Tag 22: Le-Puy-En-Velay(F)-Monistrol-d'Allier(F), 8.5h, 5°C



In Le-Puy endet die Via Gebennensis aus Genf. Am Marktplatz beginnt dafür die Via Podiensis, die nach St-Jean-Pied-de-Port führt. Die nächste Zwischenstation auf diesem Weg ist Conques, mein Ziel für diese Woche.

Es ist Montag Morgen, ein nebliger Tag. Die Stadt ist in Bewegung, Kinder gehen zur Schule, Menschen zur Arbeit. Ich mache mich auf den Weg. Ich werde sehr vorsichtig laufen und den Fuss möglichst schonen. Der Fuss schmerzt noch leicht, aber auf vollständige Abschwellung zu warten ist zu langwierig.



Kurz vor dem Verlassen der Altstadt sehe ich noch eine Pilgerfigur an einer Hauswand. Auf den ersten Blicke scheint es der Hl. Jakob zu sein, es ist jedoch der Hl. Rochus.
Rochus hat vor allem während der Pestzeiten den Jakobus als Pilgerfigur ersetzt. Er ist an einem begleitenden Hund zu erkennen und zeigt sein blosses Bein mit einer Pestbeule. Oft trägt er auch ein Brot in der Hand.

"Rochus von Montpellier (* um 1295, gest. am 16. August 1327) half der Legende nach auf der Pilgerfahrt nach Rom vielen Pestkranken.
Vieles in seinen Leben gilt als Legende. Rochus wurde als Sohn reicher Eltern in Montpellier geboren. Nachdem er mit 20 Jahren seine Eltern verloren hatte, verschenkte er sein Vermögen und trat in dem Dritten Orden des hl. Franz von Assisi ein. Als er 1317 nach Rom pilgerte, half er unterweges bei der Pflege von Pestkranken. Diese soll er nur mit Hilfe des Kreuzzeichen wundersam geheilt haben. In Rom angekommen heilte er weiter, ohne dass er zu Ansehen oder Reichtum kam. Als Rochus auf seiner Rückreise in Piacenza 1322 selbst mit der Pest infiziert wurde, wurde er von niemanden gepflegt.
Er "empfahl sich Gott" und ging in eine einsame Holzhütte im Wald. Dort wurde er der Legende nach von einem Engel gepflegt, und der Hund eines Junkers brachte ihm Brot, solange bis er wieder genesen war und er nach Piacenza zurückgehen konnte, wo er weiter heilte bis er dort die Pest besiegt hatte. Als er wieder in seine Heimatstadt kam erkannte ihn aufgrund seiner Verunstaltungen durch seine Pesterkrankung keiner und er wurde unter dem Verdacht der Spionage ins Gefängnis geworfen. Rochus dankte Gott für diese Prüfung und brachte geduldig fünf Jahre im Gefängnis zu, bis er starb.
Nach seinem Tod erkannte man ihn anhand eines kreuzförmigen Mals, das er seit seiner Geburt auf der Brust hatte.
" Quelle http://de.wikipedia.org/wiki/Rochus_von_Montpellier



Verabschiedung aus der Stadt.



1521 km nach Santiago.



Mit der Schonhaltung des Fusses will es nicht so recht gelingen, der Weg ist zu uneben. Ich bin froh, als ich aus der Stadt heraus bin. Der Nebel legt eine stinkende Abgaswolke über sie. Auch der Lärm der Autos und überhaupt das Tempo sind momentan nichts für mich. Ich bin "entschleunigt", wie es der aktuelle Trend will.



Nach wenigen Kilometern bin ich wieder in der Natur, abseits vom Trubel der Kleinstadt mit den eigentlich nur 20 Tausend Einwohnern.



Saint Christophe sur Dolaizon. Die Farbe der Steine ändert sich, ist nun rot-braun. Kirche aus dem 11.ten Jahrhundert.



Die Kirche hat einen interessanten Glockenturm.





Liac. Bäuerliches Hinterland mit vereinzelten Höfen und Weilern. Der nächste Ort heisst Lic.



Das Weideland und die Äcker sind durch Steinmauern begrenzt, ähnlich wie in Irland.





Ramourouscle. Ich bin froh, dass einige Strecken heute über Strassen führen. Der Fuss scheint sich einzulaufen. Nach wie vor versuche ich, ihn nicht ruckartig zu bewegen an Steinen oder Tritten, oder ihn zu überdehnen an Stufen.



In Ramourouscle sehe ich einen interessanten Bildstock von 1631 mit einem Engel als Hauptdarsteller.



