sogar kurz.



Erstmals habe ich eine Küche zur Verfügung. Ich brauche Aufbaunahrung, habe mir Spaghetti Bolognese gekocht. 250g Spaghetti, 200g Hackfleisch, 1 Zwiebel, ein paar Zehen Knoblauch und eine Flasche Wein. Der Abend gelingt.

Der Schlaf danach allerdings weniger. Ich schlafe zwar gut ein, habe ja auch die nötige Bettschwere und Müdigkeit. Dann wache ich aber auf und liege lange wach. Der Bauch ist zu voll, die Füsse schmerzen.

Tag 17: St.Jeures(F)-Le-Puy-En-Velay(F), 10h, -4°C



Heute kommt nochmals eine langer Tag, dann bin ich an meinem ersten Ziel, Le-Puy-en-Velay. Ich habe drei Ziele, die ich gerne sehen möchte und auf die ich mich freue:

1. Le-Puy-en-Velay, weil es der historische Sammelpunkt der Pilger aus dem süddeutschen Raum und der Ländern an den Alpen ist.

2. Burgos, weil es eine fantastische Kathedrale hat. Burgos ist für mich so unvorstellbar weit weg zu Fuss, das es schon fast irreal scheint, dorthin laufen zu wollen. Und wenn man dort ist, ist es nur eine Zwischenstation. Dieser Gedanke fasziniert mich.

3. Leon, weil es einen schönen Namen hat - und eine ebenfalls schöne Kathedrale.

Zu Santiago de Compostela selbst habe ich noch kein inneres Verhältnis oder Erwartungen, ich habe mich darüber auch nicht speziell informiert. Ebensowenig über die anderen Orte dazwischen. Das möchte ich mir aufsparen für eigenes Erleben. In der Vorbereitung war mir eher wichtig, wie ich mich geistig einstellen muss, um den langen Weg laufen zu können. Auch, wie wir als Familie mit kleinen Kindern eine lange Trennung schadlos überstehen. Schliesslich war mir die Ausrüstung sehr wichtig. Ich will beispielsweise kein Risiko eingehen, mir wegen mangelhafter Schuhe ernsthafte Fussprobleme einzuhandeln oder mir wegen schlechter Kleidung eine Lungenentzündung zu holen.

Alles andere wird sich weisen.



Die Landschaft verändert sich, wird schroffer.



Die Landschaft des Velay ist vom Vulkanismus geprägt. Ich denke die ersten Zeugen davon vor mir zu haben und vermute einen Krater unter der Waldkuppe.



Araules, Région Auvergne, Département Haute-Loire. Ich bin sehr früh unterwegs an diesem Tag, alles im Ort ist noch geschlossen.



Santiago1551 km. Die Kilometerangaben scheinen nun konsistent zu sein und stimmen mit meinen Schätzungen überein.



Einsame Gehöfte unterwegs. In den meisten Orten und Höfen sind Hunde, die gerne und ausgiebig Passanten anbellen. Die meisten sind jedoch angeleint oder bleiben in ihren Höfen. Nur selten streunen Hund oder sind auf der Strasse ausserhalb der Höfe. Ich habe bislang keine Probleme mit den Hunden gehabt, bin jedoch vorsichtig.



Es muss kalt gewesen sein in letzter Zeit mit vielen Schneefällen. Der Schnee ist knietief, sobald ich die Spur verlasse.
Ich habe mich auch erstmals verlaufen. Vier Hunde von zwei nebeneinanderliegenden Gehöften rauben mir kurz nach dem Hof im vorhergehenden Bild die Aufmerksamkeit. Sie kommen von ihren Höfen angerast und steigern sich dermassen hinein in ihre Drohgesten, dass ich vor lauter links- und rechtsdrehen den falschen Weg einschlage. Hunde haben eine interessante Jagdstrategie. Sie verteilen sich auf alle Seiten, einer kommt dann von hinten, mit etwas weniger Gekläffe als der von vorne. Sie kamen nicht näher als einen halben Meter an mich heran, allerdings mit viel Zähnezeigen und Haarestellen. Ob dieser Sicherheitsabstand an meinem Gebrüll oder einfach dem Respekt vor Menschen lag, weiss ich allerdings nicht.
Um nicht nochmals an den Kötern vorbeizumüssen, gehe ich eine vermeintliche Abkürzung um auf den richtigen Weg zurückzufinden. Es kostet mich dann jedoch eine halbe Stunde, den Weg zu finden. Und viel Kraft, durch ungespurten Schnee zu stapfen.



Heute komme ich über den höchsten Punkt der Via Gebennensis und quere den Gebirgszug Massif du Meygal.



Der Pass am Ort Raffy hat 1276 Hm, ein Skilanglaufgebiet.



Der Pass liegt hinter mir. Mit meinem rechten Fuss stimmt etwas nicht. Beim Heben des Fusses habe ich einen dumpfen Schmerz im Schienbein und Fussgelenk. Ich versuche, mit Schonstellung beim Gehen dem Fuss etwas Ruhe zu gönnen. Nach Le-Puy hin geht es ja nur noch bergab, tröste ich mich. Dass die Landschaft sehr profiliert ist, verschweige ich vor mir selber.

Beim Anblick der Landschaft geht mein Herz auf. Das sind jetzt definitiv Vulkane!



Queyrières, 285 Einwohner. Auch hier kommen mir ein paar Hunde entgegen. Ich bin aber fertig mit Hunden für heute, die haben mich vorhin eine halbe Stunde gekostet. Das entspricht glatt 2 km! Als ihnen ein paar Eisbrocken und Steine um die Ohren fliegen, gehen sie auf grossen Abstand. Aha, so geht das hier.



Gusseiserenes Kreuz an der Kirche der Ortes.



Die kleine Kirche in Queyrières ist verschlossen. Ich gehe um die Ecke, und traue meinen Augen nicht:



Direkt im Ort neben der Kirche eine Basaltorgel!
Eines meiner geologischen Traumobjekte. Perfekt sechseckig-geformte Steine, wie mit Kleber zusammengefügt. Es ist auskristallisierte Magma, die in einem Krater erstarrt ist. Der Schlot selbst, aussenrum, wurde durch Erosion abgetragen. Der Basalt im inneren ist wesentlich härter, und blieb daher stehen.



Ein wunderbares Naturwunder!



Blick zurück auf Queyrières. Neben einer Basaltorgel zu wohnen hat sicher etwas besonderes. Direkte Polung mit dem Erdinneren.



Dann geht es weiter bergab.



Die üblichen Wegmarkierungen, hier im Doppel. Muschel und GR65-Markiereung.



Es handelt sich hier nicht um ein Bachbett. Das ist eigentlich der Jakobsweg. Im Tal schmilzt der Schnee. Das Wasser kann im gefrorenen Boden nicht versickern, und fliesst oberirdisch ab.



Ein weiterer Vulkan. Der Schnee ist in den Tieflagen weitgehend geschmolzen.



Der Schiefer ist ebenfalls vulkanischen Ursprungs. Zwei alte Karren, wie sie zum Transport der aufgespalteten Steine benutzt wurden, stehen am Wegrand. Die grossen Räder verhindern, dass die Wagen in jedem kleinen oder mittleren Schlagloch hängen bleiben.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich solche Wagen in der Pestzeit. Eine verlotterte Person mit zerrissenen Kleidern sammelt Tote damit ein, um sie zu verscharren. Ich muss wohl irgendwann einmal solche Darstellungen gesehen haben.



Ein altes Steinkreuz mit einem schlichten Corpus.



St-Julien-Chapteuil, Région Auvergne Département Haute-Loire, 1800 Einwohner, liegt auf 815 Hm.



Schon von weitem sehe ich die imposante Kirche auf einem Vulkankegel. Die namensgebende Kirche des Ortes, Saint Julien, stammt aus dem 12ten Jhd. Ein Taufbecken ist sogar aus dem 8ten Jhd, zur Zeit Karls des Grossen.

Ich trinke einen Kaffee, es ist früher Nachmittag. Das ist der Vorteil, wenn man früh losgeht. Mein rechtes Schienbein schmerzt nun richtig, es ist nicht der Fuss selbst. Ich überlege, ob ich bleiben soll oder weitergehen. Heute waren es 18 km, das ist mir eigentlich zu wenig. Ausserdem öffnet der Gite erst ab vier Personen, steht im Reiseführer. Le-Puy hat sich scheinbar festgebrannt in meinem Kopf, das letzte Argument nehme ich unkontrolliert an und entschliesse mich weiterzugehen.



Also los, weitere 18 km stehen auf dem Programm. Zähne zusammenbeissen, wird schon werden. Vor mir ein paar Häuser und ein grosser Felsblock.



Aus der Nähe sehe ich es dann, noch eine Basaltorgel. Etwas verwittert, aber trotzdem fantastisch.



Es geht durch eine tiefe Talsenke. Eine Senioren Nordic-Walking Gruppe spornt mich an zu Höchstleistungen. Sie keuchen und hecheln sich den Anstieg hoch. Nach 15 Tagen laufen bin ich scheinbar recht fit und fliege förmlich an ihnen vorbei, trotz des pochenden Schienbeins.
Oben angekommen weite Sicht.



Landwirtschaft wird hier augenscheinlich intensiv betrieben. Das Wasser an dem Brunnen ist so veralgt und unappetitlich, dass ich es nicht trinke. Das ist bisher noch nicht vorgekommen auf dieser Tour.

Genügend zu trinken ist schwierig um die Jahreszeit. Viele Brunnen sind stillgelegt, damit sie nicht einfrieren. Auch das Wasser in meiner Wasserflasche ist ein paar mal eingefroren. Entweder kamen dann Eisstückchen oder gar nichts mehr, wenn es durchgefroren war.
Grosse Schlucke zu machen geht sowieso nicht, das Wasser ist viel zu kalt dazu. Ich muss also Abends viel trinken in der Unterkunft, kann damit aber den Wasserverlust des Tages kaum ausgleichen.



St-Germain-Laprade, letzte Station vor Le-Puy. 2800 Einwohner.



In der Kirche St-Germain. Das unverputzte Kircheninnere hat einen ganz eigenen Flair.



Die Kirche hat einen eigenartigen, dachlosen Turm, der eher an einen Wehrturm als einen Kirchturm erinnert.

Nun geht das Schienbein richtig ab, ich humple mehr als dass ich laufe. Ich suche eine Unterkunft. Die Gemeindeverwaltung bescheinigt ungerührt, dass es in diesem Ort mit fast 300o Einwohnern keine Unterkunft gibt, auch nicht privat.

Phew, da habe ich mir was eingebrockt mit den grossen Etappen die letzten Tage. Zum Glück hat eine Bäckerei offen, die kommt mir jetzt recht. Schokolade soll ja glücklich machen. Also her mit damit! In einer Viertelstunde jage ich mir tausende Kalorien Glücksmacher rein.



Und weiter. Der Fuss wird ignoriert, soll er doch machen, was er will.



Knirsch ... soll er doch machen, was er will ...



... und er macht, was er will. Meine Güte!



Montjoie !! Berg der Freude! Der Punkt, an dem man erstmals Le-Puy sieht.



Vorne im Tal ist das Ziel fast zum Greifen nah. Le-Puy!



Blick zurück. Hinter den Bergen in der letzten Reihe, die kaum zu sehen ist, bin ich heute morgen gestartet. Ich bin stolz auf mich. Man kann doch vielmehr leisten, als man erwartet. Wenn mir hier, an dieser Stelle, heute morgen einer gesagt hätte, ich würde dort ganz hinter den Horizont laufen und noch weiter -das ist ja erst das Massif du Meygal-, hätte ich ihm wohl nicht geglaubt.



Aber nicht zu früh freuen, es zieht sich nun noch einige Kilometer. Und nicht die schönsten Kilometer, so direkt neben der Einfallsstrasse. Auf dem Kegel im Hintergrund ist die Marienstatue zu sehen, mein Ziel für heute. Und mindestens morgen.



Eine alte Römerbrücke über die Loire. Scheinbar gab es regelmässig grössere Hochwasser, es ist viel Platz für Wassermassen gelassen.



Die Brücke hat zugespitzte Pfeiler, um Hochwasser und Eis besser trotzen zu können. Ob der dadurch entstandene Platz in den Nischen links und rechts auf der Brücke für Kontrollen, Handel oder schlicht zum Ausweichen benutzt wurde, weiss ich nicht. Ich sehe das später noch öfter auf Römerbrücken.



Dann ist es soweit. Ich bin in Le-Puy-En-Velay. Der stinkende und lärmende Verkehr auf den Einfallsstrassen macht mir zu schaffen. Warum laufen Menschen nicht mehr oder fahren Fahrrad?



Saint-Michel-d'Aiguilhe, ich bin sprachlos.



Die Marienstatue und Saint-Michel-d'Aiguilhe in der Dämmerung. Ich bin glücklich - und ausgepowert!

Nichts mehr zu sehen von Wegmarkierungen. Habe ich mich verlaufen? Jetzt, am Ende des langen Tages? Mithilfe einiger Passanten finde ich den Gite, er hat geöffnet.

Zu müde zum Einkaufen und Kochen esse ich Erdnüsse und lege die Beine hoch.

Schlafen.

Tag 18-21: Le-Puy-En-Velay(F)



Le Puy-en-Velay liegt in der französischen Region Auvergne und ist mit 20.500 Einwohnern (1999) die größte Stadt im Département Haute-Loire.

Blick über die Stadt, die von Hügeln umgeben liegt.

Geplant ist ein Aufenthalt von zwei Tagen. Die beiden Tag liege ich viel auf dem Bett und lese, um das Schienbein und Fussgelenk ruhigzustellen. Unten in der Stadt hole ich mir Creme, die aber nicht viel Besserung verschafft. Da sich das Bein nicht grundlegend bessert, ich vielleicht einen Arzt brauchen werde und zusätzlich das Wochenende kommt, entschliesse ich mich, noch zwei weitere Tage in der Stadt zu bleiben. Samstag und Sonntag versuche ich eine gemässigte Bewegungstherapie, mit Ruhephasen und Cremen. Das Fussgelenk am rechten Fuss ist geschwollen, ebenso das untere Schienbein. Das Gewebe lässt sich eindrücken, die Delle geht nur langsam zurück.
In einem Internetcafe finde ich dann Beiträge von Sportlern und Ärzten, die sich mit diesem Problem beschäftigen. Es ist entweder ein Ermüdungsbruch oder eine Knochenhautentzündung. Das Erste schliesse ich aus, dazu sind die Schmerzen doch zu knapp, nehme ich an. Es ist dann den Sympthomen nach eine Knochenhautentzündung, hervorgerufen durch die ungewohnte, langandauernde Bewegung. Im Verlauf der weiteren Tour treffe ich noch viele Pilger, die mit diesem Problem zu kämpfen haben, insbesonders nach den ersten Tagen.

Ich hätte die ersten Tage in Frankreich vielleicht etwas kleinere Etappen machen sollen. Andererseits erlebe ich später auch Pilger, die kleine Etappen laufen, mit dieser Art von Entzündung. Vielleicht muss man einfach durch. Auf jeden Fall bringt mich diese Auszeit geistig zur Ruhe, daher sehe ich diese Ruhetage im Nachhinein als wertvoll an. Schön waren sie auf jeden Fall.






Am Fuss der Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe ist eine kleine oktagonale Kapelle, die ebenso wie das Haus daneben deutliche architektonische Einflüsse der Mauren zeigt.












Viele religiöse Darstellungen zieren die historischen Häuser der Altstadt. Le-Puy war nicht nur regionales Zentrum, als Sammelort der Pilger hatte es weite Bekanntheit als geistiges Zentrum.

Die Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe



Die romanische Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe aus dem 10. Jahrhundert befindet sich auf einer 80 m hohen, steilen vulkanischen Felsnadel.



Der Aufstieg zur Kapelle windet sich in kurzen, steilen Treppen und Aufgängen.



Der Eingang der Kapelle. Ausserordentlich schöne und guterhaltene Figuren und Darstellungen begrüssen den Besucher.



Deckenfresko in der Kapelle. In der Mitte Jesus, der mit der rechten Hand den Segen erteilt. Über ihm, hier auf dem Kopf dargestellt, der Erzengel Michael. Neben ihm zwei Seraphim Engel mit jeweils sechs Flügeln.

Im Neuen Testament besiegt Michael den Teufel in Gestalt eines Drachen und stößt ihn hinab in die Hölle: "Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen." (Offb 12,7)

In den Ecken sind die Symbole der vier Evangelisten abgebildet. Matthäus dargestellt durch einen Engel, Markus durch den Löwen, Lukas durch den Stier und Johannes durch den Adler.














Die Kirche und ihr Umgang nutzen die ovale Form der Felsnadel vollständig aus, die Säulen stehen in einer Art Halbkreis. Durch den Bau und die einzigartige Lage ist die Kapelle ein fast irreal wirkender Ort.

Die Kathedrale Notre Dame



Auf dem zentralen Hügel über der Stadt liegt die dreischiffige Cathédrale Notre-Dame du Puy-en-Velay. Dieses Unesco Weltkulturerbe wurde im 11. und 12. Jhd im romanischen Stil mit arabischen und byzantinischen Einflüssen erbaut. Das Portal ist riesig, im Hauptportal ist eine Person mit blauem Mantel als Grössenvergleich zu sehen.



Blick von der Stadt auf das Portal. Der Kirchturm steht isoliert und ist aus dieser Position nicht zu sehen. Diesen Weg sind Millionen Pilger in den letzten tausend Jahren gelaufen, auf dem Weg ins Ungewisse. Etliche sind wohl nicht mehr zurückgekehrt.



Blick vom Portal der Kathedrale auf die Stadt.



Links neben der Kathedrale ist der Kreuzgang aus dem 12. Jahrhundert.




Der 60 m hohe Kirchturm sieht aus wie aus Klötzen aufeinandergesetzt.




Ansicht von der Seite der Marienstatue.




Die achteckige Kuppel der Kathedrale von aussen.



Die Kuppel von innen.



Die Schwarze Madonna. Die Original-Statue soll vom hl. Ludwig 1254 aus Ägypten mitgebracht worden und in der Französischen Revolution verbrannt sein. Die dargestellte Madonna hier ist eine Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert.



Ein Statue von St. Jacque in der Kathedrale. An dieser Stelle kann man den Pilgersegen für einen guten Weg erhalten, ein eindrückliches Erlebnis. Früher gingen von hier grosse Pilgergruppen gemeinschaftlich los Richtung Santiago, da sie in der Gruppe sicherer waren vor Überfällen und Übergriffen.



Eine kleine Seitenkapelle ist geheizt, ganz ungewohnt in Frankreich. Hier finden im Winter die Gottesdienste statt. Nur Sonntags ist im Hauptschiff selbst die Messe.


In der Seitenkapelle ist ein schönes gotisches Fresko freigelegt.

Die Unterkunft



Die folgenden Bilder zeigen den Gite Maison St-François, der Franziskanerinnen. Dieser Gite ist ganz in der Nähe der Kathedrale, auf dem Hügel oberhalb der Stadt. Steile Treppen führen hinauf.
Ich war vier Tage in dieser Unterkunft. Normalerweise ist das nicht erlaubt, wegen der grossen Zahl an durchströmenden Pilgern. Im Winter ist es recht ruhig, ich bin sehr froh, nach meiner Ankunft gleich Unterkunft zu finden und bleiben zu dürfen bis ich mich bzw. das Bein erholt habe.

Neben den Pilgern betreuen die Schwestern auch Sozialfälle in einem Teil des Gebäudes. Sie versuchen, die Leute in begleiteten Programmen zu resozialisieren.



