Tag 25: Aumont Aubrac(F)-St-Chely-d'Aubrac(F), 10h, 6°C



Am Morgen regnet es noch immer heftig. Als ich aus dem Fenster schaue, gibt es trotzdem eine Überraschung, die mich freut: Der Schnee ist weg!
Ich entscheide mich beim Frühstück dafür, in Regenhose und Regenjacke zu laufen. Wenn es zu kalt werden sollte, werde ich die Windstopper Jacke darunter ziehen.

Es regnet in Strömen, der Himmel ist ganz dunkel, die Regenwolken jagen sich. Als ich nach La Chaze-de-Peyre komme, klärt sich der Himmel über dem Ort schlagartig auf. Rechts und links von mir ziehen die Regenwolken ab.



La Chaze-de-Peyre in der Région Languedoc-Roussillon, Département Lozère. 10 Einwohner auf einen km2.

Der Regenbogen gibt mir Mut. Obwohl hinter mir der Himmel noch tiefschwarz ist und es innerhalb weniger Minuten wieder regnen könnte, entschliesse ich mich dazu, auf Petrus zu vertrauen und mich umzuziehen.

Die Regenjacke und -hose sind unangenehm zu tragen. Obwohl aus atmungsaktivem Material, bin ich in kurzer Zeit von innen genausso nass wie von aussen. Ich schwitze mehr, als das Material abgeben kann. Der Vorteil der Regenklamotten ist, dass kein kaltes Regenwasser auf der Haut durchströmt und der Wind abgehalten wird.



Das Wohnhaus ist direkt an die Kirche angebaut, das habe ich nicht oft gesehen.



Dann geht es hinaus auf die Hochebene. Der Schnee ist tatsächlich innerhalb weniger Stunden im Regen komplett weggeschmolzen. Die Wege sind natürlich entsprechend aufgeweicht. Herrlicher Sonnenschein, die schwarzen Regenwolken sind nun weggeblasen. Sehr windig mit starken Böen, ich muss meinen Hut mit dem Halteband festzurren, damit er nicht weggeblasen wird.



Nach einigen Kilometern Jakobsweg ist Schluss auf dem GR65. Entweder entkleiden und durch das Wasser waten, oder die Stiefel und Hose fluten. Der Boden ist durch den Schnee und nun das Wasser so aufgeweicht, dass ich teilweise fast bis zum oberen Schaftrand der Stiefel darin einsinke. In einigen hundert Meter Entfernung läuft die Strasse hier parallel zum GR65. Ich laufe quer durch die Weide zur Strasse, mit Umwegen um die Seen, die sich schnell bilden. Auf der Strasse geht es dann zügig voran, nur sehr wenige Autos kommen vorbei. Ich bin begeistert, was für ein Tag!



Vor Jahren war ich mit meinem Bruder für eine Weile in Island, die Landschaft und die Witterung hier erinnern mich daran. Das würde ihm auch gefallen.



Die Wassermassen steigen immer weiter, aus den Hochlagen läuft viel Wasser nach. Es war richtig, auf die Strasse auszuweichen. Hier bin ich sicher und komme gut voran.



In tieferen Lagen steht das Wasser.



Nasbinals. 27 km bisher, ein unerwarteter Tagesverlauf. Die romanische Notre-Dame-de-la-Carce aus dem 11.ten Jahrhundert. 1000 Jahre alt! In dieser rauhen Umgebung so gut erhalten.

Ich werde weitergehen, wer weiss wie morgen das Wetter wird. Ein Passant warnt mich eindringlich davor, auf dem GR65 Pfad zu gehen, das sei zu gefährlich. Aber das hatte ich auch nicht vor. Ich möchte nach Aubrac, weitere 9 km, dazu muss ich noch auf den 1400 Hm hoch gelegenen Pass gehen.



Auf der Passhöhe, das hat sich nun doch noch ordentlich gezogen. Die Weideflächen sind hier noch unter Schnee begraben. Nun noch zwei Kilometer hinunter nach Aubrac. Dort sollen etliche Gites und Unterkünfte sein. Grosse Enttäuschung, alle Gites sind geschlossen, nur Hotels sind offen. Ich habe aber nicht die geringste Lust auf ein Hotelzimmer. In den letzten Jahren habe ich beruflich viel in Hotelzimmern genächtigt, die Atmosphäre eines Hotels wäre mir heute zuwider. Lieber lege ich mich in eine Bushaltestelle, wenn es sein muss.