Neben dem Bildstock steht ein Gestell, das ich mir nicht ganz genau erklären kann. Es ist wohl zum Einstellen von Vieh. Aber ob es eine alte Waage ist, zum Schlachten dient, zum Beschlagen hält oder eine Deckvorrichtung ist, wird mir nicht klar. Auf Höhe des Kopfes ist jedenfalls ein Stein, der hier etwas schwer zu erkennen ist. Eine Kuh könnte somit den Kopf nicht auf den Boden senken.



Die Kapelle von Monbonnet, leider verschlossen. Ich wäre gerne kurz gesessen.



Montbonnet. Soll ich hier schon Unterkunft suchen und das Bein schonen? Es sind erst 14 km seit Le-Puy. Eigentlich auch viel zu früh, aber ich möchte es nicht übertreiben gleich nach den Ruhetagen. Die Realität regelt das dann für mich: Alles geschlossen. Ich kann mir nicht mal den erhofften Grand Café gönnen. Also weiter, immer aufwärts.



Nach einer Weile komme ich dann auf einen Höhenzug auf rund 1250 Hm. Blick zurück auf Le-Puy, es liegt hinter dem Hügel gegenüber im Tal.



Blick nach vorne, also Richtung Westen. Eigentlich läuft man durchgehend Richtung Westen bis nach Santiago, mit einem kleinen südlichen Einschlag in Frankreich. Den Höhenzug im Hintergrund sehe ich gut, dort werde ich in einigen Stunden oder Tagen vorbeilaufen.

Wie lange braucht man, um zum Horizont zu laufen? Sind viele tiefe Täler dazwischen? Was für eine Bodenbeschaffenheit wird dort sein? Wo werde ich den Höhenzug kreuzen, ist von hier schon einTurm oder Ähnliches zu sehen, auf das ich zulaufe?

An diesem Punkt stelle ich mir diese Fragen noch nicht. In einiger Entfernung zu meinem Standort steht ein Übertragungsturm. Im Laufe der nächsten zwei Tage sehe ich diesen Turm beim Zurückschauen noch als kleinen Punkt am Horizont. Da wird mir erst richtig bewusst, welche Entfernungen ich an einem Tag zurücklege. Wie wunderbar die Fortbewegung zu Fuss ist!

Im Laufe der Strecke habe ich solche Aussichtspunkte noch öfter. Ich versuche mir dann auszumalen, wie es am Horizont sein wird. Die Wirklichkeit stimmt kein einziges mal mit der Fantasie überein.



Vor mir der Weiler Le Chier auf 1040 Hm. Es geht bergab ins Tal.



Le Chier. Durch die sonnige Süd-Ost Lage ist der Schnee weitgehend geschmolzen.



An schattigen Stellen wie an diesem Steg bleibt der Schnee liegen, kann stellenweise auch überfroren sein.



Am Weg ins Tal nach Saint-Privat-d'Allier ist diese schöne Gesteinsformation zu sehen. Eigentlich möchte ich in Saint-Privat-d'Allier übernachten, aber auch hier ist alles geschlossen. Es geht weiter abwärts ins Tal der Allier. Ich hoffe und bin zuversichtlich, in Monistrol-d'Allier unterzukommen. Der GR65 geht durch Waldgebiete, es liegt Schnee und es gibt Eisstellen. Ich entschliesse mich die Strasse zu laufen, um den Fuss zu schonen. Leider verpasse ich so die Chapelle St.Jaqcues aus dem 13. Jahrhundert, die einen schönen Blick über die Schlucht der Allier bieten soll.



Das Gestein wird abgebaut und verwertet.



Monistrol-d'Allier auf 550 Hm. Die Allier ist ein Wildwasser Paradies, im Sommer ist hier wohl recht viel los, wenn ich die Postkarten in der Bar richtig deute. Endlich einen Kaffee, auch wenn es schon später Nachmittag ist.



Dann ab zum Gite und tatsächlich, er hat geöffnet! Und was für ein Gite, sehr gemütlich. Hier kann man es aushalten. Schnell noch Einkaufen gehen, heute morgen waren die Geschäfte in Le-Puy noch geschlossen. Dann aber doch ein Schreck, das Geschäft hat geschlossen. Die Bar ist kurz davor zu schliessen. In der Bar frage ich um Rat, die Wirtin überrascht mich dann. Sie geht in die Küche, holt mir ein Päckchen Spagetthi und ein paar Tomaten. Klasse, herzlichen Dank!