Ich erhalte eine kleine (Mönchs?)Zelle und bin begeistert. Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein Bett und ein Waschbecken. Mehr braucht man eigentlich auch nicht. Die dicke Wand schirmt mich ab von der Stadt, ich fühle mich in dem Zimmer sehr geborgen.



Das Bett, ohne Begrenzung vorne oder hinten, ist ideal bei meiner Grösse. Ich kann problemlos die Füsse heraushängen oder auf den Stuhl hochlegen.



Das Waschbecken mit den alten Fenstern, zwei hintereinander zur Isolation. Die Aussenwand ist fast einen Meter dick.



Blick bei Nacht aus meinem Zimmer auf die Statue Notre Dame de France, welche die Stadt überblickt. Diese Statue wurde aus russischen Kanonen gegossen, die im Krim-Krieg um 1860 erbeutet worden waren.



Der Blick auf die Statue bei Tag.



Das linke Gebäude ist der Gite, durch die Gasse geht es zur Kathedrale. Das zum Bau verwendete Basalt-Gestein gefällt mir gut, trotz der Kälte verbreitet es für mein Gefühl Gemütlichkeit und wirkt sehr wohnlich.



Ausser am ersten Tag bin ich der einzige Pilger im Gite. An dem Tag ist ein Radpilger da. Er hat zehn Tage Zeit und möchte nach St-Jean-Pied-de-Port, also an den Fuss der Pyrenäen an der spanischen Grenze. Er möchte ausschliesslich den GR65 fahren. Ich bin nicht sicher, ob das möglich ist, da der Weg teilweise für mich als Fussgänger problematisch ist.
Er hat nur 4 kg Gepäck dabei, also nicht viel mehr als was er anhat. Von Beruf ist er Landwirt, ich glaube er ist der erste Bauer überhaupt, den ich auf einer Reise treffe.

Er teilt meine Meinung, dass sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten stark verändern wird. Sie ist der letzte Erwerbszweig, der vor der Industrialisierung steht. Wenige Grossbetriebe werden die Landwirtschaft beherrschen, spezialisiertes Fachpersonal wird die Rolle des im Familienverband arbeitenden Bauer ersetzen.




Im Gite befindet sich ein Andachtsraum. Der Raum hat eine starke Ausstrahlung, die Ruhe ist fast greifbar.

Tag 22: Le-Puy-En-Velay(F)-Monistrol-d'Allier(F), 8.5h, 5°C



In Le-Puy endet die Via Gebennensis aus Genf. Am Marktplatz beginnt dafür die Via Podiensis, die nach St-Jean-Pied-de-Port führt. Die nächste Zwischenstation auf diesem Weg ist Conques, mein Ziel für diese Woche.

Es ist Montag Morgen, ein nebliger Tag. Die Stadt ist in Bewegung, Kinder gehen zur Schule, Menschen zur Arbeit. Ich mache mich auf den Weg. Ich werde sehr vorsichtig laufen und den Fuss möglichst schonen. Der Fuss schmerzt noch leicht, aber auf vollständige Abschwellung zu warten ist zu langwierig.



Kurz vor dem Verlassen der Altstadt sehe ich noch eine Pilgerfigur an einer Hauswand. Auf den ersten Blicke scheint es der Hl. Jakob zu sein, es ist jedoch der Hl. Rochus.
Rochus hat vor allem während der Pestzeiten den Jakobus als Pilgerfigur ersetzt. Er ist an einem begleitenden Hund zu erkennen und zeigt sein blosses Bein mit einer Pestbeule. Oft trägt er auch ein Brot in der Hand.

"Rochus von Montpellier (* um 1295, gest. am 16. August 1327) half der Legende nach auf der Pilgerfahrt nach Rom vielen Pestkranken.
Vieles in seinen Leben gilt als Legende. Rochus wurde als Sohn reicher Eltern in Montpellier geboren. Nachdem er mit 20 Jahren seine Eltern verloren hatte, verschenkte er sein Vermögen und trat in dem Dritten Orden des hl. Franz von Assisi ein. Als er 1317 nach Rom pilgerte, half er unterweges bei der Pflege von Pestkranken. Diese soll er nur mit Hilfe des Kreuzzeichen wundersam geheilt haben. In Rom angekommen heilte er weiter, ohne dass er zu Ansehen oder Reichtum kam. Als Rochus auf seiner Rückreise in Piacenza 1322 selbst mit der Pest infiziert wurde, wurde er von niemanden gepflegt.
Er "empfahl sich Gott" und ging in eine einsame Holzhütte im Wald. Dort wurde er der Legende nach von einem Engel gepflegt, und der Hund eines Junkers brachte ihm Brot, solange bis er wieder genesen war und er nach Piacenza zurückgehen konnte, wo er weiter heilte bis er dort die Pest besiegt hatte. Als er wieder in seine Heimatstadt kam erkannte ihn aufgrund seiner Verunstaltungen durch seine Pesterkrankung keiner und er wurde unter dem Verdacht der Spionage ins Gefängnis geworfen. Rochus dankte Gott für diese Prüfung und brachte geduldig fünf Jahre im Gefängnis zu, bis er starb.
Nach seinem Tod erkannte man ihn anhand eines kreuzförmigen Mals, das er seit seiner Geburt auf der Brust hatte.
" Quelle http://de.wikipedia.org/wiki/Rochus_von_Montpellier



Verabschiedung aus der Stadt.



1521 km nach Santiago.



Mit der Schonhaltung des Fusses will es nicht so recht gelingen, der Weg ist zu uneben. Ich bin froh, als ich aus der Stadt heraus bin. Der Nebel legt eine stinkende Abgaswolke über sie. Auch der Lärm der Autos und überhaupt das Tempo sind momentan nichts für mich. Ich bin "entschleunigt", wie es der aktuelle Trend will.



Nach wenigen Kilometern bin ich wieder in der Natur, abseits vom Trubel der Kleinstadt mit den eigentlich nur 20 Tausend Einwohnern.



Saint Christophe sur Dolaizon. Die Farbe der Steine ändert sich, ist nun rot-braun. Kirche aus dem 11.ten Jahrhundert.



Die Kirche hat einen interessanten Glockenturm.





Liac. Bäuerliches Hinterland mit vereinzelten Höfen und Weilern. Der nächste Ort heisst Lic.



Das Weideland und die Äcker sind durch Steinmauern begrenzt, ähnlich wie in Irland.





Ramourouscle. Ich bin froh, dass einige Strecken heute über Strassen führen. Der Fuss scheint sich einzulaufen. Nach wie vor versuche ich, ihn nicht ruckartig zu bewegen an Steinen oder Tritten, oder ihn zu überdehnen an Stufen.



In Ramourouscle sehe ich einen interessanten Bildstock von 1631 mit einem Engel als Hauptdarsteller.



Neben dem Bildstock steht ein Gestell, das ich mir nicht ganz genau erklären kann. Es ist wohl zum Einstellen von Vieh. Aber ob es eine alte Waage ist, zum Schlachten dient, zum Beschlagen hält oder eine Deckvorrichtung ist, wird mir nicht klar. Auf Höhe des Kopfes ist jedenfalls ein Stein, der hier etwas schwer zu erkennen ist. Eine Kuh könnte somit den Kopf nicht auf den Boden senken.



Die Kapelle von Monbonnet, leider verschlossen. Ich wäre gerne kurz gesessen.



Montbonnet. Soll ich hier schon Unterkunft suchen und das Bein schonen? Es sind erst 14 km seit Le-Puy. Eigentlich auch viel zu früh, aber ich möchte es nicht übertreiben gleich nach den Ruhetagen. Die Realität regelt das dann für mich: Alles geschlossen. Ich kann mir nicht mal den erhofften Grand Café gönnen. Also weiter, immer aufwärts.



Nach einer Weile komme ich dann auf einen Höhenzug auf rund 1250 Hm. Blick zurück auf Le-Puy, es liegt hinter dem Hügel gegenüber im Tal.



Blick nach vorne, also Richtung Westen. Eigentlich läuft man durchgehend Richtung Westen bis nach Santiago, mit einem kleinen südlichen Einschlag in Frankreich. Den Höhenzug im Hintergrund sehe ich gut, dort werde ich in einigen Stunden oder Tagen vorbeilaufen.

Wie lange braucht man, um zum Horizont zu laufen? Sind viele tiefe Täler dazwischen? Was für eine Bodenbeschaffenheit wird dort sein? Wo werde ich den Höhenzug kreuzen, ist von hier schon einTurm oder Ähnliches zu sehen, auf das ich zulaufe?

An diesem Punkt stelle ich mir diese Fragen noch nicht. In einiger Entfernung zu meinem Standort steht ein Übertragungsturm. Im Laufe der nächsten zwei Tage sehe ich diesen Turm beim Zurückschauen noch als kleinen Punkt am Horizont. Da wird mir erst richtig bewusst, welche Entfernungen ich an einem Tag zurücklege. Wie wunderbar die Fortbewegung zu Fuss ist!

Im Laufe der Strecke habe ich solche Aussichtspunkte noch öfter. Ich versuche mir dann auszumalen, wie es am Horizont sein wird. Die Wirklichkeit stimmt kein einziges mal mit der Fantasie überein.



Vor mir der Weiler Le Chier auf 1040 Hm. Es geht bergab ins Tal.



Le Chier. Durch die sonnige Süd-Ost Lage ist der Schnee weitgehend geschmolzen.



An schattigen Stellen wie an diesem Steg bleibt der Schnee liegen, kann stellenweise auch überfroren sein.



Am Weg ins Tal nach Saint-Privat-d'Allier ist diese schöne Gesteinsformation zu sehen. Eigentlich möchte ich in Saint-Privat-d'Allier übernachten, aber auch hier ist alles geschlossen. Es geht weiter abwärts ins Tal der Allier. Ich hoffe und bin zuversichtlich, in Monistrol-d'Allier unterzukommen. Der GR65 geht durch Waldgebiete, es liegt Schnee und es gibt Eisstellen. Ich entschliesse mich die Strasse zu laufen, um den Fuss zu schonen. Leider verpasse ich so die Chapelle St.Jaqcues aus dem 13. Jahrhundert, die einen schönen Blick über die Schlucht der Allier bieten soll.



Das Gestein wird abgebaut und verwertet.



Monistrol-d'Allier auf 550 Hm. Die Allier ist ein Wildwasser Paradies, im Sommer ist hier wohl recht viel los, wenn ich die Postkarten in der Bar richtig deute. Endlich einen Kaffee, auch wenn es schon später Nachmittag ist.



Dann ab zum Gite und tatsächlich, er hat geöffnet! Und was für ein Gite, sehr gemütlich. Hier kann man es aushalten. Schnell noch Einkaufen gehen, heute morgen waren die Geschäfte in Le-Puy noch geschlossen. Dann aber doch ein Schreck, das Geschäft hat geschlossen. Die Bar ist kurz davor zu schliessen. In der Bar frage ich um Rat, die Wirtin überrascht mich dann. Sie geht in die Küche, holt mir ein Päckchen Spagetthi und ein paar Tomaten. Klasse, herzlichen Dank!



Es wird nun deutlich länger hell abends, es ist fast Mitte Februar. Nach dem Kochen und Essen bleibt mir noch Zeit für einen Spaziergang.


An der Kirche ein interessanter Doppelbildstock. Diese Bildstöcke kenne ich nicht aus Deutschland, hier sind sie eher die Regel.






Ich habe ein mobiles Telefon dabei und lasse mich jeden Abend von meiner Familie anrufen, die Kinder sollen nicht den Eindruck haben, dass ich unerreichbar für sie wäre. Heute passiert es erstmals, dass es keine Netzabdeckung gibt und ich nicht telefonieren kann. Wir haben zwar schon vorher diese Möglichkeit besprochen, hoffe aber trotzdem, eine Verbindung zu erhalten. Ich befürchte, dass die Familie sich nach den Ruhetagen Sorgen macht, wenn ich mich nicht melde (ich lasse es normalerweise 1x klingeln wenn ich Unterkunft habe und werde dann zurückgerufen. Ansonten wäre die Telefonrechnung wohl teuerer als die ganzen andere Kosten der Tour zusammen).
Ich gehe etwas die Anhöhe hoch, keine Verbindung. Also wieder runter ins Tal. Dann versuche ich, aus einer Telefonzelle zu telefonieren. Als ich dann tatsächlich eine finde, akzeptiert sie nur Karten.

Von dem Aufenthalt inMonistrol-d'Allier lerne ich zwei Dinge:

  • Immer einen kompletten Essenvorrat für mindestens einen Tag dabeizuhaben.
  • Eine Telefonkarte für Frankreich (und später Spanien) zu besitzen.

Meine warme Essenvorratsration sieht normalerweise wie folgt aus

  • 250 g Reis. Braucht kein Öl oder Fett für die Zubereitung. Ist schnell gar, stopft nicht, auch wenn ich wegen grossem Hunger zuviel davon esse (siehe die Schlafstörung nach den Spagetthi in St-Jeures. Allerdings war das auch eine Megaportion).
  • 1 Zwiebel. Hält sich lange, gibt Geschmack und ist zumindest Gemüse. Koche ich zusammen mit dem Reis.
  • 1 Knolle Knoblauch. Hält sich lange, gibt Geschmack (Schärfe, wenn keine Pfeffer verfügbar ist). Den Knoblauch koche ich auch mit dem Reis und den Zwiebeln zusammen. Ich verwende nicht die ganze Knolle für ein Essen, obwohl es mir wohl die Hose wärmen würde :)
  • 1 Dose Fisch. Das Wasser oder Öl darin geben sie Sosse. Füge ich nach dem Garen zu dem Reis.
Dazu habe ich immer ein Brot dabei und ein kleines Päckchen Butter, schmilzt ja nicht um diese Jahreszeit. Für morgens Honig, in den praktischen Plastikflaschen, die es inzwischen gibt. Für Mittags und zwischendurch entweder Wurst oder Käse. Dazu esse ich viel Obst. Gerne esse ich auch rohe Karotten oder Kohlrabi unterwegs. Ich muss schauen, den Vitamin -und Mineralhaushalt in Ordnung zu halten.

Für das warme Essen koche ich mir natürlich auch andere Mahlzeiten, wenn ich was einkaufen kann. Den Reis und die anderen Sachen habe ich fortan immer dabei, um nicht nochmal ohne Essen dazustehen. Der Vorrat wiegt nicht allzuviel und gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.

Tag 23: Monistrol-d'Allier(F)-Domain du Sauvage(F), 9h, 10°C



Nach einem guten und umfangreichen Frühstück von der freundlichen Madame im Gite geht es aus dem Tal hinauf auch die Hochebene. Das Wetter verspricht heute gut zu werden. Ich freue mich auf den Tag und die Etappe. Mein Fuss hat sich wesentlich gebessert. Ich creme zwar noch, aber die Schwellung ist weitgehend verschwunden.



Im Aufstig aus dem Tal komme ich an dieser, in eine Höhle gemauerte Chapelle Madeleine vorbei. Die Kapelle war früher ein bekannter Wallfahrtsort. Links und rechts der Kapelle hat man Gräber in den Felsen gehauen.



Blick in das Innere der Kapelle, der Blitz des Fotos hellt sie etwas auf. Meine Kamera ist übrigens eine kleine Canon IXUS 400 mit 500MB Speicherkarte.



Blick zurück auf das Tal der Allier. Monistrol liegt im Tal am rechten Bildrand.



Der Weg führt bergauf in den Schnee, es wird kälter in der Höhe. Ich sehe die Radspur des Landwirts aus dem Gite in Le-Puy. Er musste das Rad schieben, seine Fussspur ist neben der Radspur gut zu sehen.



Hof unterwegs.



Blick zurück über Monistrol. Herrliches Wetter heute mit guter Fernsicht.



Der Wind bläst offensichtlich regelmässig und stark aus derselben Richtung.



Auf der Hochebene vor Saugues. Im Hintergrund über dem Wald sind schneebedeckte Höhenzüge zu sehen. Ich nähere mich dem Massif Central.



Blick auf Saugues. Saugues war früher die Hauptstadt der Provinz Gévaudan. Dieser Name erlange Bekanntheit durch La bête du Gévaudan, der Bestie vom Gévaudan.
Sie ist der Verursacher einer Serie von mörderischen Überfällen mit rund 100 Opfern, die sich von 1764 bis 1767 in der Gegend um Saugues ereignete. Ob es ein Wolf, ein Hund, eine Kreuzung davon oder gar ein Mensch war, konnte nie ermittelt werden. Die Theorie um den Wolf wird touristisch in Saugues verwertet.



Nach Saugues wird es nun langsam ernst. Croix du Fau ist freigegeben, nun komme ich also in Gebiete, die offiziell wegen Schnee gesperrt sein können.



Seit dem späten Vormittag ist es warm geworden, fast Föhnwetter. Der Schnee schmilzt rasant schnell und läuft in Rinnsalen die Wege entlang. Unterwegs falle ich um Jahrzehnte zurück und baue Staudämme in die Rinnsale, welche die Eisplatten durchfräsen wie Canyons.



La Clauze, eine kleiner Weiler mit einem Wehrturm aus Granit.



Von der Burg aus dem 12.ten Jahrhundert ist nicht mehr viel übrig ausser dem sonderbar geformten Turm.



Ansonsten verfallen nun auch profane Gebäude und Höfe in dem Ort.



Le Falzet. Hier gäbe es eine Unterkunft auf einem Bauernhof. Mein rechter Fuss ist wieder soweit fit. Es ist erst Nachmittag, ich entscheide mich daher, noch etwas weiterzugehen.



Ein herrlicher Winternachmittag. Die Strecke zieht sich nun, ich werde müde. Mein Fuss ist aber ok und das ist die Hauptsache im Moment. Ich sehe wieder die Fahrradspur. Der Landwirt ist hart im nehmen! Ich sehe einige steile Ansteige, an denen die Radspur eher kurze Streifen neben der Fussspur sind. Da hat er das Rad wohl geschultert und das Vorderrad schleifte bei den Schritten im Schnee.











Ich stehe hier an der Strassenabzweigung. Hinter mir führt die Strasse weiter auf den Bergrücken hoch. Dieser Weg hier geht links vom dem Weg ab und ist ein Privatweg. Zufahrt zum Domain du Sauvage. Ein ehemaliges Landgut und Hospital der Templer, nun im Landeseigentum. Das Gehöft ist verpachtet, auf dem 750 Ha grossen Gelände stehen viele Pferde. Das Gehöft ist hinten am Ende des Weges zu erkennen.

Der Gite im Gehöft ist neu umgebaut und riesengross. Ausser einem Telefon, Internet und Mobilfunknetzabdeckung ist alles vorhanden. Ideal wohl für Schulklassen oder grosse Gruppen. Hier kann man sicherlich schön Urlaub machen, weit abgelegen und ruhig, mitten in der Natur.

Ich wasche meine Kleidung mit der Hand und verteile sie auf den Heizkörpern im Gite zum Trocknen.

Tag 24: Domain du Sauvage(F)-Aumont Aubrac(F), 8h, 3°C



Normalerweise findet man in der Küche eines Gite Lebensmittel und Utensilien, die Pilger zurückgelassen haben oder die bereitgestellt werden. Meist sind das Gewürze, Salz, Pfeffer, Essig, Öl, Tee und ähnliches. Weil der Gite recht neu ist, ist diesbezüglich heute Morgen nichts vorzufinden ausser einer halben Flasche Rotwein. Den Wein will ich zum Frühstück dann doch nicht konsumieren, daher koche ich mir Wasser. Ein Bekannter mit chinesischer Verwandschaft hat mir mal erzählt, dass seine Schwiegermutter immer nur pures heisses Wasser tränke, Tee oder Kaffee seien ihr zu auftragend und schwer im Geschmack.
Mit einer vorzüglichen Kanne heissen Wassers gestärkt ziehe ich los.

