Tag 7: Genf (CH)-Frangy (F), 11.5h, 5°C



Die Basilika Maria Immaculata (Notre Dame) von Genf, gegenüber dem Bahnhof. Im Vergleich zu anderen Basiliken ein recht kleines Gebäude. Genf hat natürlich auch eher eine reformatorische Tradition um Calvin, dazu später mehr.



Erstmals entdecke ich das lange erwartete Muschelsymbol als Wegweiser. Nun geht der Jakobsweg also richtig los - obwohl es eigentlich den Jakobsweg nicht gibt. Es gibt historische Routen, die sich im Laufe der Zeit an Bedürfnisse und Gegebenheiten angepasst haben. Als grundlegendes Wegesystem des Jakobsweges wurde auch auf alte römische Wege zurückgegriffen, da sie gut angelegt und ausgebaut waren. An etlichen Stellen, besonders in Spanien, wurde der originale Jakobsweg weiter ausgebaut, inzwischen teilweise sogar zu Autobahnen.



Die Altstadt von Genf. Alles ist ruhig, es ist Sonntag morgen.



In der Altstadt.



Im Park der Universität ist ein grosses Denkmal angebracht. Ich spreche einen Passanten an, und erhalte einen umfangreichen Vortrag über das Denkmal und die Geschichte Genfs, über den ich mich sehr freue. Der Passant stellt sich dann als Fremdenführer vor, der zufällig vorbeikam, er wiederum freut sich, einen interessierten Zuhörer zu finden.

Das Reformationsdenkmal besteht aus einer etwa 100m langen, bewusst schmucklos gehaltenen Skulpturenwand im Parc des Bastions, angebracht an die alte Verteidigungsmauer Genfs. Die oben dargestellten Reformatoren sind Farel, Calvin, Beza und Knox. Der Grundstein des Denkmals wurde am vierhundertsten Geburtstag von Johannes Calvin im Jahre 1909 gelegt.

Calvin, eigentlich Jean Cauvin (* 1509 in Noyon, Picardie; † 1564 in Genf), war ein Schweizer Reformator französischer Abstammung und Begründer des Calvinismus. Calvins Lehre beinhaltet, dass die Menschen an ihrer Fähigkeit zu strengster Pflichterfüllung sehen könnten, ob sie zum Heil vorausbestimmt seien. Obwohl Calvin mit dieser seiner Prädestinationslehre eigentlich die Allmacht Gottes und Bedeutungslosigkeit des menschlichen Willens betonte (innere Religiosität), begünstigte sie in Verbindung mit der strengen Moral und Kirchenzucht (äußere Religiosität), die Calvin in Genf einführte, jenes Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus bildete (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Calvin)



Nach einem langen Marsch durch Genf und die Vororte zeichnet sich dann endlich ab, dass ich bald aus der Stadt herauskomme. Laut dem Ampelmännchen muss ich wohl rennen.



Die Häuser verändern sich, die Vororte werden zu Dörfern, was die meisten Vororte vor einiger Zeit wohl auch waren.



L'ancienne commanderie de Compesieres, eine alte Burg des Malteserordens. Ursprünglich wurde der Gebäudekomplex als Hospiz für Pilger gebaut, dann als Militärhospital genutzt, später befand sich darin eine Salpeterfabrik. Heute ist ein Museum darin untergebracht.




Auf dem Friedhof der Burg liegen Persönlichkeiten des Malteserordens.



Charrot, ein kleiner Ort.



Unerwartete Station dann in Charrot. Ein Kasten mit Kartenmaterial, Infos, Notfallnummern und einem Stempel für den Pilgerausweis. Deutlicher Unterschied zum Pilgerservice in der Schweiz.



Ohne es gemerkt zu haben, habe ich die französische Grenze überschritten. Wo die genau war, konnte ich nicht feststellen. Schön, dass das heute so einfach geht. In anderen Zeiten hätte mich das den Kopf gekostet, einfach über Landes- oder Konfessionsgrenzen zu gehen. Der jeweilige Landesherr gab die Spielart vor -cuius regio, eius religio-, die oft genug mit dem Schwert verteidigt wurde. Das calvinistische Genf und das katholische Frankreich haben sich diesbezüglich lange und blutig beharkt.



Misteln verleihen einem ansonsten blattlosem Baum grünes Aussehen mitten im Winter.



Lathoy, ein kleiner Weiler.



