Tag 15: Bessey(F)-Les Setoux(F), 9h, -3°C



Der Ruhetag hat gut getan, ich freue mich auf die Etappe heute. Der Körper hat sich soweit erholt, nur die Füsse machen mir doch ein bisschen Sorgen, die Schwellung der Gelenke ist nicht wesentlich zurückgegangen.
Ich bin früh unterwegs, der Schulbus fährt über das Land und sammelt die Kinder ein. Es muss ein guter Tag werden, wenn man morgens schon Richtung Paradis läuft.



Und in der Tat lichtet sich der Himmel und die Sonne kommt zu Vorschein!



Ein Erlebnis, mal wieder Fernsicht zu haben und zu sehen, in was für einer schönen Gegend man läuft.



Der Schlamm auf den Wegen und der Schnee sind hartgefroren. Der Wind der letzten Tage hat sich zum Glück gelegt.



Allerdings zieht sich nach wenigen Stunden der Himmel wieder zu, es sieht nach Schneefall aus.



Col de Banchet, eine Anhöhe zwischen St-Julien-Molin-Molette und Bourg-Argental.



Nach dem Col de Banchet geht es runter in einen Talkessel, Bourg-Argental liegt darin.



Bourg Argental liegt auf der Route nach Le-Puy-En-Velay vor einem Passübergang mit 1083 Hm. Suc des Trois Chiens daneben geht auf 1365 Hm. Schwerverkehr führt durch die engen Strassen des Provinzstädtchens. Die Grosstadt Saint-Étienne ist 30 km entfernt im Nord-Westen.



Die Kirche Saint-André im Ortszentrum, der Verkehr quält sich daran vorbei.



Die Kirche hat ein sehr schönes Portal mit Tympanon aus dem 12. Jhd. mit einer Darstellung des Hl. Jakobus und Pilgern.



Wer kennt dieses Bild nicht, es hängt in fast jedem Gasthaus mit gutbürgerlicher Küche. An diese Situation muss ich denken, in weitaus positiverem Kontext natürlich, als ich beim langen Aufstieg den Forêt de Taillard hinaufgehe. Auf einmal sind Schritte zu hören, dann sehe ich zwei Personen im Schnee den Wald herunterstapfen.



Mir kommen zwei Pilger entgegen!

Grosse Überraschung. Keiner rechnet damit dass gerade hier, mitten im Wald, andere Pilger entgegen kommen könnten. In meinem Fall sind es sogar die ersten Jakobspilger, die ich überhaupt sehe. Zwei braungebrannte, heitere Menschen. Er heisst Raul, ihr Namen ist mir leider entfallen.

Sie sind im August letzten Jahres von Antwerpen in Belgien losgelaufen nach Santiago. Am 6.ten Dezember, heute vor zwei Monaten, sind sie dann in Santiago zum Rückmarsch aufgebrochen via Genf. Sie wird in Genf bleiben bei Familie, er wird weiterlaufen, zurück nach Antwerpen.

Sie warnen mich noch vor dem morgigen Tag, der auf sehr vereisten Wegen führen soll und einer ihrer schwierigsten Etappen gewesen sei. Dann verabschieden wir uns, Ultreia!

In den nächsten Wochen werde ich noch öfter ihre Namen in den Pilgerbüchern finden, die in Kirchen und Gites in Frankreich ausliegen.

Wenn ich ungefähr in ihrem Tempo laufe, bin ich also in rund zwei Monaten in Santiago, um den 10. April.



St-Sauveur-en-Rue an der Passtrasse. Ich denke, dass ich zur Passhöhe muss, knapp unterhalb des Nebels, der von hier zu sehen ist.



Der Wald sieht wunderbar aus. In der Nähe sind Waldarbeiter zu hören, mit Kettensägen und schwerem Gerät.



Hier kreuzen sich der GR7 und der GR65, auch der GR42 führt durch diese Gegend, ich muss also gut auf die Markierungen achten. Nun bin ich im Nebel, dann kann es wohl nicht mehr all zu weit sein.



Der Schnee wird tiefer...



... und der Nebel dichter.



Bei dieser Bildgrösse kommt es vielleicht nicht ganz zur Geltung. Die gelbe Flechte am Stamm des Baums leuchtet in der ansonsten weissen Fläche.



Les-Setoux, ein kleines Bauerndorf auf 1142 Hm. Ich bin froh, endlich angekommen zu sein. Bei diesem Nebel möchte ich mich nicht verlaufen in dem grossen Waldgebiet. Das ist mir bisher zum Glück erspart geblieben. Zur Sicherheit hab ich auch einen Kompass dabei und orientiere mich bei dieser Witterung regelmässig auf der Karte. Im (echten) Gebirge habe ich schon Wetterlagen und -umstürze erlebt, die eine Orientierung nahezu unmöglich gemacht haben, auch mit Kompass und Karte.
Körperliche Erschöpfung und Müdigkeit sind dabei Faktoren, die man nicht unterschätzen sollte. Man muss sich den ganzen Tag auf den Weg konzentrieren. Teilweise sind die kleinen Muschel-Symbole oder die rot-weissen Wegmarkierungen verschneit, teilweise am Boden auf Steinen angebracht. Im Sommer prima zu sehen, jetzt unsichtbar.



Essen und Bett. Genau das , was ich jetzt brauche. Der Gite hat tatsächlich ganzjährig geöffnet, wie es im Reiseführer steht. Ich erhalte ein Bett in einem Gemeindegebäude. Ob es mir was ausmache, wenn noch jemand im Zimmer schläft? Nein, natürlich nicht. Später kommt ein rund 25-jähriger Waldarbeiter, Fahrer der Holzmaschine, die ich heute Nachmittag gehört habe. Er ist sehr stolz auf seine Arbeit. Er kommt aus St-Étienne, schläft die Woche über im Gite, am Wochenende fährt er nach Hause.
Essen will er nicht mit mir gehen, er kenne die Karte auswendig. Menu du jour, Tagesmenü aus französischer Hausmannskost mit viel Vin de Pays, dem roten Tafelwein.
Die Nachtruhe ist mir sicher.

3 Comments:

Blogger Markus Quint said...

Suc des Trois Chiens - Saft der drei Hunde ... fabelhafte Ortsbezeichnung ...

11/25/2006 7:46 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Das ist auch eine fabelhafte und wildromantische Gegend. Wenn ein Fabeltier meinen Weg gekreuzt hätte, hätte mich das nicht wirklich verwundert.

11/26/2006 12:03 vorm.  
Anonymous Anonym said...

"Suc" ist die regionale Bezeichnung für den verbliebenen Stumpf eines alten Vulkanschlotes (häufige Erscheinung im Velay, d.h. in der Gegend, in der Le Puy-en-Velay liegt).

Jean-Pierre

3/22/2007 1:29 nachm.  

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