Tag 14: Bessey(F), -5°C



Ein fürchterliches Schreien reisst mich gestern Abend aus dem Halbschlaf. Ich hatte geduscht nach meiner Ankunft und mich für ein paar Minuten auf das Bett gelegt, bevor ich mir etwas zu Essen machen wollte. Es hörte sich an, als ob jemand mit der Hand in heisses Öl getaucht wurde. Jedenfalls dachte ich im ersten Moment an so etwas. Dann wieder. Was ist denn da los?

Meine Unterkunft ist ein Anbau mit zwei Etagenbetten neben einem Heim für betreutes Wohnen geistig Behinderter. Ich gehe rüber, vielleicht ist etwas passiert und ich kann helfen. Ich komme in die Küche. Nichts zu sehen, alle sind friedlich, basteln etwas oder unterhalten sich.

Dann wieder dieser Schrei. Eine der Bewohnerinnen, eine kleine Frau von rund 30 Jahren, hat mich gesehen und schreit mich mit ungeheurer Lautstärke an. Die Betreuerin nimmt mich am Arm und sagt der Frau, dass ich ok sei. Sofort ist sie wieder ruhig, und alle sind vertieft in ihre Tätigkeiten, als ob nichts gewesen sei. Ich werde somit aufgenommen und bin von nun an bis Montag Morgen Teil dieser illustren Familie.



Blick auf Bessey. Ich gehe gegen Mitttag etwas spazieren, um den Kreislauf wach zu halten und die Muskeln und Gelenke zu lockern. Ein Restaurant hat offen, sie bieten ein Pilgermenü an, das passt ja. Für den Rest des Tages lese und schlafe ich. Das Wetter ist immer noch diesig, gerade recht für einen Tag Auszeit.

In der Küche gibt es abends Pizza, jeder darf nach Möglichkeiten helfen und sich die Pizza belegen. Ich werde eingeladen und darf mitessen.

Abends höre ich noch ein paar mal die Schreie, empfinde sie aber schon fast als normal.

Ich bewundere die Betreuerinnen und zolle ihnen höchsten Respekt. In meinen Augen laufen sie jeden Tag mindestens nach Santiago und zurück.

3 Comments:

Anonymous Anonym said...

Hallo Andie,
Dein Hinweis im Pilgerforum war eine angenehme Überraschung und hat mich sofort veranlasst Deinen Blog zu lesen.

Dein Pilgertagebuch ist sehr ehrlich und informativ. Die zahlreichen Fotos und die dazugehörigen Hintergrundinformationen lassen Deinen Jakobsweg so richtig lebendig werden. So ist es leicht Dich im Geiste zu begleiten. Deine Erfahrungen in Frankreich - ich spreche auch kein Französisch - werden mir auf meinem Pilgerweg 2007 - auch von Zuhause aus in einem Stück nach SdC - sehr nützlich sein.

Frage: Wieso startest Du in Amsterdam? Und wie alt bist Du? (Ich bin 59 Jahre).

Ich freue mich auf Deine nächsten Einträge.

Danke für Deinen Bericht und Buen Camino
Anton

11/12/2006 10:58 vorm.  
Anonymous andie kanne said...

Hi Anton

ich wohne in Holland, daher bin ich von Amsterdam losgezogen. Konstanz war für mich der Wunschstartort, da ich den Wegweiser dort kenne und mir viel daran lag, dort zu starten. Wäre gerne auch in Deutschland gelaufen, aber das war zeitlich leider nicht mehr drin.

Ich bin 40 Jahre alt.

Buen Camino für Deinen Weg in 07!
AK

11/12/2006 12:29 nachm.  
Blogger Markus Quint said...

Sie müssen nicht zu fernen Orten laufen, ihr Weg ist ein anderer - und ich bewundere sie auch.

11/25/2006 7:41 nachm.  

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