Tag 17: St.Jeures(F)-Le-Puy-En-Velay(F), 10h, -4°C



Heute kommt nochmals eine langer Tag, dann bin ich an meinem ersten Ziel, Le-Puy-en-Velay. Ich habe drei Ziele, die ich gerne sehen möchte und auf die ich mich freue:

1. Le-Puy-en-Velay, weil es der historische Sammelpunkt der Pilger aus dem süddeutschen Raum und der Ländern an den Alpen ist.

2. Burgos, weil es eine fantastische Kathedrale hat. Burgos ist für mich so unvorstellbar weit weg zu Fuss, das es schon fast irreal scheint, dorthin laufen zu wollen. Und wenn man dort ist, ist es nur eine Zwischenstation. Dieser Gedanke fasziniert mich.

3. Leon, weil es einen schönen Namen hat - und eine ebenfalls schöne Kathedrale.

Zu Santiago de Compostela selbst habe ich noch kein inneres Verhältnis oder Erwartungen, ich habe mich darüber auch nicht speziell informiert. Ebensowenig über die anderen Orte dazwischen. Das möchte ich mir aufsparen für eigenes Erleben. In der Vorbereitung war mir eher wichtig, wie ich mich geistig einstellen muss, um den langen Weg laufen zu können. Auch, wie wir als Familie mit kleinen Kindern eine lange Trennung schadlos überstehen. Schliesslich war mir die Ausrüstung sehr wichtig. Ich will beispielsweise kein Risiko eingehen, mir wegen mangelhafter Schuhe ernsthafte Fussprobleme einzuhandeln oder mir wegen schlechter Kleidung eine Lungenentzündung zu holen.

Alles andere wird sich weisen.



Die Landschaft verändert sich, wird schroffer.



Die Landschaft des Velay ist vom Vulkanismus geprägt. Ich denke die ersten Zeugen davon vor mir zu haben und vermute einen Krater unter der Waldkuppe.



Araules, Région Auvergne, Département Haute-Loire. Ich bin sehr früh unterwegs an diesem Tag, alles im Ort ist noch geschlossen.



Santiago1551 km. Die Kilometerangaben scheinen nun konsistent zu sein und stimmen mit meinen Schätzungen überein.



Einsame Gehöfte unterwegs. In den meisten Orten und Höfen sind Hunde, die gerne und ausgiebig Passanten anbellen. Die meisten sind jedoch angeleint oder bleiben in ihren Höfen. Nur selten streunen Hund oder sind auf der Strasse ausserhalb der Höfe. Ich habe bislang keine Probleme mit den Hunden gehabt, bin jedoch vorsichtig.



Es muss kalt gewesen sein in letzter Zeit mit vielen Schneefällen. Der Schnee ist knietief, sobald ich die Spur verlasse.
Ich habe mich auch erstmals verlaufen. Vier Hunde von zwei nebeneinanderliegenden Gehöften rauben mir kurz nach dem Hof im vorhergehenden Bild die Aufmerksamkeit. Sie kommen von ihren Höfen angerast und steigern sich dermassen hinein in ihre Drohgesten, dass ich vor lauter links- und rechtsdrehen den falschen Weg einschlage. Hunde haben eine interessante Jagdstrategie. Sie verteilen sich auf alle Seiten, einer kommt dann von hinten, mit etwas weniger Gekläffe als der von vorne. Sie kamen nicht näher als einen halben Meter an mich heran, allerdings mit viel Zähnezeigen und Haarestellen. Ob dieser Sicherheitsabstand an meinem Gebrüll oder einfach dem Respekt vor Menschen lag, weiss ich allerdings nicht.
Um nicht nochmals an den Kötern vorbeizumüssen, gehe ich eine vermeintliche Abkürzung um auf den richtigen Weg zurückzufinden. Es kostet mich dann jedoch eine halbe Stunde, den Weg zu finden. Und viel Kraft, durch ungespurten Schnee zu stapfen.



Heute komme ich über den höchsten Punkt der Via Gebennensis und quere den Gebirgszug Massif du Meygal.



Der Pass am Ort Raffy hat 1276 Hm, ein Skilanglaufgebiet.



Der Pass liegt hinter mir. Mit meinem rechten Fuss stimmt etwas nicht. Beim Heben des Fusses habe ich einen dumpfen Schmerz im Schienbein und Fussgelenk. Ich versuche, mit Schonstellung beim Gehen dem Fuss etwas Ruhe zu gönnen. Nach Le-Puy hin geht es ja nur noch bergab, tröste ich mich. Dass die Landschaft sehr profiliert ist, verschweige ich vor mir selber.