Also entweder Bushaltestelle oder weitergehen.

Es ist 17 Uhr und wird bald anfangen zu dämmern, müde bin ich auch. Aubrac liegt auf 1305 Hm. Der nächste Ort wäre Saint-Chély d'Aubrac auf 805 Hm, 8 km entfernt. Das sollte eigentlich noch drin sein, geht ja nur bergab. Im Tal wird das Wetter auch gemässigter sein.

Ich entschliesse mich, den Abstieg noch anzugehen.



Rund zwei Kilometer vor Saint-Chély d'Aubrac beginnt es zu regnen. Wird wohl nur ein Schauer sein, denke ich. Dass dem nicht so ist merke ich, als es zu spät ist. Innerhalb weniger Minuten bin ich durchnässt, bei dem Regen hilft keine Wachsschicht mehr auf der Hose.

Als ich in den Ort komme, sehe ich ein Sportheim. Jawohl, das sieht gut aus, im Notfall kann ich hier unterkommen, das Dach steht weit vor und bietet Regenschutz.
Dann ist aber doch noch jemand in der Touristeninformation. Der Gite ist offen, ich habe ein Bett für heute Nacht!

Nach einer herrlich heissen Dusche koche ich mir Reis aus meiner Vorratsration. Fabian, der junge Herbergsvater, kommt mit einer Flaschen schwerem Aperitifwein. So muss das sein. Eben noch sehr darüber gefreut, eine potentielle, trockene Unterkunft im Freien gefunden zu haben. Nun mit einer Flasche Wein in einer warmen Behausung, heiss geduscht.

Fabian hat eine deutsche Freundin, Birgit. Sie ist alleine quer durch die Alpen gelaufen, via Innsbruck, Liechtenstein und die Schweiz. Sie ist auf der Suche nach einem Plan für ihre Zukunft. Sie hat sich unterwegs auch einige Klöster intensiv angesehen und getestet, ob das was für sie wäre. Sie ist seit letztem Jahr Juli unterwegs und war bereits bis St-Pied-de-Port gelaufen, ist aber wieder nach Saint-Chély d'Aubrac zu Fabian zurückgekehrt. Das echte Leben.

3 Comments:

Anonymous Fußkranker Bazi said...

Alles Roger, bin auf der Höhe des Geschehens. Als gelernter Maurer bewundere ich natürlich vor allem das faszinierende Natursteinmauerwerk. Kann heute kaum noch einer.

11/26/2006 2:34 vorm.  
Anonymous andie kanne said...

Neo-Bazi, habe bei der Eröffnung der Frauenkirche in Dresden eine Doku im TV gesehen über die Bauarbeiten, die ja so authentisch wie möglich gemacht wurden. Ein paar Handwerksleute waren ganz traurig, ihnen hatte die Wieder-Erlernung und Ausübung der Arbeiten nach alten Techniken grossen Spass gemacht. Sie meinten, dass sie in alten Zeiten einfach weitergezogen wären auf die nächste Grossbaustelle, irgendwo in Europa.
Das ist nun natürlich nicht mehr so, da solche Bauwerke nicht mehr gebaut werden. Einer meinte, dass er direkt wieder zurückkehren wird in die Arbeitslosigkeit und das Wissen wohl nie mehr anwenden kann.
Schade, aus verschiedenen Aspekten.

11/26/2006 12:14 nachm.  
Anonymous Schiffsmaurer said...

Als ich 1954 die Maurerlehre begann, habe ich von einem Gesellen, einem vertriebenen alten Schlesier mit Meisterbrief, noch einiges lernen können. Vieles, unter anderem Stocken und Scharrieren - die Behandlung von Vorsatzbeton - stand bereits damals nicht mehr auf dem Programm. Das Verfahren läßt Beton aussehen wie Naturstein. Sehr zeitaufwendig, könnte heute auch gar keiner mehr bezahlen. Traurig, ja.

11/26/2006 11:06 nachm.  

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