Es ist bitterkalt durch den Nebel, der Wind bläst kräftig über die Höhe.

Beim Verlassen des grossen Gehöftes sehe ich es fast vor mir, wie verwundete und erschöpfte Tempelritter aufgepäppelt wurden, um mit einem der sinnlosen und barbarischen Kreuzzüge in den Nahen Osten zurückzukehren.



Kurz nach der Passhöhe Col d' Hospitalet auf 1304 Hm stand ein 1198 gegründetes Hospital der Tempelritter, das ursprünglich dem Jakobus, dann dem Rochus geweiht war. Während der Religionskriege wurden die Gebäude zerstört, nur die gefasste Rochus-Quelle ist noch vorhanden. Ihr Wasser soll bei Augenleiden und schlecht heilenden Wunden helfen.



Nach Espalion 84 km, wohl zuviel für eine Tagesetappe :)



Als ich in tiefere Lagen komme löst sich der Nebel. Seit dem Abschied zuhause vor 24 Tagen habe ich zwar viel Feuchtigkeit gesehen in Form von Nebel, Schnee und Eis auf dem Boden, es gab jedoch keinerlei Niederschläge. Heute fällt erstmals kurz leichter Nieselregen.



Monts de la Margeride heisst der Höhenzug, den ich heute Morgen überquert habe. Die touristische Route heisst folglich Route en Margeride. Im Hintergrund die ersten Häuser von St-Alban-sur-Limagnole. Im Ort unten gibt es eine Bäckerei, die das leckerste Mandelgebäck auf dem ganzen Jakobsweg backt! Leider habe ich mir den Namen der Bäckerei nicht notiert, sie ist auf den linken Strassenseite in der Nähe der Kirche.



Hütten im Wald. So sah es hier wohl auch vor Jahrhunderten aus.



Les Estrets, schöne Wanderwege hier in der Gegend.






Ankunft in Aumont Aubrac, interessant verbautes ehemaliges Seitenportal der Kirche. Es gibt zwei Gites, einer davon soll das ganze Jahr über geöffnet haben. Das ist leider nicht so, der Gite wird umgebaut. Im Pfarrsaal soll man auch übernachten dürfen laut Reiseführer. Ich kann allerdings den Pfarrer nicht erreichen. Habe in Pilgerbüchern gelesen, dass Pilger auch schon in den Kirchen übernachtet haben. Ziehe die Kirche als Notfall-Schlafplatz in Betracht, aber Aumont Aubrac ist vergleichsweise gross und geschäftig, da werde ich sicher anderweitig unterkommen.

Treffe dann auch den Pfarrer an, er ist nicht gerade begeistert mich aufzunehmen. Aber seine anderen offerierten Optionen sind geschlossen. Wir verabreden uns zur Abendmesse, zu der er jetzt gehen wird in einem Schwesternheim. Ich gehe noch schnell Einkaufen für mein Abendessen.
Dann kann ich das Schwesternheim nicht finden und irre durch die Stadt. Eine Frau hilft mir und führt mich zu einem von aussen fast dunklen Gebäude. Komme gerade noch rechtzeitig, die Messe vor drei älteren Damen ist eben vorbei. Der Pfarrer nimmt mich mit zum Gemeindehaus. Ich habe eine Küche zur Verfügung, Dusche und kann auf einer Matraze in einem Zimmer unter dem Dach schlafen, das normalerweise wohl Bastelzimmer und Unterrichtsraum ist. Danke!

Beim Einkaufen hat mich ein Passant vor der Durchquerung des Aubrac gewarnt, es läge aktuell ca. 40 cm tief Schnee. Ich meine, dass ich dann ja noch genügend Bodenfreiheit hätte, bin zwei Köpfe grösser als er. Wir lachen.

Morgen steht in der Tat eine härtere Etappe an. Es wird durch das Bergland Aubrac gehen, das von den Flüssen Truyère und Lot begrenzt wird. Das Aubrac ist ein Granit Plateau, es ist im Mittel 1000 Hm hoch und kaum besiedelt. Ausserdem ist es für Wetterextreme und viel Schnee bekannt.

Nachts werde ich durch ein Geräusch wach, das ich lange nicht gehört habe. Starker Regen prasselt lautstark auf das Dach und das Fenster meines Bastelzimmers. Bisher war es ja trocken, was die Niederschläge betrifft. Was ziehe ich nun an, wenn es morgen noch so heftig regnet? Regenjacke über die Windstopperjacke? Nur Windstopperjacke? Nur Regenjacke? Ich liege eine Weile wach und grübele. Ach, erst mal sehen, wie das Wetter wirklich wird.

Herrlich, im Schlafsack mit Dach über dem Kopf! Was interessiert mich jetzt der Regen? Ich liege trocken, das ist alles was jetzt gilt. Das Prasseln schläfert mich ein.

Tag 25: Aumont Aubrac(F)-St-Chely-d'Aubrac(F), 10h, 6°C



Am Morgen regnet es noch immer heftig. Als ich aus dem Fenster schaue, gibt es trotzdem eine Überraschung, die mich freut: Der Schnee ist weg!
Ich entscheide mich beim Frühstück dafür, in Regenhose und Regenjacke zu laufen. Wenn es zu kalt werden sollte, werde ich die Windstopper Jacke darunter ziehen.

Es regnet in Strömen, der Himmel ist ganz dunkel, die Regenwolken jagen sich. Als ich nach La Chaze-de-Peyre komme, klärt sich der Himmel über dem Ort schlagartig auf. Rechts und links von mir ziehen die Regenwolken ab.



La Chaze-de-Peyre in der Région Languedoc-Roussillon, Département Lozère. 10 Einwohner auf einen km2.

Der Regenbogen gibt mir Mut. Obwohl hinter mir der Himmel noch tiefschwarz ist und es innerhalb weniger Minuten wieder regnen könnte, entschliesse ich mich dazu, auf Petrus zu vertrauen und mich umzuziehen.

Die Regenjacke und -hose sind unangenehm zu tragen. Obwohl aus atmungsaktivem Material, bin ich in kurzer Zeit von innen genausso nass wie von aussen. Ich schwitze mehr, als das Material abgeben kann. Der Vorteil der Regenklamotten ist, dass kein kaltes Regenwasser auf der Haut durchströmt und der Wind abgehalten wird.



Das Wohnhaus ist direkt an die Kirche angebaut, das habe ich nicht oft gesehen.



Dann geht es hinaus auf die Hochebene. Der Schnee ist tatsächlich innerhalb weniger Stunden im Regen komplett weggeschmolzen. Die Wege sind natürlich entsprechend aufgeweicht. Herrlicher Sonnenschein, die schwarzen Regenwolken sind nun weggeblasen. Sehr windig mit starken Böen, ich muss meinen Hut mit dem Halteband festzurren, damit er nicht weggeblasen wird.



Nach einigen Kilometern Jakobsweg ist Schluss auf dem GR65. Entweder entkleiden und durch das Wasser waten, oder die Stiefel und Hose fluten. Der Boden ist durch den Schnee und nun das Wasser so aufgeweicht, dass ich teilweise fast bis zum oberen Schaftrand der Stiefel darin einsinke. In einigen hundert Meter Entfernung läuft die Strasse hier parallel zum GR65. Ich laufe quer durch die Weide zur Strasse, mit Umwegen um die Seen, die sich schnell bilden. Auf der Strasse geht es dann zügig voran, nur sehr wenige Autos kommen vorbei. Ich bin begeistert, was für ein Tag!



Vor Jahren war ich mit meinem Bruder für eine Weile in Island, die Landschaft und die Witterung hier erinnern mich daran. Das würde ihm auch gefallen.



Die Wassermassen steigen immer weiter, aus den Hochlagen läuft viel Wasser nach. Es war richtig, auf die Strasse auszuweichen. Hier bin ich sicher und komme gut voran.



In tieferen Lagen steht das Wasser.



Nasbinals. 27 km bisher, ein unerwarteter Tagesverlauf. Die romanische Notre-Dame-de-la-Carce aus dem 11.ten Jahrhundert. 1000 Jahre alt! In dieser rauhen Umgebung so gut erhalten.

Ich werde weitergehen, wer weiss wie morgen das Wetter wird. Ein Passant warnt mich eindringlich davor, auf dem GR65 Pfad zu gehen, das sei zu gefährlich. Aber das hatte ich auch nicht vor. Ich möchte nach Aubrac, weitere 9 km, dazu muss ich noch auf den 1400 Hm hoch gelegenen Pass gehen.



Auf der Passhöhe, das hat sich nun doch noch ordentlich gezogen. Die Weideflächen sind hier noch unter Schnee begraben. Nun noch zwei Kilometer hinunter nach Aubrac. Dort sollen etliche Gites und Unterkünfte sein. Grosse Enttäuschung, alle Gites sind geschlossen, nur Hotels sind offen. Ich habe aber nicht die geringste Lust auf ein Hotelzimmer. In den letzten Jahren habe ich beruflich viel in Hotelzimmern genächtigt, die Atmosphäre eines Hotels wäre mir heute zuwider. Lieber lege ich mich in eine Bushaltestelle, wenn es sein muss.

Also entweder Bushaltestelle oder weitergehen.

Es ist 17 Uhr und wird bald anfangen zu dämmern, müde bin ich auch. Aubrac liegt auf 1305 Hm. Der nächste Ort wäre Saint-Chély d'Aubrac auf 805 Hm, 8 km entfernt. Das sollte eigentlich noch drin sein, geht ja nur bergab. Im Tal wird das Wetter auch gemässigter sein.

Ich entschliesse mich, den Abstieg noch anzugehen.



Rund zwei Kilometer vor Saint-Chély d'Aubrac beginnt es zu regnen. Wird wohl nur ein Schauer sein, denke ich. Dass dem nicht so ist merke ich, als es zu spät ist. Innerhalb weniger Minuten bin ich durchnässt, bei dem Regen hilft keine Wachsschicht mehr auf der Hose.

Als ich in den Ort komme, sehe ich ein Sportheim. Jawohl, das sieht gut aus, im Notfall kann ich hier unterkommen, das Dach steht weit vor und bietet Regenschutz.
Dann ist aber doch noch jemand in der Touristeninformation. Der Gite ist offen, ich habe ein Bett für heute Nacht!

Nach einer herrlich heissen Dusche koche ich mir Reis aus meiner Vorratsration. Fabian, der junge Herbergsvater, kommt mit einer Flaschen schwerem Aperitifwein. So muss das sein. Eben noch sehr darüber gefreut, eine potentielle, trockene Unterkunft im Freien gefunden zu haben. Nun mit einer Flasche Wein in einer warmen Behausung, heiss geduscht.

Fabian hat eine deutsche Freundin, Birgit. Sie ist alleine quer durch die Alpen gelaufen, via Innsbruck, Liechtenstein und die Schweiz. Sie ist auf der Suche nach einem Plan für ihre Zukunft. Sie hat sich unterwegs auch einige Klöster intensiv angesehen und getestet, ob das was für sie wäre. Sie ist seit letztem Jahr Juli unterwegs und war bereits bis St-Pied-de-Port gelaufen, ist aber wieder nach Saint-Chély d'Aubrac zu Fabian zurückgekehrt. Das echte Leben.

Ausrüstung und Tipps



Im folgenden möchte ich meine Ausrüstung beschreiben, die sich insgesamt als gut erwiesen hat.

Kleidung
Nach dem "Zwiebelprinzip" habe ich mehrere Schichten, die ich je nach Witterung anpassen kann. Ich gebe auch die Anzahl der Teile an, die ich dabei hatte.

Schicht 1
  • 2 atmungsaktive Unterhemden (T-Shirts). Jeden Abend das getragene Teil waschen, trocknet über Nacht oder notfalls über den nächsten Tag am Rucksack.
  • 2 atmungsaktive Unterhosen. Ebenfalls jeden Abend das getragene Teil waschen.
  • 2 Paar Strümpfe. Jeden Abend das getragene Paar waschen.
  • 1 Paar Wanderstiefel. Je nach Vorliebe mit oder ohne atmungsaktiver Schicht. Ich hatte eine Gore-Schicht im Stiefel, die war bei einem Schuh nach 1500 km allerdings verschlissen.
  • 1 Hut als Wetter- und Sonnenschutz. Der Hut hat sich als ideal erwiesen, er schützt die (Sonnen-)Brille vor Tropfen und das Genick vor Wasser und Schnee.
Schicht 2
  • 1 atmungsaktives langes Unterhemd (Longsleeve) mit Rollkragen und kleinem Reissverschluss zum Anpassen. Nach Bedarf waschen.
  • 1 atmungsaktive lange Unterhose. Nach Bedarf waschen.
Schicht 3
  • 1 Pullover (mit durchgehendem Reissverschluss wie Jacke) mit Napoleontasche und Ärmeln mit Daumenlöchern zum Bedecken von offenen Stellen an den Handgelenken. Habe die Jacke von Mammut und bin sehr zufrieden damit (Modell "Acconcagua Pull"). Die Tasche auf Brusthöhe (Napolentasche) ist ideal, kann auch beim Tragen eines Rucksackes befüllt werden. Nach Bedarf waschen, trocknet schnell.
  • 1 Hose. Habe sehr gute Erfahrungen mit der Trekkinghose von Fjällräven (Modell "Barents Trousers") gemacht. Verstärkte Knie- und Gesässregion, gewachst, viele sinnvolle Taschen (innen auch eine Geldtasche), äusserst robust und trocknet schnell. Habe die Hose nicht gewaschen, reinigt sich von selbst durch die Bewegung. Nimmt durch den ständigen Wechsel der Unterwäsche auch keinen Geruch an.
Schicht 4
  • 1 atmungsaktive Jacke. War zufrieden mit der Windstopperjacke von Jack Wolfskin (Modell "Blizzard"). Napoleontasche und grosse Reissverschlüsse unter den Armen. Führt Schweiss wesentlich besser ab als eine Gore-Tex Regen-/Trekkingjacke, hatte ich im Vorfeld ausgiebig getestet. Zusammen mit den Schichten darunter völlig ausreichend bei Kälte, aber auch geeignet bei wärmeren Temperaturen. Hält Regen gut ab, ausser bei Dauerregen über Stunden oder sehr starken Güssen. Wird durch den Fleeceanteil allerdings schwer, wenn sie völlig durchnässt ist. Habe das aber gerne in Kauf genommen und würde sie wieder tragen. Wegen der verstärkten Schulternparie keinerlei Abnutzungserscheinungen durch den Rucksack.
Extras

Die Teile der Extraschicht habe ich je nach Bedarf getragen, während ich die Schichten oben eigentlich bis auf wenige Ausnahmen durchgehend von Januar bis in den milden April getragen habe.
  • 1 Stirnband. Sehr wichtiges Utensil bei Wind und Kälte, habe es unter dem Hut getragen. Schützt die Ohren (die trotzdem bei mir und vielen anderen recht gelitten haben und dauernd verkrustet waren)
  • 1 Paar Handschuhe. Sie sind ebenfalls wichtig, und waren der Schwachpunkt meiner Ausrüstung. Ich hatte reine Fleecehandschuhe dabei. Würde nun Fleecehandschuhe mit Windstopper mitnehmen. Beim Laufen in Regen werden die Handschuhe schnell nass und die Hände kühlen aus.
  • 1 atmungsaktive Regenjacke. Hatte eine einfache Regenjacke dabei ohne Extras. Habe die Jacke nur ungern getragen und nur bei starkem Regen. Der Schweiss kann trotz Atmungsschicht nicht genügend entweichen. Vorteil ist, dass sie leicht bleibt und sich nicht vollsaugt bei Nässe. Ich ziehe eine Regenjacke und -hose auf jeden Fall den Ponchos vor, die ich als völlig untauglich erachte. Sie sind ungehörig laut, wenn sie im Wind flattern. Ausserdem werden die Beine nass und ausgekühlt unter dem Poncho. Der Regen kommt meist nicht gerade von oben sondern von der Seite, besonders auf den langen spanischen Hochlage-Etappen.
  • 1 atmungsaktive Regenhose. Die Regenhose war sinnvoll bei starkem Dauerregen, da sie die Kniee und Beine dann einigermassen warmhält. Trotzdem habe ich sie wegen ungenügender Ventilation nur ungern getragen, wie die Regenjacke.
  • 1 Paar Gamaschen. Sinnvoll bei tiefem und nassem Schnee oder Schlamm, habe sie jedoch nicht oft benötigt, da die Hose lang geschnitten ist und den oberen Teil der Schuhe schützt.
  • 1 Fleece-Jacke. Dünne Fleecejacke für abends oder als letzte Eskalation bei extremer Kälte. Bei Kälte habe ich sie nicht benötigt, für abends war sie angenehm, da ich die anderen Schichten fast immer tagsüber getragen habe und sie abends gewaschen habe. Die Fleece-Jacke hat mich dann mit dem frischen Unterhemd warmgehalten.
  • 1 Fleece-Hose. Dünne Fleecehose für abends oder bei extremer Kälte. Bei Kälte habe ich sie ebenfalls nicht benötigt, für abends war sie angenehm, da ich die lange Unterhose regelmässig abends gewaschen habe.
  • 1 Fleece-Schal (Halskrause), ähnlich gebaut wie das Stirnband. Hat sich bewährt bei kaltem Sturmwetter, damit konnte ich das Gesicht von unten her bis unter die Augen bedecken. Dieser Schal ist oben in meiner Grafik nicht eingezeichnet. Zusammen mit dem Stirnband, den Handschuhen und den langen Ärmeln mit Daumenschlaufe des Mammut-Pulli konnte ich somit alle normalerweise offenen Körperstellen bedecken, was öfter als einmal nötig war.
Weitere Ausrüstung
  • 1 Rucksack. Habe stabilen 40 l Rucksack mit integrierter Regenhülle. In den letzten Jahren wurden sehr gute neue Rucksacksysteme entwickelt. Die Iso-Matte konnte ich aussen hochkant plattgedrückt am Rucksack befestigen, ansonsten war alles im Rucksack verpackt. Besonders bei starkem Seitenwind bietet man ansonsten viel Angriffsfläche.
  • 1 Schlafsack. Habe einen Daunenschlafsack wegen dem geringen Gewicht. Die Wahl zwischen Daunen und Kunstfaser ist wohl eine Frage der Investition und Philosophie. Im Sommer ist sicher eine Decke oder dünner Schlafsack ausreichend. Im Winter ist ein warmer Schlafsack obligatorisch.
  • 1 Isolierungs Matte. Habe eine 3mm alubeschichtete Iso-Matte. Nun würde ich eine normale Iso-Matte bevorzugen, da sie besser isoliert. Keine aufblasbare Matte wegem dem grösseren Gewicht. Die Matte kann man auch tagsüber bei einer Rast gut verwenden.
  • 1 Sonnenbrille.
  • 1 Kompass, leichtes Modell ohne Spiegel, wie ihn die Orientierungsläufer verwenden.
  • 1 Multifunktionsmesser. Mein Schweizer Taschenmesser hat sich bewährt.
  • 1 Taschenlampe. Die LED-Stirnlampen sind ideal, da sie leicht, sparsam und leuchtstark sind.
  • 1 kleine Trillerpfeife. Eine Trillerpfeife ist ein gutes Signalgerät für Notfälle, da sie weithin hörbar ist. Beim Pyrenäen-Übergang war sie tatsächlich hilfreich, doch dazu mehr in der Etappenbeschreibung :)
  • 2 Paar Reflektorbänder für Unterarme und Beine. Sind klein und wiegen fast nichts, bieten aber Sicherheit in der Dämmerung und Dunkelheit.
  • 1 Kamera. Habe Digitalcamera Canon IXUS 400. Entprechendes Ladegerät mitnehmen und eventuell USB Kabel. Kabel ist nicht zwingend nötig, man braucht es u.U., wenn man in Internetcafes Bilder auslesen möchte. Man kann sich inzwischen bei vielen Fotogeschäften für rund 5 EUR direkt von der Memorykarte die Bilder auf eine CD oder DVD brennen lassen und die Memorykarte danach formatieren und wiederverwenden.
  • 1 Mobiltelefon mit Ladegerät bei Bedarf. Ansonsten im jeweiligen Land Telefonkarten kaufen.
  • 1 Trinkflasche, kann auch Plastikflasche sein (von Cola, Fanta etc.), die sind leicht und unbrechbar.
  • 1 Fleecehandtuch. Tipp: 30x30cm Tuch von Aldi reicht aus und kostet nur rund 2 EUR, firmiert als Reinigungstuch.
  • 1 Paar Badeschlappen, leichte Flippers haben sich bewährt, da sie kaum Platz benötigen.
  • 1 Waschset mit Zahnbürste, Zahnpasta, Duschgel, Hautcreme und Sonnencreme. Kleinstmengen verwenden! Die meisten Duschgels können auch als Shampoo verwendet werden. Hatte kein Rasierutensilien dabei. In Frankreich war ich froh um den Wetterschutz durch den Bart, in Spanien gibt es günstige Barbiere.
  • 1 Reiseapotheke mit Schmerztabletten, Grippekiller, Hirschtalgcreme, Pflaster, Tape zum Abkleben und Nadel zum Öffnen von Blasen. Ansprüche und Bedarf werden individuel wohl recht unterschiedlich sein. Auch hier unbedingt Kleinstmengen verwenden.
  • 1 Reisewaschmittel, kleine Tube oder etwas Waschpulver. Habe anfangs mit vorhandener Seife, Spülmittel oder meinem Duschgel gewaschen, mich dann aber zu einem Reisewaschmittel entschlossen. Diesen Luxus hatte ich mir noch nie zuvor gegönnt auf einer Tour. Waschmittel macht aber durchaus einen Unterschied bei der Geruchskomponente. Ausserdem reinigt es besser bei der täglichen Handwäsche.
  • 1 Paar Ohrstöpsel. Manche PilgerInnen entwickeln enorme Schnarchpegel, andere fühlen sich verpflichtet zu unchristlichen Zeiten loszulaufen. Natürlich macht das in ihrem Empfinden nur Sinn, wenn alle anderen das mitbekommen.
  • 1 Feuerzeug, ein Kleines von Bic oder ähnliches. Für den Fall, dass man gerne mal eine Kerze anzündet. Die ausliegenden Streichhölzer in den Kirchen sind oft feucht.
  • Reiseführer und Karte. Nachhause senden oder zurücklassen, wenn sie nicht mehr benötigt werden.
Gewicht
Dies ist der kritische Faktor, der über relativ entspanntes Laufen oder Plackerei entscheidet. Die Faustregel ist: Tragegewicht unter 15% des Körpergewichts!
Es kommt neben dem Startgewicht unterwegs 2-3 kg Gewicht hinzu durch den Wasser- und Nahrungsvorrat.
Mein Rucksack war gepackt 8 kg schwer, nach Lebenmittel- und Wasseraufnahme 10-11 kg. Ich hatte in der Folge auch keine Probleme, obwohl der Rücken sonst mein Schwachpunkt ist.

