Tag 18-21: Le-Puy-En-Velay(F)



Le Puy-en-Velay liegt in der französischen Region Auvergne und ist mit 20.500 Einwohnern (1999) die größte Stadt im Département Haute-Loire.

Blick über die Stadt, die von Hügeln umgeben liegt.

Geplant ist ein Aufenthalt von zwei Tagen. Die beiden Tag liege ich viel auf dem Bett und lese, um das Schienbein und Fussgelenk ruhigzustellen. Unten in der Stadt hole ich mir Creme, die aber nicht viel Besserung verschafft. Da sich das Bein nicht grundlegend bessert, ich vielleicht einen Arzt brauchen werde und zusätzlich das Wochenende kommt, entschliesse ich mich, noch zwei weitere Tage in der Stadt zu bleiben. Samstag und Sonntag versuche ich eine gemässigte Bewegungstherapie, mit Ruhephasen und Cremen. Das Fussgelenk am rechten Fuss ist geschwollen, ebenso das untere Schienbein. Das Gewebe lässt sich eindrücken, die Delle geht nur langsam zurück.
In einem Internetcafe finde ich dann Beiträge von Sportlern und Ärzten, die sich mit diesem Problem beschäftigen. Es ist entweder ein Ermüdungsbruch oder eine Knochenhautentzündung. Das Erste schliesse ich aus, dazu sind die Schmerzen doch zu knapp, nehme ich an. Es ist dann den Sympthomen nach eine Knochenhautentzündung, hervorgerufen durch die ungewohnte, langandauernde Bewegung. Im Verlauf der weiteren Tour treffe ich noch viele Pilger, die mit diesem Problem zu kämpfen haben, insbesonders nach den ersten Tagen.

Ich hätte die ersten Tage in Frankreich vielleicht etwas kleinere Etappen machen sollen. Andererseits erlebe ich später auch Pilger, die kleine Etappen laufen, mit dieser Art von Entzündung. Vielleicht muss man einfach durch. Auf jeden Fall bringt mich diese Auszeit geistig zur Ruhe, daher sehe ich diese Ruhetage im Nachhinein als wertvoll an. Schön waren sie auf jeden Fall.






Am Fuss der Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe ist eine kleine oktagonale Kapelle, die ebenso wie das Haus daneben deutliche architektonische Einflüsse der Mauren zeigt.












Viele religiöse Darstellungen zieren die historischen Häuser der Altstadt. Le-Puy war nicht nur regionales Zentrum, als Sammelort der Pilger hatte es weite Bekanntheit als geistiges Zentrum.

Die Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe



Die romanische Kapelle Saint Michel d'Aiguilhe aus dem 10. Jahrhundert befindet sich auf einer 80 m hohen, steilen vulkanischen Felsnadel.



Der Aufstieg zur Kapelle windet sich in kurzen, steilen Treppen und Aufgängen.



Der Eingang der Kapelle. Ausserordentlich schöne und guterhaltene Figuren und Darstellungen begrüssen den Besucher.



Deckenfresko in der Kapelle. In der Mitte Jesus, der mit der rechten Hand den Segen erteilt. Über ihm, hier auf dem Kopf dargestellt, der Erzengel Michael. Neben ihm zwei Seraphim Engel mit jeweils sechs Flügeln.

Im Neuen Testament besiegt Michael den Teufel in Gestalt eines Drachen und stößt ihn hinab in die Hölle: "Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen." (Offb 12,7)

In den Ecken sind die Symbole der vier Evangelisten abgebildet. Matthäus dargestellt durch einen Engel, Markus durch den Löwen, Lukas durch den Stier und Johannes durch den Adler.














Die Kirche und ihr Umgang nutzen die ovale Form der Felsnadel vollständig aus, die Säulen stehen in einer Art Halbkreis. Durch den Bau und die einzigartige Lage ist die Kapelle ein fast irreal wirkender Ort.

Die Kathedrale Notre Dame



Auf dem zentralen Hügel über der Stadt liegt die dreischiffige Cathédrale Notre-Dame du Puy-en-Velay. Dieses Unesco Weltkulturerbe wurde im 11. und 12. Jhd im romanischen Stil mit arabischen und byzantinischen Einflüssen erbaut. Das Portal ist riesig, im Hauptportal ist eine Person mit blauem Mantel als Grössenvergleich zu sehen.