Beim Anblick der Landschaft geht mein Herz auf. Das sind jetzt definitiv Vulkane!



Queyrières, 285 Einwohner. Auch hier kommen mir ein paar Hunde entgegen. Ich bin aber fertig mit Hunden für heute, die haben mich vorhin eine halbe Stunde gekostet. Das entspricht glatt 2 km! Als ihnen ein paar Eisbrocken und Steine um die Ohren fliegen, gehen sie auf grossen Abstand. Aha, so geht das hier.



Gusseiserenes Kreuz an der Kirche der Ortes.



Die kleine Kirche in Queyrières ist verschlossen. Ich gehe um die Ecke, und traue meinen Augen nicht:



Direkt im Ort neben der Kirche eine Basaltorgel!
Eines meiner geologischen Traumobjekte. Perfekt sechseckig-geformte Steine, wie mit Kleber zusammengefügt. Es ist auskristallisierte Magma, die in einem Krater erstarrt ist. Der Schlot selbst, aussenrum, wurde durch Erosion abgetragen. Der Basalt im inneren ist wesentlich härter, und blieb daher stehen.



Ein wunderbares Naturwunder!



Blick zurück auf Queyrières. Neben einer Basaltorgel zu wohnen hat sicher etwas besonderes. Direkte Polung mit dem Erdinneren.



Dann geht es weiter bergab.



Die üblichen Wegmarkierungen, hier im Doppel. Muschel und GR65-Markiereung.



Es handelt sich hier nicht um ein Bachbett. Das ist eigentlich der Jakobsweg. Im Tal schmilzt der Schnee. Das Wasser kann im gefrorenen Boden nicht versickern, und fliesst oberirdisch ab.



Ein weiterer Vulkan. Der Schnee ist in den Tieflagen weitgehend geschmolzen.



Der Schiefer ist ebenfalls vulkanischen Ursprungs. Zwei alte Karren, wie sie zum Transport der aufgespalteten Steine benutzt wurden, stehen am Wegrand. Die grossen Räder verhindern, dass die Wagen in jedem kleinen oder mittleren Schlagloch hängen bleiben.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich solche Wagen in der Pestzeit. Eine verlotterte Person mit zerrissenen Kleidern sammelt Tote damit ein, um sie zu verscharren. Ich muss wohl irgendwann einmal solche Darstellungen gesehen haben.



Ein altes Steinkreuz mit einem schlichten Corpus.



St-Julien-Chapteuil, Région Auvergne Département Haute-Loire, 1800 Einwohner, liegt auf 815 Hm.



Schon von weitem sehe ich die imposante Kirche auf einem Vulkankegel. Die namensgebende Kirche des Ortes, Saint Julien, stammt aus dem 12ten Jhd. Ein Taufbecken ist sogar aus dem 8ten Jhd, zur Zeit Karls des Grossen.

Ich trinke einen Kaffee, es ist früher Nachmittag. Das ist der Vorteil, wenn man früh losgeht. Mein rechtes Schienbein schmerzt nun richtig, es ist nicht der Fuss selbst. Ich überlege, ob ich bleiben soll oder weitergehen. Heute waren es 18 km, das ist mir eigentlich zu wenig. Ausserdem öffnet der Gite erst ab vier Personen, steht im Reiseführer. Le-Puy hat sich scheinbar festgebrannt in meinem Kopf, das letzte Argument nehme ich unkontrolliert an und entschliesse mich weiterzugehen.



Also los, weitere 18 km stehen auf dem Programm. Zähne zusammenbeissen, wird schon werden. Vor mir ein paar Häuser und ein grosser Felsblock.



Aus der Nähe sehe ich es dann, noch eine Basaltorgel. Etwas verwittert, aber trotzdem fantastisch.



Es geht durch eine tiefe Talsenke. Eine Senioren Nordic-Walking Gruppe spornt mich an zu Höchstleistungen. Sie keuchen und hecheln sich den Anstieg hoch. Nach 15 Tagen laufen bin ich scheinbar recht fit und fliege förmlich an ihnen vorbei, trotz des pochenden Schienbeins.
Oben angekommen weite Sicht.



Landwirtschaft wird hier augenscheinlich intensiv betrieben. Das Wasser an dem Brunnen ist so veralgt und unappetitlich, dass ich es nicht trinke. Das ist bisher noch nicht vorgekommen auf dieser Tour.