Ich habe einige Pilger getroffen mit bis zu 20 kg Rucksackgewicht, auch zierliche Damen waren darunter. Solch ein Gewicht ist auf Dauer nicht zu handhaben. Neben dem Druck auf Nacken, Schultern und dem Rücken werden selbstverständlich auch die Hüfte, Beine, Knie und vor allem Füsse extrem belastet.

Ratschläge
- Keine Baumwollbekleidung verwenden. Baumwolle wird schwer, wenn sie nass ist. Sie trocknet schlecht und wärmt vor allem nicht wenn sie feucht ist.
- Unterwegs ist alles zu kaufen. Vor allem bei Pflegemitteln und der Apotheke nur Kleinstmengen mitnehmen. Kleine Behälter können unterwegs nachgefüllt oder nachgekauft werden.
- Qualitativ hochstehende Ausrüstung verwenden. Ist zwar teuerer, dafür oft robuster und leichter. Besonders im Winter oder Hochsommer kann schlechte oder mangelhafte Ausrüstung gesundheitsbedrohend oder gar lebensgefährlich sein. Sechs Gedenkstätten für unterwegs verstorbene Pilger (nur ab 1990!) an der Strecke sollten eine Mahnung sein.

Reiseführer und Karten

Für die köperliche, organisatorische, mentale und spirituelle Vorbereitung gibt es eine grosse Menge Literatur und Informationen im Internet. Für die Reise selbst gibt es ebenfalls gutes Material. Ich empfehle nur das nötigste mitzunehmen und aus Gewichtsgründen nicht mehr benötigte Karten und Führer zurückzusenden oder zu hinterlassen.

Reiseführer
Für unterwegs kann ich die Reiseführer zweier Verlage empfehlen. Beide bieten diverse Führer an, die genau, detailliert, handlich und relativ leicht sind. Die Führer aus dem Bergverlag haben gute Kartenausschnitte zu den Etappen, bei den Führern des Stein Verlags sind das Skizzen. Der Stein Verlag bietet jedoch eine sehr grosse Auswahl zu verschiedenen Jakobswegen in ganz Europa.
  1. Bergverlag Rother. Bei diesem Verlag sind gute Reiseführer zu verschiedenen Strecken des Jakobwegs erhältlich. Gute Kartenausschnitte
  2. Conrad Stein Verlag. Auch dieser Verlag bietet eine ganze Reihe gute Reiseführer an. Grosse Auswahl verschiedener Jakobsweg-Varianten.
Andere gesehene Reiseführer konnten mich nicht überzeugen.

Für Frankreich gibt es einen guten Reiseführer namens Miam-miam-dodo, der aber nur in französischer Sprache erhältlich ist.

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Nachtrag 3.07: Ungeprüfter Hinweis, von Jean-Pierre
Empfehlenswerter Begleiter, um rechtzeitig eine Unterkunft zu finden (und viel umfassender als das Outdoor-Handbuch aus dem Conrad-Stein-Verlag): Chemin de St-Jacques de Genève au Puy-en-Velay / Jakobsweg Genf - Le Puy-en-Velay. Renseignements pratiques / Praktische Auskünfte. Zweisprachig deutsch/französisch. Hrsg.: Association Rhône-Alpes des Amis de Saint-Jacques. Erscheint jährlich aktualisiert. Bezugsquelle (u.a.): Dominique Montvenoux, 7 rue Bernard Vallot, F-69500 Bron.

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Nachtrag 3.07: Die Uni Paderborn hat eine Liste mit den spanischen Refugios und guten Informationen aufgelegt.

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Karten
Für die Schweiz gibt es hervorragende Wanderkarten in allen Massstäben vom schweizerischen Bundesamt für Landestopographie. Allerdings sind alle Wanderwege (nicht nur der Jakobsweg) so dicht und gut markiert, dass Karten in der Schweiz eigentlich nicht notwendig sind. Der Reiseführer reicht völlig aus.

In Frankreich sind die Karten "Carte de Promenade" im Massstab 1:100.000 vom Institut Géographique National, IGN ausreichend. Für meinen Weg (Via Gebennensis und Via Podiensis waren folgende Karten nützlich: #45, #51, #50, #58, #57, #63 und #69, in dieser Reihenfolge. Die Karten sind auch unterwegs erhältlich. Wobei auch in Frankreich gilt, dass der Weg durchgehend recht gut markiert ist.

Für Spanien sind die Wegmarkierungen in Verbindung mit einem der oben beschriebenen Reiseführer ausreichend. In der Touristeninformation von Roncesvalles und Pamplona erhält man einen guten "Übersichtsplan des Jakobswegs", verlegt von der Regierung von Navarra. Viele Informationen mit Streckenverlauf.

Tag 26: St-Chely-d'Aubrac(F)-Estaing(F), 10h



Heute geht es weiter ins Tal des Lot hinunter, 400 Hm auf 16 km Distanz nach St.Come d´Olt. Das Wetter geht zur Sache. Wenn es hier schon so schneit, muss es oben auf der Hochebene des Aubrac richtig abgehen. Ich bin froh, gestern so weit gelaufen zu sein.



Der Weg ist überflutet, es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten. Also ständig über Mauern und Zäune klettern.



Kurz nach der Aufnahme hält eine Autofahrerin, ich solle in keinem Fall auf den GR65 Pfad laufen, das wäre zu gefährlich. Das hatte ich auch eingesehen in den steilen Abwärtspassagen, darum laufe ich jetzt ja auf der Strasse.





Weiter unten im Tal wird es etwas wärmer, statt Schnee fällt Regen. Aber es ist nun klare Sicht, ich bin unter der Wolkendecke.



Das Zeichen des GR65 unterwegs.








Im Tal des Lot angekommen. Der Fluss mündet nach 481 km in die Garonne. Die Wassermenge ist stark von den Jahreszeiten und der Witterung abhängig und kann von rund 15 m³/s im Sommer auf 700 m³/s im Winter und Frühjahr anschwellen.



Saint-Côme-d'Olt auf 385 m.
Olt ist die okzitanische Bezeichnung für den Fluss Lot. Okzitanisch (Langue d'oc) ist eine galloromanische Sprache, die im südlichen Drittel Frankreichs sowie in Randgebieten Italiens und Spaniens gesprochen wird. Es ist die alte Sprache, in der die Troubadoure gedichtet haben. Nun ist sie am Aussterben.



Bemerkenswert ist die gedrehte, achteckige Tumspitze der Kirche.



In der Kirche Saint-Côme-et-Saint-Damien. Ich bemerke , dass der Opferstock rabiat aufgebrochen worden ist. Das sieht frisch aus, die Splitter liegen noch auf dem Boden. Ich hoffe, dass ich nicht verdächtigt werde, wenn jetzt jemand reinkommt oder wenn ich gegangen bin.



Saint-Côme-d'Olt ist eine wunderbare kleine Stadt, mit verwinkelten Gässchen und vielen alten Gebäuden.



Blick auf die Stadt vom Lot aus.



Nach einigen Kilometern im strömenden Regen entlang des Flusses liegt etwas abseits des Wegs, kurz vor Espalion, die Eglise de Perse. Der Chor und die Apsis wurden im 11.ten Jhd erbaut. An dieser Stelle wurde 730 der Hl. Hilarian von den Sarazenen enthauptet. Die Kirche ist die Kapelle eines ehemaligen Klosters, das 1060 gestiftet wurde und zum Kloster Conques gehörte. Es wurde während der Religionskriege 1537 zerstört, nur diese romanische Kapelle blieb verschont.

Sarazenen ist übrigens eine seit dem Mittelalter gebräuchliche, oft abwertend gebrauchte Bezeichnung für die Araber und andere islamische Völker. In neuerer Zeit ist der Ausdruck nicht mehr gebräuchlich.



Die Kirche ist bis auf den Altar leer. Die Leere bringt die alten Gemäuer und den Raum voll zur Geltung. Draussen regnet es in Strömen, innen herrscht eine ganz eigenartige, friedliche Stimmung. Ich fühle mich fern der Welt, singe in Ergriffenheit.











Das Portal der Kirche. Unten im Tympanon eine Darstellung des jüngsten Gerichtes und der Apokalypse, darüber eine Darstellung des Pfingstgeschehens. Oben links sind kleine Figuren in der Mauer eingelassen, Detailfotos sind hier zu finden.



Nur noch wenige Meter, dann bin ich in Espalion. Es ist Freitag Nachmittag, geschäftiges Treiben in der Stadt. Auch hier, wie auch in Saint-Côme-d'Olt, viele geistliche und profane historische Gebäude.



Espalion in der Region Midi-Pyrénées, Departement Aveyron, hat 4.500 Einwohner. Im Gegensatz zum grauen Granit auf der Hochfläche des Aubrac herrschen hier die roten Töne des Sandsteins vor. Ich gehe zur Touristeninformation, sie kündigen mich beim Gite in Estaing an. Ich rechne damit, dass ich wegen Hochwasser vielleicht Umwege laufen muss und recht spät ankommen werde. Estaing möchte ich aber in jedem Fall heute schaffen. Dann könnte ich morgen nach Conque laufen und dort am Sonntag den Ruhetag einlegen.



In den wenigen Kilometern seit St-Come hat sich der Lot verändert und hat jetzt die intensive Farbe des Bodens. Von den Äckern unterwegs erodiert die Erde und läuft in Strömen über Strassen und Wege in die Bäche und den Fluss.





Dann geht es weiter durch das Tal. Wieder etwas abseits vom Weg, hochwassersicher erhöht, liegt Saint-Pierre-de-Bessuéjouls. Eine Kapelle aus dem 11.ten Jahrhundert. Detailbilder sind hier zu finden. Ich nehme mir nicht viel Zeit, nach einem kurzen Innehalten geht es weiter.



Der GR65 ist hier durch den Regen zu glitschig. Um vor der Dunkelheit die 11 km nach Estaing zu schaffen, laufe ich an der Strasse.



Eine weitere Kapelle unterwegs, Trédou.



Dann komme ich nach Estaing. Ich bin völlig aufgeweicht vom ganztägigen Regen, für heute reicht es.



Estaing ist namentlich wohl am meisten bekannt durch Valéry Giscard d’Estaing, den Alt-Präsidenten Frankreichs. Der Name kommt allerdings aus der weiblichen Vorfahrenlinie und wurde erst im 20.ten Jhd durch staatliche Erlaubnis an den Vater von Valéry, einen hohen Politiker, zuerkannt. Die Bewohner wollen jedoch mit dieser Sippschaft nichts zu tun haben, was sie mir sympatisch macht.

In einem Café kann ich den Schlüssel zum Gite abholen. Überraschung, der Gite liegt in der Stadt in einer Kapelle. In einem Seitenraum hinten in der Kapelle ist die Küche, oben unter dem Dach die Betten, in Séparées. Allerdings gibt es keine Heizung ausser dem offenen Kamin, es ist kalt. Oben im Schlafraum ist die Scheibe des Fensters kaputt. Mit Waschen und Trocknen wird es hier nichts.



Ich habe noch eingekauft und koche mir was Leckeres. Dazu gönne ich mir eine Flasche Wein, es ist ja schliesslich Freitag Abend. Das Feuer lodert und wärmt den Raum.
Auf dem Bild ist gut zu sehen, dass die Hose durch den Regen piccobello sauber ist. Obwohl ich sie während der Reise nicht wasche steht sie gut da.

Die Strümpfe trocknen dampfend, ebenso die Einlagen.



Durch die Wetterlage zieht der Schornstein jedoch kein bisschen, ich muss ständig lüften um nicht zu ersticken. Meine Kleidung riecht noch nach Tagen nach Rauch.

Tag 27: Estaing(F)-Conques(F), 8.5h



Samstagmorgen. Der Regen ist weg, blauer Himmel. Vom Rauch heute Nacht rieche wie ein Köhlerhaufen.



Estaing (320 Hm) ist ein schönes, altes Städtchen, wie die anderen Orte am Lot, die ich gestern gesehen habe.



Die Spuren des Dauerregens.



Dann geht es aus dem Tal des Lot auf die Höhe.

















Golinhac (650 Hm). In der Kirche der heilige Rochus als Pilger mit Jakobsmuschel.



Und zu meiner Überraschung eine asiatische Madonna.



Schon vor der Ankunft nach Golinhac wummert die Bassline von Hard-House, einer Techno-Musik Stilrichtung, von weitem durch den Wald. In der Kirche klappern dann auch die Fenster in den Rahmen. Im benachbarten Gemeindehaus sind ein paar Jugendliche zu sehen, sie haben augenscheinlich die Nacht durchgefeiert. Schöne Abwechslung.
Nach Golinhac geht es weiter auf die Höhe, die Musik begleitet mich noch eine Weile.





Espeyrac (370 Hm). Es geht heute auf- und ab, eine profilierte Landschaft wie diese gefällt mir sehr.




Im Ort alles vollgeparkt, es findet eine Hochzeit statt.





Sénergues (650 Hm). Die Kirche St.Martin wurde 819 erstmals erwähnt. Nach 28 km seit Estaing bin ich froh, dass es nach Conques nur noch 9 km sind und ich morgen einen Ruhetag habe.



Kurz nach Sénergues schlägt das Wetter um, ein Gewitter zieht vorbei. Glücklicherweise in einiger Distanz, bei mir regnet es nur. Dann wieder klarer Himmel.



Auf der Höhe sehe ich ein Regenfront auf mich zukommen.



Innerhalb weniger Minuten ist sie mit grosser Heftigkeit da. Ich bin auf freiem Feld, notfallmässig ziehe ich Regenhose und -jacke über. Das war knapp, aber richtig. Es schüttet, dass ich kaum noch das Gelände um mich herum sehen kann. Minuten später ist der Zauber wieder vorbei.



Wo bitte geht es nach Conque? Ich sehe nur Felder und Wälder. Der Höhenzug, auf dem ich laufe, läuft nun spitz zusammen. Seitlich sind tiefe bewaldete Täler eingeschnitten. Dann geht es vom Höhenweg ab in das Tal hinunter.



Der Weg hinab ist allerdings mühsam, das Wetter muss ziemlich gewütet haben in letzter Zeit. Umgestürzte Bäume versperren den Pfad, Dornen drohen meine Regensache zu zerreissen. Ich ziehe sie aus, ich werde sie bis Compostela sicher noch gut brauchen können.



Auf einmal öffnet sich der Hohlweg und ich bin in einer anderen Welt. In der Abendsonne kleine Häuschen wie aus dem Bilderbuch mit rauchenden Kaminen. Conques!
Auf 280 Hm in einem engen Tal, eher einer Schlucht.



Von der Vereinigung Les plus beaux villages de France wurde Conques zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs erklärt. Ideal für den Ruhetag morgen.

Tag 28: Conques(F)



Ich wohne in der grossen Pilgerherberge direkt an der romanischen Klosterkirche Ste-Foy. Gestern abend wurde ich sehr warm empfangen. Es sind noch andere Pilger und Gäste da, sie gehen allerdings nicht den Chemin de Saint-Jacques-de-Compostelle, sondern laufen oder verbringen ein Wochenende in der Region.



Morgens regnet es noch stark, die Bewölkung lockert sich jedoch auf.



Die Herberge ist Teil eines Klosters. Der Prior liest die Messe in einer kleinen, beheizten Kapelle des Klosters. Wer möchte, kann teilnehmen.
Die Mahlzeiten nehmen wir zusammen ein. Ein schönes Erlebnis mit reichhaltigem und vielgängigem französischem Essen und gutem Wein. Welch Unterschied zu meinen Mahlzeiten unterwegs! Leider kann ich mich nicht bei den lebhaften Gesprächen beteiligen, aber ich fühle mich wohl.



Kreuzigungsgruppe in der Kapelle. Maria und Johannes unter dem Kreuz.



Das wird die neue Hundehütte für die Hunde der Pilger. Alleingehende Frauen, die ich unterwegs getroffen habe, hatten meist Hunde dabei. Die Hunde mussten ihr Gepäck meist selbst mit Packtaschen tragen, und taten das mit sichtlichem Vergnügen.