Neydens, im französischen Département Haute-Savoie in der Region Rhône-Alpes. Seit dem Mittelalter unterstand Neydens der Genfer Herrschaft. Erst 1754 kam der Ort an Savoyen und teilte fortan dessen Schicksal.



Kreuzung in Neydens mit dem französischen Hahn. Ein römischer Meilenstein wurde im Gefallenendenkmal eingearbeitet.



Kreuz mit den Leidenswerkzeugen, die bei der Passion Christi angewendet wurden: Nägel, Ruten, Geißel, Dornenkrone, Lanze, Essigschwamm auf einem Rohrstock usw.
Für mich ist diese Darstellung ungewohnt, ich werde sie im Verlauf des Weges jedoch oft wiedersehen.




Gute Übersichtstafel mit der Wegführung, Höhenprofil und Symbolbeschreibung. Für mich beginnt nun in Frankreich eine Reise ins Ungewisse. Ich habe von Frankreich für die ersten hundert Kilometer Detailkarten dabei und die Übernachtungslisten anderer Pilger aus dem Internet, sowie einen kleinen Reiseführer aus der Outdoor Serie vom Stein Verlag. Ich habe die Strecke jedoch nicht strikt durchgeplant, und werde dort schlafen (müssen), wo es eben geht. Um diese Jahreszeit werden wohl auch nicht alles Gites geöffnet sein.

Für den Fall der Fälle habe ich eine dünne Isomatte dabei (3mm, mit Alufolie verklebt) und einen guten Daunenschlafsack. Allerdings ohne Schutzhülle oder Zelt. Ganz im Freien zu liegen wird nicht funktionieren. Schnee, Regen oder Reif würden den Schlafsack aufweichen und somit den Wärmeeffekt nehmen.

Fehlende Sprachkenntnisse werde ich selbstbewusst durch Gestik und Mimik ersetzen. Aber früher hatten die Bauern aus Europa auch keine französischen oder spanischen Fremdsprachenkenntnisse und sind trotzdem zu Millionen nach Santiago gepilgert. Recht authentisch also, die Sache hier.



Vom Lac Léman, dem Genfer See auf 370 Hm, gehe ich heute über den Col du Mont Sion auf 785 Hm. Im Bild die Hänge des Mont Salève (1350 Hm).



Ungewohnt schneefrei nach den Tagen in der Schweiz.



Beaumont. Hier gibt es wohl einen Gite, eine günstige Unterkunft also mit Etagenbetten und kleiner Küche, die man benutzen kann. Der Gite ist allerdings verschlossen, die Herbergseltern sind nicht anwesend. Was tun, bleiben oder weitergehen? Es ist 16Uhr, allzu lange ist es nicht mehr hell. Im Ort zu warten ist aber auch kein Spass - kein Cafe, keine Restaurant. Und wer garantiert, dass der Gite heute noch geöffnet wird? Ich entschliesse mich zum Weitermarsch. Dann muss ich nun aber ordentlich Tempo machen, wenn ich halbwegs vor Einbruch der Dunkelheit zur nächsten Unterkunft kommen will.



Kirche von Beaumont. In Frankreich sind die Kirchen nicht beheizt, dort zu warten auf einen Schlüssel zum Gite wäre also auch keine angenehme Alternative.



Oha. So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt! Blankes Eis, es ist auch recht zugig hier auf der Höhe.



Col du Mont Sion, gegen das Licht fotografiert.



Dahinter geht es wieder bergab in den Ort Mont Sion.



Ich laufe mit langen und schnellen Schritten weiter nach Charly. Es ist aber keine Unterkunft offen. Ich klingele an ein paar Häusern, auf mein vorsichtiges Andeuten will jedoch niemand am Sonntag Spätnachmittag einen fremden, dampfenden Pilger aufnehmen.



Ich bin froh, die Detailkarten dabeizuhaben. Für den Jakobsweg wird es nun zu dunkel. Ich habe zwar eine kleine Taschenlampe dabei, aber falls ich eins der kleine Symbole übersehen sollte, würde ich mich hoffnungslos in dieser dünnbesiedelten Gegend des Departement Haute-Savoie verlaufen.
Muss also auf der Strasse laufen, zum Glück habe ich die Karte dabei (Carte de promenade, Nummer 51, Lyon-Grenoble, 1:100.000 vom Institut Géographique National, IGN). Das ist aber auch kein Zuckerschlecken. Zum einen habe ich bereits ordentlich Kilometer in den müden Beinen -ohne Pause unterwegs seit Genf-, zum anderen muss ich vor den doch recht vielen Autos von der holprigen, engen Strasse öfter in den Strassengraben flüchten. Die Autofahrer haben aber auch kaum einen Chance, mich rechtzeitig zu sehen. Einen Fussgänger vermuten sie hier um diese Jahres- und Tageszeit natürlich nicht.