Es wird nun deutlich länger hell abends, es ist fast Mitte Februar. Nach dem Kochen und Essen bleibt mir noch Zeit für einen Spaziergang.


An der Kirche ein interessanter Doppelbildstock. Diese Bildstöcke kenne ich nicht aus Deutschland, hier sind sie eher die Regel.






Ich habe ein mobiles Telefon dabei und lasse mich jeden Abend von meiner Familie anrufen, die Kinder sollen nicht den Eindruck haben, dass ich unerreichbar für sie wäre. Heute passiert es erstmals, dass es keine Netzabdeckung gibt und ich nicht telefonieren kann. Wir haben zwar schon vorher diese Möglichkeit besprochen, hoffe aber trotzdem, eine Verbindung zu erhalten. Ich befürchte, dass die Familie sich nach den Ruhetagen Sorgen macht, wenn ich mich nicht melde (ich lasse es normalerweise 1x klingeln wenn ich Unterkunft habe und werde dann zurückgerufen. Ansonten wäre die Telefonrechnung wohl teuerer als die ganzen andere Kosten der Tour zusammen).
Ich gehe etwas die Anhöhe hoch, keine Verbindung. Also wieder runter ins Tal. Dann versuche ich, aus einer Telefonzelle zu telefonieren. Als ich dann tatsächlich eine finde, akzeptiert sie nur Karten.

Von dem Aufenthalt inMonistrol-d'Allier lerne ich zwei Dinge:

  • Immer einen kompletten Essenvorrat für mindestens einen Tag dabeizuhaben.
  • Eine Telefonkarte für Frankreich (und später Spanien) zu besitzen.

Meine warme Essenvorratsration sieht normalerweise wie folgt aus

  • 250 g Reis. Braucht kein Öl oder Fett für die Zubereitung. Ist schnell gar, stopft nicht, auch wenn ich wegen grossem Hunger zuviel davon esse (siehe die Schlafstörung nach den Spagetthi in St-Jeures. Allerdings war das auch eine Megaportion).
  • 1 Zwiebel. Hält sich lange, gibt Geschmack und ist zumindest Gemüse. Koche ich zusammen mit dem Reis.
  • 1 Knolle Knoblauch. Hält sich lange, gibt Geschmack (Schärfe, wenn keine Pfeffer verfügbar ist). Den Knoblauch koche ich auch mit dem Reis und den Zwiebeln zusammen. Ich verwende nicht die ganze Knolle für ein Essen, obwohl es mir wohl die Hose wärmen würde :)
  • 1 Dose Fisch. Das Wasser oder Öl darin geben sie Sosse. Füge ich nach dem Garen zu dem Reis.
Dazu habe ich immer ein Brot dabei und ein kleines Päckchen Butter, schmilzt ja nicht um diese Jahreszeit. Für morgens Honig, in den praktischen Plastikflaschen, die es inzwischen gibt. Für Mittags und zwischendurch entweder Wurst oder Käse. Dazu esse ich viel Obst. Gerne esse ich auch rohe Karotten oder Kohlrabi unterwegs. Ich muss schauen, den Vitamin -und Mineralhaushalt in Ordnung zu halten.

Für das warme Essen koche ich mir natürlich auch andere Mahlzeiten, wenn ich was einkaufen kann. Den Reis und die anderen Sachen habe ich fortan immer dabei, um nicht nochmal ohne Essen dazustehen. Der Vorrat wiegt nicht allzuviel und gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.

2 Comments:

Blogger seppbaumgartner said...

Ehrlich Andie, es gefällt mir immer bessser, mit dir den Jakobsweg, vorerst virtuel, zu beschreiten. Da spielen zum Beispiel deine Gedanken über den Horizont hinein, Dinge, die du aus der Ferne siehst und schon nach kurzer Zeit wieder im Rückblick sehen kannst. Mir ging es so in Spanien mit den Windmühlen, die man zuerst aus weiter Ferne sah, und schon Stunden später konnte man auf sie zurücksehen. - Oder deine Freude, an Bauweise in Frankreich (Fertigbauten aus Lehm) oder an geologischen Gesteinsformationen etc. Ich habe lange Zeit, auch wieder unterwegs zu sein. Im nächsten April, so Gott will. Herzlicher Pilgergruss
Josef

2/01/2008 8:23 nachm.  
Anonymous Andie Kanne said...

Vielen Dank für den netten Kommentar. Hoffe auf Gelingen Deiner Pläne im April.
Ultreia
Andie

2/04/2008 8:01 nachm.  

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