"Conques romanische Klosterkirche Ste-Foy und sein kleines Museum gehören zu den Höhepunkten der Kulturgeschichte des südlichen Frankreich. Trotzdem ist der Ort wegen seiner abgelegenen Lage wenig besucht, aber außerordentlich angenehm. Conques und seine Klosterkirche liegen stark an einem Berghang, und genau diese Lage drohte der Kirche einstmals zum Verhängnis zu werden.

Die Kirche hat ihren Namen nach der heiligen Fides, im Französischen Ste-Foy genannt. Fides war der Name eines kleinen Mädchens, das zur Märtyrerin geworden war. Sie war die Tochter eines angesehenen Bürgers von Agen und am 6. Oktober des Jahres 303 im Alter von 12 Jahren auf Befehl des Dacius zum Tode durch Enthauptung verurteilt worden, weil sie sich angeblich geweigert hatte, die heidnischen Götter anzubeten. Sie war damit eine der ersten der vergleichsweise wenigen französischen Märtyrer. Die religiöse Fantasie und die emotionale Erregung erfuhren noch eine bedeutsame Steigerung durch den Umstand ihres jugendlichen Alters und ihrer damit verbundenen Jungfräulichkeit. Ihre Gebeine sind am 14. Januar 866 nach einem Raub feierlich hierher gebracht worden und wurden seitdem mit inbrünstiger Andacht verehrt.

Die Klosterkirche, die einen älteren karolingischen Bau ersetzte, wurde kurz nach 1041 begonnen und zu Beginn des 12. Jhs. weitgehend vollendet und steht damit in der Phase der Früh- und Hochromanik. Im Mittelalter gehörte sie zu einer Benediktinerabtei. Nach Tournus in Burgund besitzt sie möglicherweise das älteste Tonnengewölbe großen Ausmaßes, das ungefähr 1060 gebaut wurde. Dieses Datum ist aber nicht ganz gesichert. Manches spricht dafür, dass in Conques die oberen Teile des Langhauses zeitlich nach der großen Kirche St-Sernin in Toulouse errichtet wurden. Dann wäre Conques zumindest in dieser Hinsicht nicht ganz so bedeutend.

Die Klosterkirche hat einen fünffachen Staffelchor, genau gesagt eine Kombination von einem Staffelchor und einem Kapellenkranz. Das ist eine von jenen Vorformen des späteren Kapellenkranzes." Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Conques












Im folgenden die ausführliche Beschreibung dieses Tympanon. Viele der alten Kirchen unterwegs haben einen Tympanon, der nächste prachtvolle kommt in Moissac. Daher die Beschreibung der Details an dieser Stelle, um die Hintergründe und Geschichten zu den Figuren exemplarisch zu sehen.
Hier ein Foto des Tympanon in grosser Auflösung. (Quelle Jean-Pol Grandmont, Wikipedia)

"Die Hauptattraktion der Klosterkirche von Conques ist das große Tympanon des Eingangsportales aus der Zeit vor 1130. Es gehört auf eine Stufe zusammen mit den Tympana von Chartres, Autun und Vézelay. Wir haben hier eine Art Kompendium mittelalterlicher Geschichtenerzählung vor uns, die sich nicht nur auf biblische Szenen beschränkt.

Das Generalthema des Tympanons ist das Jüngste Gericht. Diesmal bevölkern ganze 117 Gestalten die Szenerie. Ursprünglich befand es sich gar nicht an der Außenseite der Kirche, sondern - wie in Vézelay - im Innern einer Vorkirche und ist deshalb so gut erhalten. Das Material ist rötlicher und gelber Sandstein.

In der Mitte der vielschichtigen Erzählung thront natürlich - wie fast immer - Christus in der Mandorla - mit deutlichen Farbresten, von denen aber nicht sicher ist, ob es die mittelalterlichen Originalfarben sind. Sicher ist nur, dass diese Figuren bemalt waren. Gemäß der Matthäusvision vom Jüngsten Gericht, nach der Christus die Schafe zu seiner Rechten und die Böcke zu seiner Linken versammelt (Mt. 23, 33), teilt er mit seinen ausgestreckten Armen die Welt des Jenseits in das Paradies zu seiner erhobenen Rechten und die Hölle zu seiner nach unten weisenden Linken. Diese Teilung der Welt in Gut und Böse, die die gesamte christliche Kunst des Mittelalters beherrscht, ist bis in die Gegenwart kulturbestimmend wirksam.

In einem elliptischen Glorienschein, der Mandorla, sitzt Christus als höchster Richter mit einem Pallium bekleidet. Auf dem Kreuz im Nimbus/Heiligenschein hinter seinem Haupte steht die Inschrift: „Judex“ (Richter). Mit der rechten Hand weist er den Auserwählten den Himmel: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters“ sagt die seitliche Inschrift; mit der Linken weist er den Verdammten die Hölle: „Weichet von mir, Verfluchte“ heißt es auf der anderen Seite.

Zu seiner Linken, also von vorne aus rechts von ihm, sind vier Engel zu sehen. Von den zwei Christus zugewandten Engeln hält einer das Buch des Lebens, der andere ein Weihrauchgefäß. Die beiden den Verdammten zugewandten Engel halten Lanze, Schild und Wimpel. Sie halten die Verdammten fern, wie auf dem Schild geschrieben steht: „Die Engel werden die Bösen von den Gerechten trennen“. In der Hölle wird jeder nach seinen Sünden bestraft. Die Qualen, welche hier den Verdammten auferlegt werden, beziehen sich auf die Todsünden. Die Personen dieser fürchterlichen Szenen waren keine erfundenen Wesen, sondern Zeitgenossen.

Über Christus steht sein Kreuz zwischen dem Mond (luna) rechts und der Sonne (sol) links. Das Kreuz wird als Zentrum der Schöpfung, als Mittelpunkt der Welt und der Geschichte angesehen. Auf dem Querbalken steht die Schrift: „Dieses Kreuzzeichen wird am Himmel erscheinen, wenn der Herr kommt zu richten“ (Mt. 23, 30). Auf jeder Seite des Kreuzes – hier nicht zu sehen - stößt ein Engel ins Horn, um die Menschheit zur jüngsten Versammlung zu rufen.

Zur Rechten Christi, also von vorne aus gesehen links von ihm, befindet sich die moralisch „gute“ Seite, die Seite der Tugenden und der Erlösten - das heißt aber auch: die Seite mit den langweiligeren Themen. Zunächst sind – über den Figuren - Spruchbändern zu sehen, die von vier Engeln gehaltenen werden und auf denen die Kardinaltugenden verzeichnet sind: Glaube - Hoffnung - Liebe - Demut. Darunter folgt eine Schar von Heiligen und Gestalten, die voller Vertrauen auf Christus zugehen: ganz rechts zunächst die Jungfrau Maria, dann folgt der heilige Petrus mit dem Schlüssel und einem Stab in den Händen, dann der Eremit Dadon, der Gründer des Klosters von Conques, gefolgt vom Abt Oldoric, dem ersten Erbauer der Basilika - unter dem Caritas-Spruchband. Er führt keinen Geringeren als Karl den Großen an der Hand, dessen Freigiebigkeit den Bau oder die Fertigstellung einer früheren Kirche am gleichen Ort ermöglicht hatte. Der Kaiser trägt eine Krone und hält eine kleine Figur in der Hand, vermutlich soll sie die heilige Fides darstellen. Zur damaligen Zeit gehörten Deutschland und Frankreich kulturhistorisch noch zusammen.

Um den Kaiser herum sind Mitglieder seiner Familie versammelt. Es folgen nach links – eine Stufe höher - die drei Gestalten, die zur Zeit der Heiligen Fides mit ihr den Märtyrertod erlitten. Der letzte in der Reihe ganz links in der Ecke ist Arosnidus, der berühmte Mönch, der den „frommen Diebstahl“ beging, der Conques zu den Reliquien der Fides verhalf, die in Agen entwendet und nach – wie es heißt - „mancherlei Abenteuern“ an diesen Ort verbracht wurden. Hier wird also ein eindeutiger Diebstahl im Nachhinein als wohlgefälliges Werk für den eigenen Ruhm hingestellt und entschuldigt.

Unterhalb der vorigen Szene stellen zunächst links oben in einer schmalen Zwickelzone drei kleine Arkaden die Kirche von Conques dar. Drei Arkaden sind immer ein Zeichen von Heiligkeit und stehen normalerweise für das Himmlische Jerusalem, mit dem sich die Kathedrale von Conques hier symbolisch gleichsetzt. Unter diesen Arkaden hängen die eisernen Fesseln der gefangenen Christen, die durch die Heilige Fides aus den Händen der Mauren befreit wurden. Rechts daneben ist Ste-Foy, die Schutzpatronin der Basilika zu Conques, kniend im Gebet vor der Hand Gottes zu sehen, die sie aus den Wolken heraus segnet.

Darunter sieht man als Hauptszene dieses Teils das himmlische Jerusalem. Im Mittelpunkt thront Abraham, der die Auserwählten empfängt, symbolisiert in zwei kleineren Gestalten mit Heiligenscheinen. Zu seiner Linken stehen die Gerechten des Alten Testaments, zu seiner Rechten die Märtyrer, die heiligen Männer und Frauen des Neuen Testaments.

Hier an diesem Ort herrscht auf ewig großer Friede. Das wird in der betont ruhigen Ausdruckssprache des gesamten Körpers der Gestalten deutlich und genau dieses Darstellungsschema macht solche Szenen aus den himmlischen Sphären immer etwas langweilig im Vergleich zur Gegenseite.

Unten in der Mitte liegt der Eingang zum Paradies. Vor der Tür mit ornamentierten Beschlägen empfängt ein Engel die Auserwählten, die sich an der Hand halten und am Eingang drängen - wie bestürzt von dem Dämon und dem fürchterlichen Anblick gegenüber. Man muss sich bei diesen heute eher amüsant wirkenden Szenen deutlich vor Augen halten, dass sie in einer Zeit entstanden sind, als die Angst vor der höllischen Verdammnis durchaus real und sehr intensiv war.

Und damit kommt jetzt endlich auch die Gegenseite zum Zuge. Die ganze Szenerie des Tympanons ist in der Mitte geteilt zwischen der Welt des Guten links und der Welt des Bösen rechts. Das biblische Ungeheuer, der Leviathan, verschlingt mit aufgerissenem Rachen die Verdammten, die von einem Teufel mit einer schweren Keule hineingestoßen werden, wobei er den Kopf wendet, um die Auserwählten zu sehen, die ihm entgehen. Das muss man sich jetzt in den entsprechenden Farben vorstellen.

Die Szenen in dem schmalen Streifen darüber sind links die Auferstehung: Engel heben die Grabsteine auf und helfen den Toten aus den Gräbern, - und rechts anschließend die Szene der Seelenwaage. Von der Waage sind nur noch die beiden Schalen übrig. Auf der einen Seite der Erzengel Michael, auf der anderen ein Dämon mit verschmitztem Gesicht, der mit dem Finger auf eine der Schalen drückt, damit sie sich zu seinen Gunsten neige.

Ganz rechts daneben sind in diesem oberen Streifen in einer bildlichen Allegorie die Gewissensbisse dargestellt, und zwar in einer sehr wörtlichen Version. Die Verdammten werden tatsächlich von kleineren Dämonen in den Schädel gebissen. Man merkt an solchen Szenen, dass hier in der Hölle, in der Welt des Bösen, augenscheinlich mehr los ist als in der statischen Welt des Paradieses, wo alle nur huldvoll herumstehen. Aber die Sache wird noch dramatischer.

In einer weiteren Szene des unteren Teils herrscht der Dämon der Finsternis in seiner ganzen Unbarmherzigkeit. Satan thront inmitten emsiger Teufelchen und empfängt die Verdammten. Im rechten Teil des Tympanons, das die Welt des Bösen zeigt, werden in eindringlich erzählerischem Stil die sieben Todsünden bestraft: die Völlerei, die Wollust, der Geiz, die Üppigkeit, der Zorn, der Neid und die Faulheit. Unter den Füßen des Satans liegt zunächst - für alle Ewigkeit in den Flammen - der Faulenzer mit einer Kröte, dem Symbol der Faulheit, an seinen Zehenspitzen. Links davon erwarten ein Mann und eine Frau angebunden und mit gefesselten Händen die Strafe für die Wollust. Wie wird sie ausfallen? Ein sich über den beiden befindender Teufel erkundigt sich boshaft bei Satan.

Noch weiter links steht direkt an der Eingangspforte zur Hölle der Hochmut, dargestellt durch einen aus dem Sattel geworfenen Ritter, der im wahren Leben ein ehrgeiziger Nachbar der Abtei war und dieser nach ihren Gütern trachtete. Er wird von einem Teufel vom Pferd gezogen und von oben von einem anderen aufgespießt. Zu Lebzeiten war er von den Mönchen des Klosters exkommuniziert worden. Hier kommen also neben den welthistorischen Themen sehr lokale Aspekte aus der Klostergeschichte mit in die Darstellung des Jüngsten Gerichtes hinein.

Rechts des Satans sind an einem Gehängten die Folgen des Geizes dargestellt. Man erkennt ihn an seinem Beutel mit Geld um den Hals. Die Szene rechts daneben ist schwerer zu verstehen. Die Aussage ist folgende: In der Hölle gibt es keine üble Nachrede, keine Verleumdung, keine Lüge mehr, also werden die bösen Zungen herausgerissen. Und ganz rechts ist die aufs höchste gesteigerte Wut zu sehen: zur Beruhigung wird ein kleines Bad in einem siedenden Kessel verordnet.

Auch hier gibt es in einem schmalen oberen Streifen noch einige Sondergeschichten, die man ohne Erläuterung kaum entschlüsseln könnte. Zunächst links in der Mitte das Thema des Neides: Die Neidischen „sterben immer noch vor Neid“ heißt es auf der Inschrift. Der Teufel zeigt einem Spieler eine Pansflöte, das Instrument seiner Träume, aber ein anderer Teufel hindert ihn, sie zu ergreifen und sorgt damit für echte Tantalusqualen. Und in der rechten Mitte erscheint das Los der Wilddiebe, die in den Wäldern der Abtei gejagt haben: Sie werden wie ein Hase am Spieß gebraten, und der Hase hilft dabei. Die Wilddieberei gehört nicht zu den sieben Todsünden, sondern wieder zu den lokalen Themen der Klostergeschichte.

Der obere rechte Teil des Tympanons ist voll von weiteren menschlichen Schwächen: zunächst der Hochmut der Mächtigen, der ebenfalls gezüchtigt wird. Man verbeugt sich zwar noch, aber welche Schmach! Der Teufel als kniebeugender Höfling entreißt währenddessen mit seinen Zähnen dem Fürsten die Krone.

In der Szene 'Drei Geistliche sind in einem Netz gefangen' werden diese von einem dickbauchigen Teufel mit Mühe davon geschleppt: einer von ihnen hält einen Bischofstab. Es ist Étienne, der Bischof von Clermont und Verwalter der Abtei von Conques im 10. Jh., der den Kirchenschatz geplündert hat. Davor, gebeugt und gedemütigt, Begon II., auch er war Abt des Klosters. Er verdankte seine Ernennung zum Abt betrügerischen Machenschaften und hatte darüber hinaus die Güter der Abtei verschleudert. Also auch hier sind wieder deutliche lokale Themen angesprochen, und zwar auch gegen ehemalige Klostervorstände.

Rechts davon sind sind zunächst die Häretiker dargestellt, erkennbar an dem Pergament und dem Buch der Irrlehren - hier als Schriftrolle, die sie in der Hand halten. Einer liegt auf dem Boden, der Teufel verschließt ihm mit seinem Fuß den Mund. Die Aussage ist eindeutig: Schluss mit den Irrlehren! Und noch weiter rechts am äußersten Rand ist der Falschmünzer dargestellt - vor ihm seine Instrumente, die ihn an den Grund seiner Verdammnis erinnern.

Die Inschrift, die auf dem durchlaufenden Balken steht, sollte vor dem Eintritt in die Kirche die Gläubigen im Glauben stärken und die Zweifelnden zur Umkehr bewegen. Dementsprechend lautet sie: „Die Gemeinschaft der Heiligen steht voller Freude vor Christus dem Richter. So wird den Auserwählten, vereint, um die Freuden des Himmels zu empfangen, Ruhm, Friede, Ruhe und ewiges Licht zuteil. - Die Keuschen, Friedfertigen, Mildtätigen und Frommen sind erfüllt von Freude und Zuversicht und fürchten nichts. Die Gottlosen werden somit der Hölle überantwortet. Die Bösen werden von Strafen gequält, von Flammen verzehrt, sie zittern und stöhnen auf ewig inmitten von Teufeln. Die Diebe, Lügner, Betrüger, Geizigen, Entführer, sie werden alle mit den Übeltätern verurteilt. Ihr Sünder wisset, dass ihr ein schreckliches Gericht erleiden werdet, wenn ihr euren Lebenswandel nicht ändert.“

Darunter steht die Szene die Hurerei: was diese beiden getan haben, zeigt ein Teufel sichtbar auf einem Pergament, zu beider größter Schande also in aller Öffentlichkeit. Hier sind übrigens die langen Haare der Frau Hinweis auf zügellose Sinnlichkeit. Und ganz rechts außen die Völlerei: Die Schlemmer müssen ihre Schlemmereien 'zurückgeben', falls nötig mit wirksamen Mitteln, hier: indem man den Sünder an den Füßen aufhängt". Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Conques








Der sehr schöne und ruhige Ort, die überaus freundliche Aufnahme in der Herberge, die gute Atmosphäre - ein herrlicher und würdiger Ruhetag.

Tag 29: Conques(F)-Figeac(F), 11h, 6°C



Nach einem umfangreichen Frühstück und der Morgenmesse verlasse ich die Herberge, etwas wehmütig. Ein regnerischer Tag bahnt sich an. Auf halbem Weg vom Dorf ins Tal bemerke ich, dass ich den Schlüssel zu meinem Zimmer noch einstecken habe. Unbenutzt, ich habe das Zimmer nicht abgeschlossen. Also wieder zurück, zur Belohnung gibt es noch eine saftige Birne.
Dann aber wirklich los. Der Fluss im Tal führt leichtes Hochwasser.




Vom Tal dann ein steiler Anstieg auf die Höhe.
Noailhac, in dreissig Jahren von 300 auf 190 Einwohner.



Es regnet, ist ungemütlich und stürmisch. Die Kirche kommt genau richtig, erst einmal verschnaufen. Nachdem ich die Tür laut knarrend geöffnet habe, schauen viele Augen auf mich. Drinnen ist Beerdigungs-Gottesdient (Seelenamt). Jetzt kann ich nicht gleich wieder gehen und setze mich hinten in die volle Kirche. Die warme Heizung kommt genau richtig. Der Pfarrer ist der Prior aus dem Kloster, mit dem ich einige festliche Mahlzeiten verbringen durfte. Er erkennt mich natürlich und lächelt mir zu. Etwas später, in den Lobesreden auf den Toten, werde ich sogar namentlich erwähnt als Beispiel, dass der Weg des Lebens eine Pilgerschaft sei.

Auf einigen meiner früheren Reisen hatte ich die Möglichkeit, an Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen. Das sind oft recht emotionale Ereignisse, die regional sehr unterschiedlich begangen werden. In Frankreich ist der Ablauf ähnlich wie in Deutschland. Überhaupt finde ich, dass die Franzosen und Deutschen einander recht ähnlich sind. Es gibt sicher Unterschiede in Essenskultur und anderen Dingen. Was Mentalität, Sauberkeit, Distanz, Umgang mit Tieren und der Natur betrifft, finde ich viel Übereinstimmung. Ist darin auch mit ein Grund für die Hass-Liebe zu sehen, die so viel Leid in den häufigen Deutsch-Französischen Kriegen der letzten Jahrhunderte gebracht hat?



