Tag 13: Revel-Tourdan(F)-Bessey(F), 10h, -5°C



Heute pfeift ein bitterkalter Wind aus Nord-West. Auf Höhenlagen bläst er mir genau zwischen den Rücken und den Rucksack, was recht unangenehm ist. Der Nacken und Rücken werden schnell auskühlt, prompt gibt es Verspannungen.



Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich der Hochsitz eines Jägers ist. Die mir aus heimischen Wäldern bekannten Hochsitze sehen anders, fast luxuriös dagegen aus. Eine Futterstelle ist es nicht, ich finde kein Futter darunter.



Nach einem langen, ermüdenden Marsch durch weite Wälder und über zugige Höhen komme ich nach Auberives-sur-Varèze. Hier hat sich die Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren verdoppelt. Ich nähere mich langsam dem Ballungsraum Lyon, wobei von der Stadt weiter nicht viel zu spüren ist. Nur die Neubaugebiete der Orte werden grösser.



Clonas-sur-Varèze. Es geht eine Klippe hinunter in den Ort. Die Rhône, im Hintergrund zu erahnen, hat ein breites Tal ausgefräst.
Endlich finde ich auch eine offene Bar und trinke einige Cafés. Ich fühle mich inzwischen doch recht matt. Heute ist Samstag, morgen werde ich einen Ruhetag einlegen, meinen Ersten. Habe in einem Bericht von einem Pilger gelesen, dass er jeden Sonntag einen Ruhetag einhielt. Das scheint mir eine gute Idee zu sein, es geht ja nicht darum, schnellstmöglich in Santiago zu sein. Den Körper ausruhen und den Geist reflektieren ist sicher wertvoll.
Mal sehen wie das morgen ist, ich freue mich darauf.



Aber soweit ist es noch nicht. Ich möchte zuvor die Rhône überqueren, um in Chavanay zu übernachten.
Vorher passiert aber wieder eine Spezialaktion, das gehört bei mir scheinbar dazu. Während ich durch Clonas-sur-Varèze laufe, steigt linkerhand aus dem Dunst eine grosse Anlage auf, die sich als Atomkraftwerk entpuppt. Die Franzosen sind ja bekanntlich diesbezüglich etwas unbedarfter - und die Deutschen kaufen dann den günstigen Atomstrom, machen aber offiziell auf Öko.

Als ich das Foto oben mache, heulen auf einmal Feuerwehrsirenen in Clonas-sur-Varèze los. Dann brausen einige Feuerwehrwagen aus dem Ort in Richtung AKW und verschwinden im Dunst. In wenigen Augenblicken male ich mir alle Szenarien aus. Es gibt nur eine Alternative: Ich bin zu Fuss unterwegs, einen Kilometer von einem AKW entfernt, zu dem Feuerwehrautos rasen. Vor mir die Rhône, um mich herum ein paar Dörfern, ansonsten verschneite Felder und Wälder. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als weiterzulaufen, zu tun als wäre nichts passiert und abzuwarten.

Das AKW ist jedenfalls nicht explodiert. Ob ein Unfall vorlag oder eine Übung, konnte ich nie in Erfahrung bringen.



An der Brücke über die Rhône. Ich verlasse das Département Isère und sehe zum dritten Mal in wenigen Tagen die Rhône.



Auf der Brücke über die Rhône. Der Wind bläst so stark, dass ich erstmals meinen Hut abnehmen muss, um ihn nicht zu verlieren. Gegen die Kälte trage ich ein Stirnband unter dem Hut, um das ich jetzt besonders dankbar bin.
Ohne Beschilderung hätte ich die Rhône nicht wiedererkannt. Sie hat seit Yenne ein Vielfaches an Wasser dazu gewonnen. Sie dürfte bereits jetzt ein Volumen haben wie der Niederrhein. Aber sie ist ja auch der wasserreichste, und mit 812 km der zweitlängste Strom Frankreichs.



Blick auf Chavanay, im Département Loire weiterhin in der Région Rhône-Alpes. Der Ort liegt auf 155 Hm, in den kommenden Tagen wird es in höhere Lagen gehen.



Chavanay ist Partnerstadt von Buchholz in Deutschland. Buchholz ist ein Ortsteil von Waldkirch, einem Ort im Breisgau in Baden-Württemberg, 20 Km von Freiburg im Breisgau entfernt.

Auf dem linken Standbein des Schildes sieht man übrigens ein X aus einem roten und einem weissen Balken. Das ist eine Form des GR65 Zeichens und bedeutet, dass der Weg nicht geradeaus geht.



Zwei Stunden lang habe ich eine einigermassen gute und bezahlbare Unterkunft in Chavaney gesucht, bin jedoch nicht fündig geworden. Dann muss ich eben noch etwas weiter gehen. Wie inzwischen üblich in dieser Situation mit schnellerem Tempo, um nicht in der Dunkelheit laufen zu müssen.
Chavaney wäre ein schöner Ort gewesen um einen freien Tag zu geniessen. Der Vorfall am nahen AKW steckt mir jedoch in den Knochen, vielleicht ist es besser weiterzuziehen.



Bei Einbruch der Dunkelheit komme ich nach Bessey auf 400 Hm. Leider ist der Gite geschlossen. Nach einiger Fragerei werde ich zu einer Übernachtungsmöglichkeit in einem Kilometer Entfernung geschickt. Hier kann ich unterkommen, das Wochenende ist gerettet!

3 Comments:

Anonymous Anonym said...

Hallo Andie,

hui, im Winter in dieser Gegend Europas unterwegs. Respekt! Das würde ich mir nicht zutrauen.

Wir waren im Fühsommer von Genf nach Le-Puy unterwegs. Deine Winterbilder zeigen die Landschaft in einem total anderen Gesicht. Bei vielen ist die Verlassenheit fast greifbar.
Einige meiner Bilder kennst du ja vom Artikel im Outdoorwiki.

Auf die Fortsetzung freue ich mich schon jetzt.

Gruß, Werner

11/11/2006 10:57 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Noch ein Nachtrag.

Dein Blog habe ich im Wiki-Artikel verlink. Deine Erlebnisse und Erfahrungen mit den Unterkünften (geschlossen, usw.) sind ebenfalls in den Text eingeflossen. Nur in allgemeiner Form. ;-)

Werner

11/11/2006 11:23 nachm.  
Anonymous andie kanne said...

Danke Werner für die Referenz.

> Deine Winterbilder zeigen die Landschaft in einem total anderen Gesicht

Das möchte ich hoffen für den Sommer in Frankreich :)

11/11/2006 11:35 nachm.  

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