Genügend zu trinken ist schwierig um die Jahreszeit. Viele Brunnen sind stillgelegt, damit sie nicht einfrieren. Auch das Wasser in meiner Wasserflasche ist ein paar mal eingefroren. Entweder kamen dann Eisstückchen oder gar nichts mehr, wenn es durchgefroren war.
Grosse Schlucke zu machen geht sowieso nicht, das Wasser ist viel zu kalt dazu. Ich muss also Abends viel trinken in der Unterkunft, kann damit aber den Wasserverlust des Tages kaum ausgleichen.



St-Germain-Laprade, letzte Station vor Le-Puy. 2800 Einwohner.



In der Kirche St-Germain. Das unverputzte Kircheninnere hat einen ganz eigenen Flair.



Die Kirche hat einen eigenartigen, dachlosen Turm, der eher an einen Wehrturm als einen Kirchturm erinnert.

Nun geht das Schienbein richtig ab, ich humple mehr als dass ich laufe. Ich suche eine Unterkunft. Die Gemeindeverwaltung bescheinigt ungerührt, dass es in diesem Ort mit fast 300o Einwohnern keine Unterkunft gibt, auch nicht privat.

Phew, da habe ich mir was eingebrockt mit den grossen Etappen die letzten Tage. Zum Glück hat eine Bäckerei offen, die kommt mir jetzt recht. Schokolade soll ja glücklich machen. Also her mit damit! In einer Viertelstunde jage ich mir tausende Kalorien Glücksmacher rein.



Und weiter. Der Fuss wird ignoriert, soll er doch machen, was er will.



Knirsch ... soll er doch machen, was er will ...



... und er macht, was er will. Meine Güte!



Montjoie !! Berg der Freude! Der Punkt, an dem man erstmals Le-Puy sieht.



Vorne im Tal ist das Ziel fast zum Greifen nah. Le-Puy!



Blick zurück. Hinter den Bergen in der letzten Reihe, die kaum zu sehen ist, bin ich heute morgen gestartet. Ich bin stolz auf mich. Man kann doch vielmehr leisten, als man erwartet. Wenn mir hier, an dieser Stelle, heute morgen einer gesagt hätte, ich würde dort ganz hinter den Horizont laufen und noch weiter -das ist ja erst das Massif du Meygal-, hätte ich ihm wohl nicht geglaubt.



Aber nicht zu früh freuen, es zieht sich nun noch einige Kilometer. Und nicht die schönsten Kilometer, so direkt neben der Einfallsstrasse. Auf dem Kegel im Hintergrund ist die Marienstatue zu sehen, mein Ziel für heute. Und mindestens morgen.



Eine alte Römerbrücke über die Loire. Scheinbar gab es regelmässig grössere Hochwasser, es ist viel Platz für Wassermassen gelassen.



Die Brücke hat zugespitzte Pfeiler, um Hochwasser und Eis besser trotzen zu können. Ob der dadurch entstandene Platz in den Nischen links und rechts auf der Brücke für Kontrollen, Handel oder schlicht zum Ausweichen benutzt wurde, weiss ich nicht. Ich sehe das später noch öfter auf Römerbrücken.



Dann ist es soweit. Ich bin in Le-Puy-En-Velay. Der stinkende und lärmende Verkehr auf den Einfallsstrassen macht mir zu schaffen. Warum laufen Menschen nicht mehr oder fahren Fahrrad?



Saint-Michel-d'Aiguilhe, ich bin sprachlos.



Die Marienstatue und Saint-Michel-d'Aiguilhe in der Dämmerung. Ich bin glücklich - und ausgepowert!

Nichts mehr zu sehen von Wegmarkierungen. Habe ich mich verlaufen? Jetzt, am Ende des langen Tages? Mithilfe einiger Passanten finde ich den Gite, er hat geöffnet.

Zu müde zum Einkaufen und Kochen esse ich Erdnüsse und lege die Beine hoch.

Schlafen.

9 Comments:

Anonymous Dr. Anton Schneider said...

Hallo Andie,
das sind wirklich faszinierende Fotos. Jetzt habe ich mir angewöhnt, jeden Morgen zuerst Deinen Blog anzuklicken, um - hoffentlich - wieder eine weitere Etappe "geniessen" zu können. Ich frage mich aber auch, warum geht Andie im Winter diesen Weg? Glatteis, Tiefschnee, geschlossene Gites, gefrorenes Trinkwasser...sehr viel Risiko - aus meiner persönlichen Sicht. Ich denke, Du wirst - wenn die Zeit dazu reif ist - näher auf Dein Motiv eingehen.
Ultreia
Anton

11/15/2006 10:32 vorm.  
Anonymous Anonym said...