Auf der Höhe, der Himmel klart auf. Blick von der Kapelle St-Roche hinter Noailhac über das Land.





Schöne Fenster in der Kapelle St-Roche.





Decazeville lasse ich auf Anraten des Reiseführers buchstäblich links liegen und bleibe auf dem Höhenzug.



Agnac. Ich werde langsam müde. Kein Geschäft oder Bar bisher.



Dann geht es runter ins Tal des Lot, Livinhac-le-Haut Région Midi-Pyrénées, Département Aveyron. Hier gibt es endlich einen Café, aber keine Möglichkeit einzukaufen. Montags ist Ruhetag.



Das letzte Foto für heute, Blick auf das Dorf Cognac, das ich kurz darauf passiere. In Montredon soll für heute Schluss sein. Ich bin froh, als ich ankomme.

Die Freude wärt allerdings kurz. Die Unterkunft ist geschlossen.

Ich könnte mich irgenwo drunterlegen, es gibt aber kein Geschäft oder Restaurant, wo ich noch was essen könnte. Ich habe zwar noch einen Rest Brot dabei, etwas Käse und Fisch, aber ich möchte nach einem solchen Wocheneinstieg doch was ordentliches und warmes essen. Es ist kurz vor 17 Uhr. Pro Stunde laufe ich normalerweise je nach Wegzustand rund 4 km/h. Es können aber bei voller Ausnutzung meiner Beinlänge und entsprechender Eile an die 7 km/h werden, das halte ich dann 2-3 h aus.

Auf dem Strassenschild an der kleinen Landstrasse steht ein Wegweiser, nach Figeac seien es 15 km. Figeac ist relativ gross, dort komme ich sicher unter. Ich habe bereits über 25 km in den Beinen heute, bin allerdings gut aufgepäppelt vom Ruhetag gestern. Ausserdem zieht eine schwarze Regenfront auf, hier irgendwo zu schlafen wird auch nicht gemütlich.

Also Regenhose und -jacke an, damit ich nicht stoppen muss unterwegs. Und ab.
Bei dem Tempo werde ich wohl zweieinhalb Stunden brauchen. Der Schweiss läuft mir nach kurzer Zeit schon aus den Ärmeln, wenn ich die Arme nach unten hänge. Dann kommt der Regen.

Regen? Das ist eine Wasserwand. Waagrecht von vorne. Selten habe ich mich so durchnässt gefühlt. Im Sommer hätte ich wohl am besten in Badehose laufen können, dazu ist es jetzt etwas zu frisch. Aber ich würde dampfen wie eine kochende Kartoffel!
Ich laufe gegen die Dunkelheit und gegen die Wasserwand an. Nach einer Stunde schreie ich meinen Frust raus und brülle Petrus an.
Kurz danach ist es windstill, nur von den Blättern tropft noch Wasser. War ich das?!? Wenn man längere Zeit alleine in der Natur ist, ihr ausgeliefert ist, hat man einen anderen Zugang zu den Dingen.

In Dunkelheit auf einer gefährlichen Einfallsstrasse komme ich im Abendverkehr endlich nach Figeac. Meine Füsse glühen, meine Beine schmerzen. Ich kann die Vorwärts-Bewegung kaum stoppen, als ich endlich ankomme. Eigentlich möchte ich ins Accueil Chrétien au Carmel de Figeac, einem Kloster. Vielleicht komme ich so herrlich unter wie gestern in Conque. Als ich es endlich finde, komme ich jedoch nicht mal durch die Gesichtskontrolle ins Innere des Gebäudes, die Tür schlägt vor mir zu. Mithilfe einiger Passanten finde ich nach einer weiteren Weile eine Pension für Fernfahrer und Fernarbeiter, Gite de la Voie Romaine. Kein Gite, wie ich sie bisher kenne. Hier wohnen Leute von überall her, die die Woche über in der Region arbeiten.
Ich habe mächtigen Hunger, kriege auch eine grosse Portion. Der Kreislauf rotiert allerdings noch dermassen, dass ich fast nichts essen kann.

Später sitze ich noch etwas mit zwei Arbeitern aus Rumänien, einem Mädchen und einem Jungen. Wir sitzen lange und lachen. Sie haben hier grosse Langeweile, monatelang deponiert in einem Projekt.

Die Nacht ist unruhig, die Beine glühen.

Tag 30: Figeac(F)-Cajarc(F), 7h, 13°C



Der Schlaf war etwas dünn, der Kreislauf war die halbe Nacht sehr aktiv. Dafür ein wunderschöner Morgen mit Sonnenschein. Nach einem guten Frühstück sehe ich mir Figeac kurz an. Die Stadt ist lebendig und nett.



Dann geht es wieder auf die Höhe. Aiguille du Cingle ist einer der vier Obelisken aus dem 13.ten Jahrhundert, der die Grenzen eines von 755 von Peppin gegründetes Benediktinerklosters markiert. Innerhalb dieser Grenzen wurde Asyl gewährt.



Das Gebiet zwischen Figeac und meinem geplanten Sonntagsziel Moissac ist das Quercy, ein Jurakalkgebiet. Auf der kargen Fläche weiden vor allem Schafe auf Feldern und Weiden, die von kleinen Steinmauern begrenzt werden. Rinder, wie hier im Bild, sind eher die Ausnahme.



Die steinernen Hütten der Schäfer heissen Cazelles, sie sind in der Gegend häufig zu sehen.



La Cassagnole ist ein kleiner Ort. Nach einer kurzen Verschnaufpause in der Kirche erschrecke ich, als ich die zwei Puppen auf der Empore sehe. Sie sind in Lebensgrösse und sehen aus wie echte Mönche.





Die typische Form der Scheunen. Dieses Exemplar ist recht klein in den Ausmassen.









Gréalou, auf 375 Hm.



Das Quercy ist eine sehr ruhige Gegend mit weiten Ausblicken.



Ein altes Steinkreuz, mit vielen abgelegten Steinen der Pilger.





Gleich daneben ein Dolmen, ein vor-keltisches Objekt aus der Megalith-Kultur, wahrscheinlich ein Grab.



"Der Bau mit Megalithen erfolgte in Europa kulturunabhängig etwa zwischen 4.500 (Bretagne) und etwa 800 v. Chr., als die letzten auf Sardinien verbaut wurden. Um die Megalithbauten ranken sich heute noch einige Geheimnisse. So weiß man weder genau, welchem Zweck sie dienten, noch wie sie aufgerichtet oder transportiert wurden. Mit der Christianisierung entstanden Legenden über das Entstehen von Megalithen durch des Teufels Hand. Einige Steine tragen den Teufel im Namen (Devils Arrows, Devils Circles etc.) und viele wurden im frühen Mittelalter, besonders aber seit der Industrialisierung zerstört. Megalithen fielen Flurbereinigungen, landschaftlichen Projekten oder dem Kirchen- und Hafenbau zum Opfer. In Norddeutschland wurden sie zum Deichbau und, - zerkleinert - als Strassenpflaster verwendet. Es wird angenommen, dass in manchen Gebieten nur noch etwa fünf Prozent der Objekte erhalten sind. Im 18. und 19. Jh. interessierte man sich wieder für die Megalithanlagen. Aus dieser Zeit stammt die Vermutung, die Bauwerke seien auf die Druiden der Kelten zurückzuführen. Heute weiß man, dass die Steinsetzungen jungsteinzeitlich und damit deutlich älter sind." Quelle: Wikipedia





Eichenwälder dominieren die Bewaldung.



Bei der Ankunft in Cajarc ist es noch hell. Ich hatte heute morgen in der Touristeninformation bereits ein Zimmer reservieren lassen. Es kann auch stressfrei gehen.

Tag 31: Cajarc(F)-Vaylats(F), 9h, 5°C



Heute Nacht habe ich gut und lange geschlafen, ich war auf Vermittlung der Touristenauskunft in einem privaten Gite untergekommen. Die Familie baut übrigens gerade einen neues Haus, das ausschlisslich als Gite verwendet werden wird, es wird in Zukunft hier also mehr Platz geben.



Ein diesiger und kalter Tag scheint bevorzustehen.



Anfangs geht es über die Landstrasse, da der Fluss hier sehr breit ist und das Tal fast ausfüllt.



Doch dann geht es wieder in die Eichenwälder, eine herrliche Ruhe. Nichts zu hören, auch keine Flugzeuge oder Motorengeräusche in der Ferne.





Abgelegene Gehöfte am Weg, teils verfallen, teils aktiv wie dieser hier.











Die Dicke dieser Mauern überrascht mich. Waren sie früher viel höher gebaut? Oder mussten sie stabil genug sein, die vorbeiziehenden Karren und Wagen abzuhalten?



Mas de Palat, einer der Weiler am Weg. Im Hintergrund ist im Wald ein Wasserturm zu erkennen, den habe ich vorgestern schon von weitem gesehen.





Limogne-en-Quercy, Région Midi-Pyrénées, Département Lot. Etwas über 700 Einwohner bei einer Bevölkerungsdichte von 22 Einwohner pro km². Limogne-en-Quercy ist eine richtiges Städtchen, mit Gaststätten und Geschäften.



Ein Waschplatz, wesentlich grösser als die Waschhäuschen, die ich bisher gesehen habe. Es würde mich interessieren, ob diese Waschplätze noch benutzt werden. Ich kann es mir nicht recht vorstellen, der Platz ist wohl eher historisch.



Dolmen du Joncas, ein schönes vorkeltisches Grab am Chemin.







Varaire, ein kleiner Ort, aber immerhin gibt es einen Einkaufsladen.



In Varaire ist eine der Kirchen, die einem Flohmarkt gleicht. Interieur verschiedenster Stile ist zusammengestellt.



Ein grosses, eingefasstes Waschhaus in Varaire. Möglicherweise wird es auch als Schwimmbad oder Wasserbecken für die Feuerwehr verwendet. Im Sommer ist es sicherlich einladend.

Ich laufe noch etwas weiter, heute möchte ich wieder in einem Kloster übernachten. Monastère des Filles de Jésus ist mein Tagesziel, es liegt am GR65B, einer Alternative zum GR65. Das letzte Stück zieht sich dann noch, es geht heute kilometerweit über einen alten Römerweg.

Im Kloster in Vaylats angekommen erhalte ich ein Bett in einem Aussengebäude, ein paar Meter abgesondert vom eigentlichen Kloster. Ich habe noch ein paar Minuten vor dem Abendessen und dusche. Herrlich, was eine heisse Dusche nach einem langen Tag doch ausmachen kann. Zu meiner Überraschung esse ich dann nicht mit Mönchen oder Schwestern, sondern sitze in einem Raum mit 7 Senioren am Tisch. Der Altersduchschnitt dürfte 80+ sein. Französisch ist die einzige Sprache hier, aber es gibt viel zu lachen.

Mir werden von den älteren Damen Riesenmengen Essen zugeschanzt. Heute gibt es Suppe, danach eine Wurstplatte mit Butter und Brot, dann Kartoffeln mit Karotten- und Endiviengemüse mit Fleisch, anschliessend die obligatorische Käseplatte. Da dies etwas dürfig wäre, gibt es noch einen Zwetschgen-Kuchen. Zum Abschluss eine Schale mit Obst. Beim Wein kann ich mit den Herrschaften kaum mithalten. Nach viel Gezwinker und Gekichere zieht man sich zurück.

Wunderbar, es ist noch früh am Abend, ich werde lange schlafen können.

Tag 32: Vaylats(F)-Lascabanes(F), 9h, 5°C



Heute ist ein grauer Tag, immerhin zum ersten Mal seit Aumont Aubrac ohne Niederschlag. Ganz im Gegensatz zum Grau des Himmels gibt es schön gefärbtes Gestein am Boden zu bewundern.



Das Laufen geht mühsam, auch gestern war es recht anstrengend. So eine lange Killeretappe wie die von Conques nach Figeac am Montag hängt doch in den Knochen. Ich bin mir nicht sicher, ob es dabei die Distanz ist, oder das hohe Tempo, das ich dann laufe wegen der Dunkelheit. Ich vermute, dass es am Tempo liegt, das zehrt viel Kraft.

Flaujac Poujols
, ein kleiner Ort den ich streife. Ich entscheide mich gegen Mittag, Cahors mit der berühmten Brücke auszulassen. Das wäre ein Schlenker von sicher 12 km. Die Etappe wird auch so lange genug mit 36 km, ich möchte unbedingt am Samstag in Moissac sein. Muss ein Fax schicken, wie ich in einem der täglichen Telefonate in die Heimat gehört habe.



Zur Abkürzung des Wegs verlasse ich den Pfad und quere ein tiefes Tal Richtung L'Hospitalet. Hier bin ich wieder dankbar um die Karte. Inzwischen bin ich übrigens beim Blatt #57 "Cahors-Montauban". Ich bin wohl nicht der einzige, der diesen Weg einschlägt, in L'Hospitalet gibt es eine Variante des GR65.
In L'Hospitalet gibt es ansonten nichts, kein geöffnetes Café, keine funktionierende Telefonzelle, um den Gite für heute abzuklären. Ein Café Grande hätte jetzt Wunder bewirkt.



Dafür kommt jetzt ein kilometerlanges, zähes Stück über einen Hügelrücken. Ein Motocross Fahrer hat mit seinem Motorrad eine tiefe Spur in den Weg gefräst. Er hat wahrscheinlich nur wenige Minuten gebraucht für diesen verschlammten und aufgeweichten Weg, ich muss nun seitlich an der Böschung laufen, um nicht im Morast stecken zu bleiben.



Lascabanes, 167 Einwohner. Hier soll ein geöffneter Gite sein? Menschenleere Strassen.



Der Gite ist tatsächlich geöffnet!! Und was für ein schöner! Nochmals 10 km anzuhängen in der Dämmerung wäre mir sehr schwer gefallen. Ich bin müde und erschöpft. Koche mir was, trinke eine Kanne Tee. Heisse Dusche, schlafen.

Ich trinke momentan tagsüber zuwenig , wahrscheinlich bereitet das dem Körper auch Mühe. Aber die meisten Brunnen und Wasserhähne sind abgestellt, Geschäfte sind selten.

Nachts wache ich erstmals auf ohne zu wissen, wo ich bin. Ich frage mich kurz, was ich denn eigentlich mache. Schnell finde ich mich jedoch zurecht und schlafe glücklich wieder ein.

Tag 33: Lascabanes(F)-Moissac(F), 11h, 5°C



Ich habe heute Nacht gut geschlafen. Meine Füsse schmerzen etwas, aber die Aussicht auf gleich zwei freie Tage treibt mich heute voran. Wie gesagt muss ich morgen in Moissac sein. Morgen ist Samstag, den Sonntag werde ich dann auch in Moissac bleiben, dort sollte einiges zu sehen sein.
Was Wetter ist heute Morgen vielversprechend, die Sonne sollte es duch die Wolkendecke schaffen.



Auch hier gibt es noch die Schäferhütten, aus unbehauenen Steinen aufgesetzt.



Die Felder sind voller Steine, der Boden ist nicht sehr fruchtbar, daher ist wohl die Viehzucht gewinnbringender gewesen als Ackerbau.



Der Boden in der Quercy Blanc ist ein heller, stellenweise weisslicher Kalkboden. Wasser kann sich auf diesen Böden schlecht halten und versickert schnell.
Auf der Höhe bläst ein schneidender Wind. Die Sonne scheint heute, kommt aber nicht gegen den kalten Wind an.



Montcuq in der Région Midi-Pyrénées, Département Lot. 1250 Einwohner. Der Ortsname leitet sich vom lateinischen Montem Cuci ab, das bedeutet "Kuckuksberg".
Montcuq ist bekannt für die Herstellung von Meringues und Waffeln, den Gaufres de Saint Daumes Waffeln.



Montcuq ist ein gemütlicher Ort, der bei den Engländern momentan wohl sehr beliebt ist als Alters- und Zweitwohnsitz. Es gibt sogar ein englischsprachiges Buchgeschäft.



Ich habe nicht nachgesehen, ob unter dem gewachsenen Kreuz ein echtes Kreuz steht. Auf jeden Fall ist es originell.



Die Ab- und Anstiege auf die Hochflächen sind steiler als sie von hier aussehen.



Ein Wegweiser, noch 1144 km nach St. Jacques de Compostelle. Der Motocross-Fahrer, dessen Spuren ich gestern gefolgt bin, ist hier auch gefahren, deutlich ist seine Spur zu sehen.



Im Hintergrund, etwas erhöht über der Gegend, ist im Dunst eine befestigte Stadt zu sehen. Das muss Lauzerte sein, ein historischer Ort.



Eine der ersten Blüten auf einer Wiese an einer windgeschützten Stelle.



Kurz vor Lauzerte, wunderbar auf einem Hügel gelegen. Lauzerte ist ein gut erhaltenes und schön renoviertes, historisches Städtchen.



Die Kirche Saint-Barthélemy. Wie immer ist auch hier die Kirche mein erster Anlaufpunkt. Hier kann ich erstmal verschnaufen und freue mich über die oft wunderbaren architektonischen Kleinode in der ländlichen Gegend.



Es ist Nachmittag. Wenn ich hier übernachte, könnte ich morgen früh die 25 km nach Moissac laufen. An der Touristeninformation hängt ein Schild, dass sie in 30 min wieder geöffnet werden würde, aber niemand kommt. Ich ziehe das sichere vor und mache mich auf den Weg nach Moissac. Ich werde an der Strasse laufen, die führt einigermassen direkt, der GR65 macht einen grossen Bogen.



Blick zurück auf Lauzerte. Von dieser Seite aus ist der Ort leider etwas verbaut. Ich laufe recht schnell, um nicht zu viel in der Dunkelheit gehen zu müssen.



Durfort Lacapelette, hier gibt es ein kleines Geschäft, eine Flasche Cola baut den Blutzucker wieder etwas auf. Noch 13 km, dann habe ich mein Wochenziel erreicht. Diese Strecke wird jedoch noch mühsam werden, da es längs der Strasse geht und bald anfangen wird zu dämmern.



Dann endlich Moissac, nach einem langen 11h Tag. Die Beine sind sehr schwer und die Füsse fühlen sich an, als ob sie explodieren würden. Die letzten Kilometer musste ich halb an der Strasse, halb im Strassengraben laufen.
Die Autofahrer konnten mich erst im letzten Moment sehen. Einige sind sicher vom Freitagsumtrunk von der Arbeit gekommen, ich habe versucht entsprechend vorsichtig zu sein.
Im Gegenlicht habe ich jedoch fast nichts gesehen und stolperte entsprechend viel.

In Moissac gibt es einen Karmel Gite auf einer Anhöhe oberhalb der Kirche. Von aussen ist kein Licht zu sehen, ich gehe trotzdem hoch. Nach einigem Klingeln wird die schwere Tür geöffnet. Ja, ich könne unterkommen. Phantastisch! Ich bin froh und glücklich, gut angekommen zu sein
und eine Unterkunft gefunden zu haben. Ich bin zu kaputt um noch zu kochen. Ich habe ein eigenes kleines Zimmer mit 2 Etagenbetten für mich. Ich dusche, esse eine Packung Erdnüsse und lese noch ein bisschen.

Tag 34-35: Moissac(F)



Ein herrlicher Tag heute. Kalt, aber strahlend blauer Himmel. Nach dem Frühstück gehe ich in die Stadt hinunter und suche ein Internetcafe. Es gibt keines, was mich bei einer Stadt von knapp dreizehntausend Einwohnern etwas wundert. Immerhin gibt es ein Zentrum für Jugendliche, das noch ein paar Stunden offen hat und einige Computer mit Internetanschluss bietet.