Blick von der Stadt auf das Portal. Der Kirchturm steht isoliert und ist aus dieser Position nicht zu sehen. Diesen Weg sind Millionen Pilger in den letzten tausend Jahren gelaufen, auf dem Weg ins Ungewisse. Etliche sind wohl nicht mehr zurückgekehrt.



Blick vom Portal der Kathedrale auf die Stadt.



Links neben der Kathedrale ist der Kreuzgang aus dem 12. Jahrhundert.




Der 60 m hohe Kirchturm sieht aus wie aus Klötzen aufeinandergesetzt.




Ansicht von der Seite der Marienstatue.




Die achteckige Kuppel der Kathedrale von aussen.



Die Kuppel von innen.



Die Schwarze Madonna. Die Original-Statue soll vom hl. Ludwig 1254 aus Ägypten mitgebracht worden und in der Französischen Revolution verbrannt sein. Die dargestellte Madonna hier ist eine Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert.



Ein Statue von St. Jacque in der Kathedrale. An dieser Stelle kann man den Pilgersegen für einen guten Weg erhalten, ein eindrückliches Erlebnis. Früher gingen von hier grosse Pilgergruppen gemeinschaftlich los Richtung Santiago, da sie in der Gruppe sicherer waren vor Überfällen und Übergriffen.



Eine kleine Seitenkapelle ist geheizt, ganz ungewohnt in Frankreich. Hier finden im Winter die Gottesdienste statt. Nur Sonntags ist im Hauptschiff selbst die Messe.


In der Seitenkapelle ist ein schönes gotisches Fresko freigelegt.

Die Unterkunft



Die folgenden Bilder zeigen den Gite Maison St-François, der Franziskanerinnen. Dieser Gite ist ganz in der Nähe der Kathedrale, auf dem Hügel oberhalb der Stadt. Steile Treppen führen hinauf.
Ich war vier Tage in dieser Unterkunft. Normalerweise ist das nicht erlaubt, wegen der grossen Zahl an durchströmenden Pilgern. Im Winter ist es recht ruhig, ich bin sehr froh, nach meiner Ankunft gleich Unterkunft zu finden und bleiben zu dürfen bis ich mich bzw. das Bein erholt habe.

Neben den Pilgern betreuen die Schwestern auch Sozialfälle in einem Teil des Gebäudes. Sie versuchen, die Leute in begleiteten Programmen zu resozialisieren.



Ich erhalte eine kleine (Mönchs?)Zelle und bin begeistert. Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein Bett und ein Waschbecken. Mehr braucht man eigentlich auch nicht. Die dicke Wand schirmt mich ab von der Stadt, ich fühle mich in dem Zimmer sehr geborgen.



Das Bett, ohne Begrenzung vorne oder hinten, ist ideal bei meiner Grösse. Ich kann problemlos die Füsse heraushängen oder auf den Stuhl hochlegen.



Das Waschbecken mit den alten Fenstern, zwei hintereinander zur Isolation. Die Aussenwand ist fast einen Meter dick.



Blick bei Nacht aus meinem Zimmer auf die Statue Notre Dame de France, welche die Stadt überblickt. Diese Statue wurde aus russischen Kanonen gegossen, die im Krim-Krieg um 1860 erbeutet worden waren.



Der Blick auf die Statue bei Tag.



Das linke Gebäude ist der Gite, durch die Gasse geht es zur Kathedrale. Das zum Bau verwendete Basalt-Gestein gefällt mir gut, trotz der Kälte verbreitet es für mein Gefühl Gemütlichkeit und wirkt sehr wohnlich.



Ausser am ersten Tag bin ich der einzige Pilger im Gite. An dem Tag ist ein Radpilger da. Er hat zehn Tage Zeit und möchte nach St-Jean-Pied-de-Port, also an den Fuss der Pyrenäen an der spanischen Grenze. Er möchte ausschliesslich den GR65 fahren. Ich bin nicht sicher, ob das möglich ist, da der Weg teilweise für mich als Fussgänger problematisch ist.
Er hat nur 4 kg Gepäck dabei, also nicht viel mehr als was er anhat. Von Beruf ist er Landwirt, ich glaube er ist der erste Bauer überhaupt, den ich auf einer Reise treffe.

Er teilt meine Meinung, dass sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten stark verändern wird. Sie ist der letzte Erwerbszweig, der vor der Industrialisierung steht. Wenige Grossbetriebe werden die Landwirtschaft beherrschen, spezialisiertes Fachpersonal wird die Rolle des im Familienverband arbeitenden Bauer ersetzen.