Tach Andie,

es ist schon erstaunlich welche Parallelen es gibt. Auch wir hatten vor in Saint-Julien-Chapteuil in der Gite zu übernachten. Aus den gleichen Gründen wie deine, sind wir bis Le-Puy weitergegangen ... und haben uns am nächsten Tag geärgert, dass wir ab der ersten Ampel an der Stadtgrenze nicht der Ausschilderung zur Stadtmitte gefolgt sind. Wäre kürzer gewesen. Auch wenn ich viele deiner Bilder sehe, muss ich oft lachen: beinahe derselbe Standort oder Motiv.

Von Genf bis Le-Puy war's ein "Begleiten" das sehr viele Erinnerungen bei mir geweckt haben. Etwas Neid auch. Im Winter ist diese Art Vagabundenleben wohl besonders intensiv. Schon allein die Sorge um den Schlafplatz. Im Frühsommer ging's zur Not auch mit dem Schlafsack unter einem Baum.

So, ab Le-Puy werde ich nur noch genießen. Mitzittern auch. Aber an der Heizung. :))

Genau wie Anton, bin ich jetzt endgültig auch auf die Person neugierig geworden. Und was die Familie dazu gesagt hat.

Werner

11/15/2006 4:23 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Lieber "Andie",
ich kenne die Bilder ja schon, aber mit deinen Texten hauchst Du Ihnen Leben ein. Obwohl ich von der Schweiz ein paar völlig identische habe. Ich freue mich auf den Moment wo ich selbst auftauchen werde.

Wolfgang (www.pilgerweg.de)

11/16/2006 9:49 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

@Anton: Danke für die Blumen. Ich werde versuchen regelmässig Etappen einzustellen. Da dies einigermassen aufwändig ist, wird das wohl nicht immer gelingen (so wie nun gerade). Zur Motivation werde ich noch kommen. Eine bereits angesprochene Motivation ist der Jakobsweg-Wegweiser in Konstanz. Der hat mich tief beeindruckt und "geimpft". Schon vor mehr als 15 Jahren dachte ich oft an diese Tour, aber mehr aus einem Unglauben heraus. Es ist doch als Normalbürger unserer Zeit nicht möglich, einen so langen Weg zu gehen, waren meine Gedanken (Zeit, Geld, Gesundheit, ..). Gleichzeitig hat sich dabei Neugierde und über die Jahre eine Art Sehnsucht entwickelt, DAS auch zu machen - völlig unabhängig von dem momentanen Hype.

@Werner: Schön, dass der Bericht Dich anspricht und sogar mitnimmmt.

@"Wolfgang": Das dauert noch ein paar Etappen :)

11/17/2006 10:47 vorm.  
Anonymous Opa said...

Well noted up to here. Fantastische Fotos.

11/17/2006 2:37 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Danke Opa. Es wird bald weitergehen.

11/17/2006 6:10 nachm.  
Blogger Markus Quint said...

Jetzt erst - beeindruckt von der anschaulichen Schilderung, die jedes mündliche Erzählen übertrifft - frage ich mich, wie du es überhaupt geschafft hat, die Reise in Santiago zu beenden und nicht einfach bis zum Kap der guten Hoffnung weiterzuwandern ...

11/25/2006 8:12 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Markus, nach Santiago ging es zum Glück noch ein paar Tage weiter - zum Runterfahren des Systems und für den langsamen Entzug. Erst Finisterre an den Atlantik, dann Muxia, ebenfalls am Atlantik.

Das ist aber fadenscheinig, ehrlich gesagt. Ohne wartende Familie wäre die Chancen sehr gross gewesen, dass ich auch wieder nach Hause gelaufen wäre - oder nach Rom, Jerusalem oder sonstwohin.

Habe einige Pilger getroffen, die auch den Weg zurück gelaufen sind. Das Pärchen im Wald, dann noch drei Frauen, unabhängig voneinander.

Dazu einige Freaks oder wie man das nennen möchte, die hängengeblieben auf dem Camino sind und nicht mehr zurückfinden.

Ich bin auch mit einem Stück meines Geistes noch auf dem Weg und werde wieder zurückkommen, wenn das irgendwie möglich sein wird.

11/25/2006 11:57 nachm.  
Blogger jacq said...

Ja - ganz persönliche Augenblicke, die neugierig machen, warum - weshalb - wieso? Wahrscheinlich passt deine Antwort in den Rahmen, den das Velay vorgibt.
Herzliches Ultreia

2/13/2008 2:52 nachm.  

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