Zurück im Stadtzentrum setze ich mich später in ein Cafe und geniesse den wunderbaren Tag Auf dem zentralen Platz ist Markt, der allerdings recht früh abgebaut wird.



Dann sehe ich mir in Ruhe das absolute Highlight der Stadt an. St-Pierre, eine ehemalige Benediktinerabtei.



Das Portal des ehemaligen Klosters gilt als das großartigste Portal in Südwest-Frankreich und zusammen mit dem Kreuzgang ist es eines der Hauptwerke der europäischen Skulptur der Romanik überhaupt.
Dieses Portal ist das einzige, was von der ehemaligen Abteikirche erhalten geblieben ist. Die übrige Kirche wurde vor allem während der Albigenserkriege von 1207 bis 1214 schwer beschädigt. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde auf den romanischen Resten eine gotische Kirche errichtet.



Blick nach Osten in der Kirche. Am Abend gegen 6 Uhr ist vorn in der Kirche eine Vesper von Nonnen. Es war ein junge Nonnen dabei mit einer fantastisch klaren Stimme als Vorsängerin. Sie konnte das grosse Kirchenschiff problemlos mit einem grossartigen Klang füllen.



Blick nach Westen zum Eingang und dem Turm.



"Das Tympanon wird auf 1120/30 datiert und ist damit eines der ältesten überhaupt. Aber es geht nicht nur um das Tympanon, sondern auch um die Standbilder in den Seitengewänden und vor allem um den Trumeaupfeiler in der Mitte des Eingangs. Das ganze Portal wurde zwischen 1110 und 1131 geschaffen, also in der berühmten Phase des Wiedererstehens der plastischen Bildkunst nach den langen Jahren der ideologischen Verdammung der Plastik überhaupt in der Zeit des frühen Christentums und des beginnenden Mittelalters. Besonders in Frankreich ist zu Beginn des 12. Jahrhunderts eine ganz neue Bewegung durch die Bildhauerei gegangen." (Quelle Wikipedia)



Bei der obigen Quelle in Wikipedia ist eine umfassende und detailierte Beschreibung dieser Szene zu finden.

"Verkündigung und Heimsuchung
Hauptthema der gesamten Anlage ist die Parusie, die zweite irdische Erscheinung Christi als Richter des Jüngsten Gerichts. Die untere Partie des rechten Gewändes: links und rechts jeweils die Zweiergruppen der Verkündigung und der Heimsuchung, also zwei Szenen vor der Geburt Christi. Das sind typische Themen an den Portalen, die später in der Gotik ebenfalls verwendet werden. Hier haben wir die gleichen erregt überlängten Figuren wie im Tympanon. Deutlich ist zu erkennen, dass -wie immer bei großen Portalanlagen- nicht nur ein Künstler verantwortlich ist, sondern mehrere. Die rechte Gruppe der "Heimsuchung" ist deutlich bewegter und elegant-fließender gestaltet als die eher statische Gruppe links. Auch die Gewandfaltung ist deutlich unterschieden.

Anbetung
Die beiden kleineren Szenen, die sich im selben Bogenfeld darüber befinden, beziehen sich deutlich aufeinander, gehören eigentlich zusammen, werden aber durch die Säule getrennt. Beide bilden die altbekannte "Anbetung": links die drei Weisen aus dem Morgenland, rechts Maria mit dem Kind. Diese Szene wird auch als die erste Parusie Christi bezeichnet, sein erstes Erscheinen auf Erden als menschliches Wesen im Gegensatz zur zweiten Parusie nach seinem Tod als Richter des Jüngsten Gerichts.

Flucht nach Ägypten und Darstellung im Tempel
Der schmale Steifen über dem doppelten Bogenfeld zeigt drei verschiedene Szenen. Ganz links ist die Stadt Sotine und der Sturz der Idole dargestellt, eine mittlerweile kaum mehr bekannte Geschichte, dann die Flucht nach Ägypten im Zentrum und rechts die Darstellung im Tempel in einem unglaublich gut erhaltenen Zustand, vor allem, wenn man diese Szene mit dem heutigen Aussehen der Großplastiken darunter vergleicht. Sämtliche Gewandfalten, alle Bewegungsgesten und Gesichter dieser Gruppe sind seit 1120 unbeschädigt geblieben. Man könnte den dunklen Verdacht hegen, dass diese Tafel nicht immer hier angebracht war, sonst wäre wohl kaum ausgerechnet der Teil am besten erhalten, der dem Regen am stärksten ausgesetzt ist."




Auch für das linke Gewänd führt die Quelle eine umfangreiche Beschreibung an.

"Geiz/Habsucht
Die Zweiergruppen auf der anderen Gewändeseite lassen schon eher erkennen, dass sie vor nunmehr knapp 900 Jahren angefertigt wurden. Ihr vergleichsweise schlechter Erhaltungszustand hat nichts damit zu tun, dass hier die Sünden und Laster dargestellt sind. Hier sieht man eine von einem kleinen Teufel wortwörtlich besessene Figur, die den Geiz oder die Habsucht, die avaritia darstellt.

Völlerei
Die berühmte rechte Zweiergruppe stellt eine andere der sieben Todsünden dar, die Völlerei, die Luxuria. Von den beiden Figuren weist die teufelsähnliche Gestalt links einen prallgefüllten Bauch auf, darüber aber die bloßen Rippen, die an ein Skelett erinnern und darauf hinweisen sollen, dass auch der im Luxus Lebende dem Tode geweiht ist. Bei der weiblichen Gestalt rechts hat der Bildhauer zu einem ähnlich drastischen Motiv gegriffen. Hier gehen die Brüste nach unten in Schlangen über, die sich gegen den eigenen Körper wenden. Eine Kröte greift ihr Geschlechtsteil an. Hier wird also nicht nur gegen die Völlerei, sondern auch gegen die Sexuallust gewettert.

Stolz, Habsucht, Unkeuschheit und die gesellschaftlichen Veränderungen des beginnenden 12. Jahrhunderts
Diese unmittelbare Verbindung von Habsucht und Unkeuschheit auf dieser Gewändeseite, die in vielen romanischen Bildprogrammen Südfrankreichs verbreitet ist, ist auch ein Ausdruck zeitgenössischer gesellschaftlicher Veränderungen. Das was jetzt als Quelle allen Übels die Habsucht ist, war vorher einmal das Laster des Stolzes. Stolz war aber nicht mehr zeitgemäß, wohl aber die Habsucht. Was hat sich hier historisch verändert?

Etwas kurz gefasst ist Stolz eine Haltung sich selbst gegenüber, Habsucht aber eine Handlung, die auf andere übergreift. Hier wird eine neu entstandene und wachsende Schicht der Gesellschaft angegriffen, die gerade durch die Ansammlung materieller Mittel - durch Geldverleih, Warenproduktion und Handel - als städtische Bürgerklasse sich zu etablieren im Begriff steht. ...

Die großen damals neuen gotischen Kathedralen, die immens teuer waren, waren überhaupt nur deswegen finanzierbar, weil der traditionelle Warenverkehr und das feudal-persönliche Verhältnis auf dem Land durch den neuen Geldhandel in der Stadt allmählich ersetzt wurde. Und diejenigen Gesellschaftsschichten, die den Geldhandel kontrollierten, wurden jetzt zu Beginn des 12. Jahrhunderts reich und sie werden hier in Gestalt der Habsucht an der Seite des Luxus symptomatisch verdammt – sicher von Leuten, die wesentlich weniger Geld hatten. (Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur - Skulptur - Malerei. Köln 1996, S. 344)

Aber nicht nur das: hier äußert sich das Unbehagen an einer großen gesellschaftlichen Veränderung. Durch den neuen Geldverkehr wurde der Einzelne von seiner Verpflichtung aus feudaler Abhängigkeit zunehmend befreit, da er immer häufiger bezahlen konnte, was er zuvor durch persönlichen Dienst zu erbringen hatte. Und die Unkeuschheit – diese Figur rechts - wurde in diesem Zusammenhang verstanden als die sinnliche Seite dieses ökonomischen Gewinnstrebens, als eine unerhörte neue Freiheit des Individuums, die die Menschen dem Einflussbereich der Kirche tendenziell entzieht, die zugleich auch die religiösen und moralischen Grundlagen des frühmittelalterlichen Feudalismus in Frage stellt.
So gesehen gehört dieses Reliefprogramm in Moissac weniger einer allgemeinen religiösen Anklage gegen die dort dargestellten Laster an, vielmehr entäußert sich in ihm ein klerikal gesteuerter Widerstand gegenüber einer immer stärker werdenden historischen Veränderung der mittelalterlichen Gesellschaft. Man kann solche Reliefs also auch in anderen als rein künstlerischen-formalen Zusammenhängen sehen.

Die Hölle und der Tod des Geizigen
Die oberen kleinen Szenen - noch innerhalb des Rundbogens - sind links die leider schwer beschädigte Darstellung der Hölle und rechts daneben - besser erhalten - der Tod des Geizigen. Der Leichnam des Geizigen liegt in einem plastisch sorgfältig dargestellten Bett, während zu seinen Füßen ein Teufel mit seinem Sack voll Geld abzieht als Hinweis darauf, dass man Geld nicht über den Tod hinaus behalten kann – wenn man bedenkt, was gerade gesagt wurde über die Entstehung der neuen Besitzschichten. Hier argumentiert die Kirche also sinngemäß, dass ihr Einflussbereich über den Tod hinausgeht, der des Geldes aber nicht. Vor dem Bett kniet wahrscheinlich die Gattin, die dünn und ausgemergelt aussieht, weil der Geizige sie zu Lebzeiten nicht ausreichend ernährt hat, - sondern sein Geld wahrscheinlich mit anderen Weibern durchgebracht hat, siehe die Luxuria unten. Aber all sein Kapital hat ihn nicht davor bewahren können, nach dem Tod in die Hölle fahren zu müssen. Seine Seele, die gerade sinnbildlich aus seinem Mund heraus will, wird sofort von einem Teufel ergriffen, bevor der schwebende Engel rettend eingreifen kann.

Geschichte des Lazarus
Die Relieftafel darüber führt in etwa das Thema des Geizes weiter, indem die Geschichte des Lazarus erzählt wird. Ganz rechts ist die Szene des Gastmahls des Reichen in Gegensatz gesetzt zum Tod des Lazarus in der Mitte. Die Szene ganz links zeigt Lazarus in Abrahams Schoß, wie es der Gleichniserzählung von Jesus entspricht aus dem 16. Kapitel des Lukas-Evangeliums, auf das sich diese Darstellung bezieht."




"Damit ist das plastische Programm dieser Portalanlage aber noch nicht erschöpft. Der Pfeiler in der Mitte, der sogenannte Trumeaupfeiler, der das große Tympanon stützt, ist vielschichtig mit ausdrucksgesteigerten Gestalten regelrecht umzogen. ...

Auf der anderen Seite des Portals steht der Prophet Jeremias. In ihm kann man unschwer das lang gestreckte Vorbild für den berühmten Jesaias von Souillac erkennen. Obwohl diese ganzen Gestalten verhältnismäßig flach sind und der Kontur des Trumeaupfeilers angepasst, offenbaren diese Propheten doch in ihrer lebhaften Bewegung das Gefühl innerer Erregung wie beim darüber liegenden Tympanon. Mit äußerster Sorgfalt hat der Bildhauer nicht nur ein absolut neues Motiv in die Geschichte der Plastik eingebracht, sondern auch gleich einen Höhepunkt in der künstlerischen Technik erreicht."




Bei Nacht ist das Portal wunderbar ausgeleuchtet und auch dann sehr eindrucksvoll.



"Der Kreuzgang von Moissac ist neben der Portalanlage die zweite künstlerische Attraktion. Er hat gewaltige Ausmaße und erinnert allein schon mit seiner Größe an die ehemalige Bedeutung dieser Abtei. Mit seinen zehn Marmorreliefs an den Eckpfeilern und seinen ehemals 88 Kapitellen ist er nicht nur einer der umfassendsten, ältesten und schönsten in Frankreich, sondern zugleich der größte und am reichsten ausgestattete Kreuzgang der gesamten Romanik.

Er wurde zwischen 1059-1131 errichtet, ist also wesentlich älter als das Portal. Insgesamt kann man hier 76 erhaltene Kapitelle und zehn Großreliefs besichtigen. Eine in sich geschlossene Thematik ist dabei nicht ablesbar - die dargestellten Themen sind im Gegenteil sehr vielschichtig. Außerdem wurde beim Wiederaufbau des Kreuzgangs im 13. Jahrhundert nach der Zerstörung 1212 die ursprüngliche Anordnung nicht beibehalten.

Die Kapitelle der Säulen enthalten ganze Enzykolpädien von Szenen und Figuren des Alten und des Neuen Testanebts sowie den Taten und Leiden der Heiligen - und sie waren, soviel wir wissen, zumindest teilweise farbig." (Quelle ebenfalls Wikipedia)










Eine ausgezeichnete Beschreibung des kompletten Kreuzgangs in englischer Sprache mit Fotos, Lageplan und Erklärung der einzelnen Arkaden ist hier zu finden.

In der Neuzeit musste der Kreuzgang beinahe dem Eisenbahnbau weichen. Unvorstellbar, wie man überhaupt auf diese Idee kommen konnte.



Im Inneren der Kirche sind einige schöne, teilweise fast 1000 Jahre alte Plastiken versammelt.











Der Gite auf einer Anhöhe über der Stadt. Ruhig um diese Jahreszeit, im Sommer ist hier sicher mehr Betrieb.



Im Essensraum des Gite. Am Wochenende hat ein Seminar stattgefunden in den Räumlichkeiten, von den Teilnehmern wurde ich zum Essen eingeladen. Ich bin immer wieder beeindruckt von den kulinarischen Qualitäten und der Art, mit der die Franzosen das Essen zum einem Fest machen.



Blick über die Stadt, im Hintergrund ist die Tarn zu sehen, die in der Nähe in die Garonne mündet.



Blick etwas weiter nach links, die historische Altstadt mit der Abteikirche im Vordergrund.



Das Äquadukt von 1853 verbindet den Canal du Midi mit einem Seitenkanal der Garonne. Unter der Brücke fliesst die Tarn durch.


Ansonsten ist Moissac nicht die spannendste Stadt und kann den Vergleich mit beispielsweise Le-Puy oder Conques nicht standhalten, die beide auf ihre Art sehr interessant und eindrücklich sind. Ich kann mich jedoch im freundlichen Gite gut von der harten Woche erholen und neue Kräfte sammeln.

Tag 36: Moissac(F)-Auvillar(F), 5h, 8°C



Le-Puy, Conques und Moissac hatte ich mir als Ziele für den jeweils kommenden freien Sonntag eingeplant, und die Etappen unter der Woche dann ungefähr entsprechend eingeteilt. Wobei ich zuhause überhaupt keine Detail-Planung vorgenommen habe, das hat sich unterwegs so ergeben. Für diese Woche kann ich im Pilgerführer allerdings kein rechtes Ziel für den nächsten Sonntag ausmachen. Ich nehme mir vor, die Woche ruhig anzugehen und plane rund 200 km als Wochenstrecke. Das wäre dann etwas mehr als 30 km pro Tag bei 6 Tagen laufen.

Ein sonniger aber kühler Tag bahnt sich an. Die Strecke wird weitgehend eben sein, entlang der Tarn und dann der Garonne.



Die Frühlingsanzeichen verdichten sich. Ohne den kalten Wind entlang des Flusses wäre es wohl ein milder Tag. Ich kann mich heute sogar erstmals im Windschatten eines Baumens eine Weile ins Gras legen und in den Himmel schauen!



Espalais in der Région Midi-Pyrénées, Département Tarn-et-Garonne. 290 Einwohner, zwei davon nutzen die gute Witterung aus und machen einen Spaziergang. Was werden die wohl über mich denken, wenn ich sie gleich überhole?



Der etwas verschlafene Eindruck dieser Gegend kommt nicht nur durch das antike Auto am Strassenrand. Ich möchte nicht behaupten, dass Moissac mit seinen 13-tausend Einwohnern hektisch wäre, aber im Vergleich zu den Dörfern ist es dort natürlich lebhaft.



Ich komme nach Auvillar oberhalb der Garonne, bin etwas über 20 km gelaufen. Es gibt einen Gite hier, der wohl auch geöffnet hat. Der nächste Gite ist rund 15 km entfernt. Heute möchte ich kein Risiko nehmen, nicht wieder ein harter Wochenanfang, der mich dann die ganze Woche hindurch verfolgt. Also soll es gut sein für heute.
Nur 5h gelaufen, ein seltsames Gefühl, mittags schon fertig zu sein. In der Touristeninformation gibt es den Schlüssel zum Gite. Ein ganzes Haus! Ich lege den Rucksack ab und erkunde den Ort.



Wie immer zuerst zur Kirche. Sie war der Mittelpunkt der Dörfer, ist es heute auch noch oft.





Blick über die Garonne, durch das Tal bin ich heute von der rechten Seite gekommen.



Es gibt viele alte Häuser, in den Hinterhöfen verfallen manche davon.



Ein gusseisernes Kreuz mit den vier Evangelisten, wie ich inzwischen gelernt habe. Die Symboldarstellungen verwendet man in der Ikonographie:

* den Engel für Matthäus,
* den Löwen für Markus,
* den Stier für Lukas und
* den Adler für Johannes

Die Symbolik sehe ich oft in den Kirchen, meist sind sie an den Predigtkanzeln angebracht. Unterwegs wie hier sehe ich sie selten.



Ich kann nicht einschätzen, ob sie Säulen vielleicht gar römischen Ursprungs sind. Auf jeden Fall ein recht schmales Haus, vielleicht einmal an die Stadtmauer oder ein Tor angebaut.


Etwas ausserhalb des Ortes finde ich dieses lädierte Gebäude, es ist eine alte Kapelle. Leider verschlossen. Womöglich würde einem die Decke auf den Kopf fallen.



Innerhalb des Ortes hingegen liebevoll restaurierte Häuser. Auvillar ist von der Vereinigung "Die schönsten Dörfer Frankreichs" ausgezeichnet. Les Plus Beaux Villages de France, das hört sich sogar für mich nicht-Französischsprachler schön an.



Der interessante Uhren-Turm, Tour de l'Horloge, begrenzte früher den Ort.

Leider muss ich feststellen, dass montags die Geschäfte geschlossen haben. Immerhin kann ich ein Brot und ein paar Büchsen Bier in einem Tabakladen kaufen. Ich gehe zurück in den Gite, um mir die Notration zu kochen. Dann schaue ich mir den Gite an. Sogar eine Waschmaschine mit Tumbler sind installiert. Ich kann es kaum fassen, als ich in den ersten Stock gehe: es gibt eine (saubere) Badewanne!! Erstmals seit 36 Tagen eine Wanne. Heisses Wasser.

Spüli gibt den besten Badeschaum auf der Welt. Davon bin ich überzeugt, als ich mich in den Schaum lege mit einer Büchse kaltem Bier. Ich weiche mich ein, die Haut wird krebsrot. Sie ist sowieso gut durchblutet von der ständigen Bewegung und der guten Luft, nun kann sie mit dem Hitzeschock kaum umgehen.

Ich geniesse. Ich kann mir jetzt nichts Schöneres auf dieser Welt vorstellen.

Tag 37: Auvillar(F)-Lectoure(F), 8h, -6°C



Ich konnte nicht gut schlafen und lag lange wach, habe gelesen. Ich gehe morgens erst einkaufen, den Proviant auffüllen. Wenn ich schon dabei bin, hole ich mir auch frisches Baquette und frühstücke im Gite. Danach den Schlüssel abgeben, dann geht es gut gerüstet los.