Im Gite befindet sich ein Andachtsraum. Der Raum hat eine starke Ausstrahlung, die Ruhe ist fast greifbar.

6 Comments:

Anonymous Dr. Anton Schneider said...

Hallo Andie,
Deine Fotos bestärken mich nun doch einen Tag in Le Puy zu verweilen - auf meinem Weg 2007 von Zuhause (Miltenberg/Ufr)aus. Ursprünglich wollte ich Le Puy ganz normal als Etappenort passieren. Mit diesen Bildern ist es Dir sehr gut gelungen, die Spiritualität dieses alten Wallfahrtortes einzufangen.

Buen Camino
Anton

11/18/2006 8:46 vorm.  
Blogger Andie Kanne said...

Hallo Anton,
Le Puy ist auf jeden Fall einen Tag Aufenthalt wert. Die Alststadt und Kirchen sind ein rechtes Programm. Obwohl die Stadt relativ klein ist, kann man viel sehen und geniessen.

Informationen zu Pilgerwegen in Süddeutschland kannst du bei Wolfgang Meyer finden, www.pilgerweg.de. Für den Jakobsweg durch Miltenberg siehe http://www.s-line.de/homepages/jakobsweg/der_jakobsweg_von_winnenden_nach.htm

Ultreia
Andie

11/22/2006 8:00 nachm.  
Anonymous Dr. Anton Schneider said...

Hallo Andie,
Danke für die Links. Mit der Fränk. Jakobusgesellschaft haben wir 2005 den Jakobsweg Aschaffenburg-Miltenberg-Heilbronn-Pforzheim-Freiburg-Colmar (bzw.Basel) aus der Taufe gehoben. Dieser Weg nutzt regionale Wanderwege, den H8, sowie vor allem den Schwarzwald-Westweg. Ich hoffe, dass wir diesen Weg bald offiziell als Jakobusweg auch markieren dürfen.

Mein Weg 2007 wird also durch den Schwarzwald über Basel, durch den Burgund, über Cluny, Taize, Le Puy Lourdes, Somportpass ...nach SdC führen.

Buen Camino
Anton

11/25/2006 7:07 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Hallo Anton,
das hört sich sehr gut an! Cluny möchte ich auch gerne mal sehen. Die Strecke über den Somportpass muss sehr schön sein, besonders im anschliessenden spanischen Teil.

Wann gehtst Du los?

11/25/2006 11:43 nachm.  
Anonymous Dr. Anton Schneider said...

Hallo Andie,
Start ist für den März 2007 geplant - abhängig vom Wetter in D und vor allem der Gesundheit meiner pflegebedürftigen Mutter (88 Jahre, bettlägerig und Pflegestufe III).

Übrigens ich plane den Camino Frances bei Carrion de los Condes Richtung Picos Europa zu verlassen, um die Wallfahrtsorte Santo Toribio (Splitter des Kreuzes Jesu) und Covadonga (Nationaler Marien-Wallfahrtsort) zu erreichen. Danach möchte ich über Oviedo den Camino Primitivo nach SdC. Mein Weg führt dann aber noch weiter - auf dem Jakobsweg - bis nach Fatima. Und wenn ich gesund und mental fit bleibe, dann geht es auch zu Fuss wieder zurück über SdC - Camino Frances - San Jean Pied de Port - Vezelay - Colmar - Freiburg. Das ist seit meinem Camino 2000 ( 800 km SPdP bis SdC in 32 Tagen) mein Traum. Und diesen Traum kann ich nur einmal verwirklichen - ich werde schließlich 60. Insgesamt rechne ich mit 3 bzw. 6 Monaten Zeitbedarf.

Eigentlich wollte ich schon letztes Jahr starten. Ich hoffe, dass es diesmal klappt.

Das ist der wesentliche Grund für mein besonderes Interesse an Deinen Weg-Erfahrungen.

Buen Camino
Anton

11/26/2006 9:45 vorm.  
Anonymous andie kanne said...

Super! Picos Europa war gut zu sehen, schneebedeckt am Horizont. Der Camino Primitivo muss wohl ganz besonders sein. Ich hoffe, diesen Weg auch einmal gehen zu können.

Zurückzulaufen ist sicher das ultimative Erlebnis. Sich langsam seiner Heimat zu nähern anstatt sich schlagartig in einer hyperschnellen Welt am Frankfurter Flughafen wiederzufinden inmitten von Konsum, Lärm und Gestank.

Ich drücke Dir die Daumen für Deine Pläne!

11/26/2006 12:29 nachm.  

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