Contamine-Sarzin, 20 Uhr. Der Schweiss läuft mir aus den Ärmeln der Jacke. 1826km bis Santiago? Von Konstanz waren es laut Wegweiser 1950km, aber Konstanz ist 400km entfernt...

Beim Laufen, was inzwischen wohl nicht mehr ganz so sportlich aussieht, komme ich an abgelegenen Höfen vorbei. Hunde kläffen dann oft fürchterlich laut. Sind Hofhunde in Frankreich eigentlich immer angeleint? Gibt es hier auch wilde Hunde?

Der Wind frischt auf und wird nun stark böig. Ich laufe durch Wälder und über offene Wiesen, inzwischen abseits der grösseren Strasse auf kleinen Ortsverbindungswegen. Schon stundenlang ist es mittlerweile stockdunkle Nacht. Auf einmal lodert wenige Meter von mir entfernt aus dem nichts plötzlich einen Flamme vom Boden auf, ich erschrecke wie selten zuvor. Der Wind hat wohl ein Feuer angefacht, vielleicht haben Waldarbeiter Äste verbrannt, nun wurden die Reste schlagartig entzündet. Damit rechnete ich nicht unbedingt, der Schreck war ordentlich. Aber weiter, weiter, ich muss nach Frangy.



Frangy, endlich Frangy! 21.15Uhr.

Pensionen, Unterkünfte, Hotels, laut Reiseführer alles vorhanden. Ich werde lecker Essen gehen, ein Bier dazu trinken und dann ab ins wohlverdiente Bett. Meine Füsse kochen in den Stiefeln, ich dampfe buchstäblich.

Nach einer elendig langen Zugangsstrasse zur Stadt gehe ich in die erste Pizzeria. Grosse Augen bei den wenigen Gäste. Dann grosse Augen bei mir. Sonntags sind Hotels, Restaurants und Pensionen und sonstige Unterkünfte geschlossen. Das ist jetzt aber ein Witz, oder?
Nein. Der freundliche Wirt telefoniert durch die Gegend, erfolglos. Ich lasse das Gepäck zurück, soll hier an Türen klopfen und dort an Fensterläden. Nichts. Keine Tür geht auf. Ich humple zurück zur Pizzeria (eher eine Abholstation für den Pizzaservice) und esse was, bevor die auch dichtmachen. Grosses Mitleid der Gäste, sie spendieren mir Drinks.

Ich bedanke mich und mache mich auf die Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Es sieht aber auch damit schlecht aus hier, keine Scheune, kein Schuppen. Lege mich dann am Ortsausgang in einen Kellereingang. Windgeschützt, blickgeschützt morgen früh. Leider mit Bewegungsschalter des Lichts, bei jeder Drehung wird es hell. Immerhin, ich liege, und das nicht zu schlecht.

Die Pizza und die Biere liegen mir wie Steine im Magen, der Kreislauf dreht noch nach Stunden auf Hochtouren. Das wird wohl nicht meine beste Nacht.

4 Comments:

Anonymous Anonym said...

http://svajana-links.blogspot.com/

ich habe gerade einen Link auf deine Seite gelegt
Utreia

11/07/2006 2:49 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Danke Svajana. Ultreia.

11/07/2006 5:29 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Empfehlenswerter Begleiter, um rechtzeitig eine Unterkunft zu finden (und viel umfassender als das Outdoor-Handbuch aus dem Conrad-Stein-Verlag): Chemin de St-Jacques de Genève au Puy-en-Velay / Jakobsweg Genf - Le Puy-en-Velay. Renseignements pratiques / Praktische Auskünfte. Zweisprachig deutsch/französisch. Hrsg.: Association Rhône-Alpes des Amis de Saint-Jacques. Erscheint jährlich aktualisiert. Bezugsquelle (u.a.): Dominique Montvenoux, 7 rue Bernard Vallot, F-69500 Bron.

Jean-Pierre

3/22/2007 1:44 nachm.  
Anonymous Andie Kanne said...

Danke für den Hinweis, Jean-Pierre!
Werde den Hinweis in die Kartenliste aufnehmen
AK

3/22/2007 8:45 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

<< Home