Das Wetter ist anfangs schön, aber es weht ein eisig kalter Wind. Ich muss meine Ohren gegen die Kälte schützen. Auf St. Antoine freue ich mich, ich habe im Führer das Bild des interessanten Kirchenportals gesehen.



Das mozarabische Portal der Kirche in St.Antoine. In der Kirche selbst ist wieder ein Stilmix wie auf einem Flohmarkt. Neben der Kirche gibt es ein kleines Café, das auch Lebensmittel verkauft. Der Espresso und die Wärme tun mir gut. Nach einer kurzen Pause geht es weiter.



Eine wunderschön geformte, ruhige Landschaft liegt vor mir, auf dem Hügel gegenüber liegt Flamarens.



Nach einem steileren Anstieg, als es vorher den Anschein hatte, bin ich in Flamarens, Région Midi-Pyrénées, Département Gers. 146 Einwohner. Das Schloss im Bild ist privat, der Besitzer fährt hier gerade durch das Tor und verschliesst es dann. Besichtigen ist nicht möglich für mich.

Die Kirche links im Bild bildet glücklicherweise eine Ausnahme unter den Kirchen am Chemin de Compostelle:



Sie ist verfallen.
Für das Bild halte ich die Kamera durch das verschlossene Eingangsitter. Aussen am Gitter hängt eine Kasse, in die man Spenden für die Restaurierung werfen kann. Es wird wohl eine ganze Weile dauern mit den Arbeiten, wenn sie auf diese Spenden angewiesen sein sollten.



Nach einem weiteren Marsch komme ich dann nach Miradoux. Es ist Mittagszeit, alles ist geschlossen. Der Name klingt in meine Ohren sehr schön, er passt nicht ganz zu dem, was ich sehe. Vielleicht kommt es auch daher, dass es hier bitterkalt ist. Der eisige Wind macht es recht ungemütlich. Die Kirche ist immerhin intakt.



Die Kirche Saint-Ornes ist aus dem 13.ten Jahhundert, sie wurde aus Materialien einer älteren Burg gebaut. Nur der Turm der Burg steht noch - er wurde in den Kirchturm intergriert.

In der alten Markthalle esse ich etwas Brot und Käse, trinke dazu einen Liter Milch, den ich im Café von St.Antoine gekauft habe. Milch ist mein absoluter Getränke-Favourit, wenn ich mich in der freien Luft bewege. Das war schon immer so, auch bei Fahrradtouren früher.
Dabei liegt die Milch ja erstmal einigermassen schwer im Magen, aber ich habe grossen Appetit danach. Jo mei, wenn's schee mocht, fällt mir da nur ein.



Mittags wird es auf einen Schlag bedeutend wärmer, fast mild. Vielleich ist es eine Art Föhn, ich bin ja nicht mehr weit vom Gebirge entfernt. Es sind ungefähr 120 km Luftlinie zu den Pyrinäen. Ich laufe leicht schräg süd-westlich an diesem langgestreckten Gebirgszug entlang, bis ich ihn bei St-Jean-Pied-de-Port schneide.

Gegen 15 Uhr bin ich in Castet-Arrouy, einem kleinen Ort. Der Gite ist geschlossen. Ich muss nach Lectoure gehen, dort gibt wohl es ein Kloster zum Übernachten, allerdings ist laut Führer nur von April bis Juli geöffnet. Es gibt auch einen regulären Gite, der allerdings umgebaut wurde. Ob der schon fertig ist? Im Führer steht keine Telefonnummer bei diesem Gite, sonst hätte ich angerufen.

Nach Lectoure sind es rund 10 km.
Ich muss also die Handbremse aufmachen und schnell laufen, um vor 16.30 Uhr bei der Touristeninformation anfragen zu können, die schliessen wohl um diese Zeit. Falls die nichts vermitteln können, müsste ich noch einige Kilomenter anhängen.
In Rekordtempo laufe ich nach Lectoure. Grosse, schnelle Schritte. Es geht weiterhin recht hügelig auf- und ab, nach kurzer Zeit bin ich schweissgebadet.

Mit Mühe erreiche ich einige Minuten vor 16.30 die Touristeninformation. Sie hat geöffnet! Hätte sie allerdings in einer halben Stunde auch noch, hier hat bis 17 Uhr geöffnet. Egal.

Die freundlichen Damen versuchen zu helfen. Nach einigen Telefonaten werde ich jedoch nervös, Schulterzucken zeigt mir zwischen ihren Gesprächen, dass alles geschlossen ist. Ich werde doch nicht noch weitergehn müssen? Das würde mir heute nicht gefallen. Ich bin aber immer noch so am schwitzen und hecheln, dass ich mir erstmal keine weiteren Gedanke mache.

Endlich kommt Bewegung in die Mienen. Ich kann doch ins Kloster, sie nehmen mich auf in der Not, super! Ich bedanke mich herzlich und schaue mir erstmal die mächtige Kirche an, sie ist gleich neben der Touristen-Info.



Die Sonne scheint nun prächtig, es ist nichts von der Kälte zu spüren, die vor einigen Stunden noch über der Gegend lag.



Die Kathedrale St-Gervais war früher Bischofssitz, wie mit den riesigen gekreuzten Bischofsstäben im Chor jedem deutlich gemacht wird. Sie wurde zwischen dem 14. ten und 17. ten Jahrhundert an die Stelle eines römischen Tempels gebaut.



Der grosse Turm überragt den gepflegten Ort, der auch ein Heilbad hat. Leider ist das schon geschlossen, ich hätte mich gerne in einen Sole-Whirpool gelegt.



Dann gehe ich zum Kloster. Accueil chrétien au presbytère. Ich hoffe auf ein schönes Erlebnis wie in Conque oder gute Gesänge wie in Moissac. Der Anfang ist gut, ich erhalte ein kleine Schlafzelle in einem ansonsten wie immer menschenleeren Schlafsaal. Im Sommer geht es hier bestimmt anders zu. Schnell Duschen, gleich ist Vesper in der Hauskapelle.

Doch welche Enttäuschung. Kein kultureller oder liturgischer Höhenflug. Ungefähr 40 hochbetagte Nonnen und zivil gekleidete Damen sind in einem Seitenschiff der Kirche innerhalb des Klosters versammelt. Eine der Damen begleitet die wahrhaft dünnen Gesänge auf einer kleinen Orgel, die klanglich einer der verheerenden Bontempi-Orgeln aus den 1970-ern in nichts nachsteht.

Ich möchte dem Kloster ausdrücklich für die freundliche Aufnahme danken (!) und nicht schlecht über die Gastfreundschaft sprechen, dieser Teil des Abends war jedoch -zum Glück- einmalig.

Ich habe sogar einen Aussenschlüssel für das Kloster erhalten, was auch einmalig ist. Nach der Vesper gehe ich ins Ortszentrum, heute möchte ich mir etwas gönnen und gehe Essen, erstmals seit Genf. Ich finde auch ein Restaurant und wundere mich dann beim Essen über mich selbst - es ist ein auf Meeresfrüchte spezialisiertes Restaurant. Wie in den letzten 30 Tagen auch esse ich ... Fisch. Das Essen ist gut, der Wein ebenfalls. Zufrieden gehe ich zurück in mein Quartier und schlafe selig ein.

Tag 38: Lectoure(F)-Condom(F), 9h



Ich werde heute früh wach und frühstücke Brot mit Butter und Honig, mein Camino Lieblingsfrühstück. Nach dem Verlassen des Klosters werfe ich den Schlüssel in den Briefkasten. Eine Bar hat bereits geöffnet, es gibt also sogar einen Kaffee. Das muss förmlich ein guter Tag werden, nach diesem perfekten Start.
Von Lectoure geht es runter ins Tal. Beim Zurückblicken sehe ich durch den Nebel die Sonne hinter dem Kirchturm der Kathedrale aufgehen.



Nebelschwaden ziehen durch das Tal.



Durch den Nebel ist es recht kühl, aber einiges milder als bei dem sehr kalten Wind gestern Morgen.



Die ersten Kilometer geht es durch wunderbar abgelegene und stille Natur. Nach einer Weile löst sich der Nebel auf und die Sonne kommt durch.



Bei Marsolan wird ein See gestaut für die landwirtschaftliche Bewässerung, im Sommer ist es wohl eine trockene Gegend.





Ich laufe einen fünf Kilometer langen Umweg über La Romieu, dort soll eine Stiftskirche mit einem schönen Kreuzgang sein. Anfangs nehme ich nicht wahr, einen Umweg zu gehen, es hätte dann aber auch einen kürzeren Weg gegeben, wie ich im Führer sehe.

Der Pilgerweg zum Wallfahrtsort Rocomadour kreuzt in der Nähe den GR65.

Als ich aus einem Waldstück komme, traue ich meinen Augen nicht.



Ein kleiner Ort, 500 Einwohner. Mittendrin, massiv und gross, ragt eine Kirche auf. St.Pierre, aus dem 14.ten Jahrhundert. Wie konnte sich ein so kleiner Ort eine so grosse Kirche leisten? Ich bin fasziniert. In meiner Phantasie sehe ich die Pilger vor mir, die zur Mithilfe auf der Baustelle gebeten werden und einige Wochen oder Monate arbeiten gegen Kost und Logis.



Der Name des schönen Ortes kommt von dem gascognischen Arromieu, das Pilger bedeutet. Die mächtige Stiftskirche aus dem 14. Jahrhundert, die mit ihrem Turm eher an eine Burg erinnert, verdankt La Romieu dem hier geborenen Kardinal Arnaud. Der Kirchenfürst sorgte für das Wohlergehen des Ortes, wie die verbliebene Festungsmauer, Reste des Kardinalspalastes und der Turm bezeugen. Die nahe gelegene Abtei von Flaran, ebenfalls eine bedeutende Etappe der Jakobspilger, beherbergt eine ständige Ausstellung über die Jakobswege. (Quelle http://www.jakobus-info.de/unser_weg/camino2-4.htm)

Leider ist die Kirche verschlossen, Mittagspause. Immerhin gibt einen kleinen, geöffneten Lebensmittelladen. Käse und Baguette, herrliche süsse Stückchen und ein Liter frische Vollmilch. Nachdem ich auch noch einen Grand Café auf der Strasse in einem sonnigen Plätzchen einnehmen kann, bin ich über den geschlossenen Kreuzgang hinweggetröstet.



Nach dieser angenehmen Pause geht es weiter durch eine hügelige Gegend. Auf einem Höhenzug komme ich an die einsame Chapelle Sainte-Germaine aus dem 13. ten Jahrhundert, von einem kleinen Friedhof umgeben.



Dieser Ort hat eine wunderbar ruhige und friedvolle Ausstrahlung.



Beim Weitergehen blicke ich nochmals zurück auf die Kapelle. Bilderbuch Anblick.

An solchen Orten könnte man meinen, es hätte die blutige europäische Geschichte der letzten Jahrhunderte nicht gegeben. Dieser Zwiespalt zwischen gefühltem Frieden und wissend von Unrecht und Gewalt verfolgt mich oft an historischen Plätzen. Der Preis für den jetzigen Frieden war hoch.
Es gab viele Zeiten, da ich diesen Weg nicht ohne Lebensgefahr hätte laufen können.



Ankunft nach Condom, die letzten Kilometer für heute.



Condom, Region Midi-Pyrénées, Département Gers. 32000 Einwohner. Condom war früher Hochburg der Armagnac-Herstellung, daher gibt es auch gibt es ein Museum, das der Armagnac-Herstellung gewidmet ist, musée de l'Armagnac.

In einem Fotogeschäft kann ich die Bilder von meiner Camera auf CR-ROM brennen lassen, der Memory-Stick ist fast voll. Eine CD sende ich per Post nach Hause, eine behalte ich bei mir als Backup, falls die versendete CD verloren gehen würde. Dann formatiere ich den Stick und kann wieder bedenkenlos 500 Fotos machen. Ich wusste nicht, dass Fotogeschäfte inzwischen fast überall diesen Service bieten. Die müssen natürlich auch mit der Zeit gehen.



In der Mitte des Ortes ragt die spätgotische Cathédrale St-Pierre auf. Während der Hugenottenkriege drohte die Hugenottenarmee 1569 mit der Zerstörung des Doms, was von den Dorfbewohnern glücklicherweise durch der Zahlung eines beträchtlichen Lösegelds verhindert werden konnte.







Die Pfingstgeschichte, detailreich in Stein gemeisselt.

"Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,
Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.
" (Apostelgeschichte, Kap 2. Quelle: http://alt.bibelwerk.de/











Ich komme in einem sehr guten, grossen Gite unter. Wie immer bin ich alleine. Für die Aussentüre erhalte ich einen Code, ich kann also ausgehen und die Türe von aussen öffnen.
Als ich Glocken läuten höre, gehe ich in die Kirche. Es gibt am Ende des Gottesdienstes den Segen, aus Asche wird ein kleines Kreuz auf den Kopf gestreut. Diesen Segen gibt es am Aschermittwoch, ich habe also den Karneval völlig unbemerkt verpasst! Wobei, in Konstanz waren die Strassen schon für die Fasnet geschückt, wie mir jetzt wieder einfällt.

Seinen Namen erhielt der Aschermittwoch übrigens, weil Asche der Palmen vom Palmsonntag des vergangenen Jahres am Aschermittwoch geweiht und den Gläubigen vom Priester auf die Stirn oder den Scheitel gestreut werden. Dabei erinnert der Priester die Gläubigen: Gedenke, o Mensch, du bist Staub, und zum Staube kehrest du zurück. Asche ist Symbol sowohl der Vergänglichkeit wie der Buße und Reue. Quelle www.heiligenlexikon.de

In der Stadt sehe ich eine Pizzaria, die sehr gemütlich aussieht. Mit Handschlag werde ich begrüsst und erhalte eine gute Pizza. Den Wein verkneife ich mir. In den letzten Jahren habe ich es mir zu Angewohnheit gemacht, in der Fastenzeit keinen Alkohol zu trinken. Die Fastenzeit dauert vier Wochen, von Aschermittwoch bis Ostern.
Ich beschliesse, auch auf dem Camino diese Gepflogenheit beizubehalten. Es wird mir schwerfallen, schliesslichlich laufe ich durch viele hochrangige Weinbaugebiete.

Tag 39: Condom(F)-Eauze(F), 9h



Ich habe gut geschlafen heute Nacht, die Matraze war recht neu und nicht durchgelegen. Nach dem Frühstück gehe ich in ein Café. Bei einer Tasse Kaffe schreibe ich Postkarten an meine Familie. Das mache ich normalerweise abends oder zwischendurch.

Desweitern kaufe ich in einem Bastelgeschäft Papier, um meinen Pilgerausweis zu erweitern, der fast voll ist. Täglich hole ich mir im Gite oder einer Kirche unterwegs einen Jakobsstempel ins Pilgerbuch.
Die Regel verlangt, dass man als Fusspilger die letzten 100 km vor Santiago mit Stempeln nachweisen kann, um vom Pilgerbüro als Pilger anerkannt zu werden und eine Pilgerurkunde, die Compostela zu erhalten. Die Tradition der Pilgerausweise geht auf die früheren Empfehlungs- oder Geleitschreiben zurück. In diesen Schreiben wurde um Hilfe und Unterstützung für den Pilger gebeten. Der Pilgerausweis dient aber gleichzeitig als Herbergsausweis. Nur mit diesem Ausweis ist es möglich, in Spanien in der Hochsaison in den Pilgerherbergen zu übernachten.



Ich mache eine kurzen Abstecher über Larressingle. Eine Burg, die weitgehend original erhalten ist.







Beim Weitergehen sehe ich auf einmal einen Wanderer vor mir. Zuerst als kleinen Punkt, der dann immer grösser wird. Die Person ist etwas langsamer als ich. Ohne den Abstecher wäre ich vorneweg gelaufen. Ich habe ganz gemischte Gefühle, das Alleinesein ist nun wohl vorbei. Es geht auch schon gegen Ende Februar, es werden nun wohl mehr Pilger unterwegs sein.



Nach einer Weile habe ich ihn dann eingeholt, als er zu einem Bauernhof abbiegt. Ich achte gar nicht auf die Markierungen und laufe einfach hinterher. Dabei geht er nur zu einem Bauernhof am Weg, um Wasser zu holen.
Dennik aus Antwerpen. Er ist seit dem 2. Januar unterwegs, in Le-Puy losgelaufen. Er schafft am Tag 20-25 km, was mich sehr beeindruckt. 20 kg Gepäck, einfachstes Material. Er übernachtet ausschliesslich im Zelt, irgendwo unterwegs. Gites sind ihm zu teuer, da er seit Jahren arbeitslos ist. Mit diesem Gewicht und dem Billigrucksack könnte ich keine 10 km insgesamt laufen ohne Bandscheibenvorfall. Ich bin sehr beeindruckt.

Wir laufen den restlichen Tag zusammen, gegen Ende des Nachmittags bleibt er bei einem ruhigen Wäldchen zurück, um sich was zu kochen und das Zelt aufzuschlagen. Ich gehe weiter, als Luxuspilger Richtung Gite.

Leute wie Dennik, sehr hart im nehmen und gesundheitlich scheinbar unverwüstlich, waren früher wohl ideal für Kreuzzüge, denke ich mir. Das mag überheblich klingen, aber es ist nicht schlecht gemeint. Ich laufe zwar selbst auch eine grosse Strecke im Winter, die vielen als verrückt erscheinen mag, aber ich habe erstklassiges Material, schlafe im Warmen und kann mir gute Ernährung leisten.

Dennik hat keine der Kirchen oder Kapellen besucht unterwegs, und sich somit auch nicht in die ausliegenden Pilgerbücher eingetragen. Daher war er mir auch nicht "bekannt". Einige Pilger laufen vor mir her, anhand der Datumsstempel kann ich mir ausrechnen, ob und wann ich sie vielleicht treffe unterwegs.
Dennis hat nach eigener Aussage keinen spirituellen oder geschichtlichen Hintergrund. Sein Bruder sei letztes Jahr gelaufen und hat ihm den Camino empfohlen, als Abenteuer.



Und dann ...



... dann sehe ich sie erstmals ...



... eine Gebirgskette am Horizont. Erst sind sie kaum wahrnehmbar, aber dann unverkennbar: die Pyrenäen! Ein grossartiges Gefühl! Vor wenigen Tagen über den Seerücken gelaufen am Bodensee, nun marschiere ich in Sichtweite der Pyrenäen.



Dann muss ich etwas schneller gehen, ich möchte heute nach Eauze. Die letzten Kilometer geht's im Dunkeln. Da der GR65 aber über ein ehemaliges Bahnbett führt, ist das gut zu machen. Ich hatte mich in der Touristeninformation in Condom bereits ankündigen lassen. Die Touristeninformation in Eauze ist zwar geschlossen, aber ich habe einen Zahlencode für die Eingangstür erhalten, um das Tastaurschloss öffnen zu können. Nicht schlecht, dieses Prinzip. Man spart sich die schwierig zu organisierenden Schlüsselübergaben zu frühen und späten Zeiten.



Der Gite in Eauze. Ich weiss nicht warum, aber ich fühle mich komischerweise etwas unwohl in diesem Haus. Nach dem Duschen hätte ich eigentlich richtig Lust auf ein Bier, wegen dem Fastenzeitbeschluss verkneife ich es mir jedoch. Stattdessen koche ich mir heisses Wasser. Leider sind jedoch keine Teebeutel da und ich habe auch keine bei mir. Dann halt pur. Ich koche mir auch etwas zu essen und gehe dann schlafen.