Tag 10: Yenne(F)-Les Abrets(F), 9.5h, 3°C



Nach einer erholsamen Nacht und einem guten Frühstück geht es weiter, eiskalte Luft begrüsst mich. Ich muss mich entscheiden für den GR65, der auf einem kilometerlangen Grat auf rund 700 Hm verläuft, oder für eine Strecke über kleine Feldwege, um dann den Col du Mont Tournier zu passieren. Da es hier so kalt ist, und nach den Rutsch-Erfahrungen auch in den letzten Tage, ziehe ich die Feldwege vor. Dafür werde ich durch einige abgelegene Weiler kommen.



Die Höfe wirken wie ausgestorben auf den ersten Blick. Wenn man aber näher kommt, sieht man die Menschen emsig arbeiten. Holzspalten und Reparaturen sind wie in alten Zeiten die Winterarbeiten der Bauern. Jetzt ist auch Zeit für Waldarbeiten, die Böden sind etwas gefroren, die Maschinen versinken nicht bis zu den Achsen im Morast.



Die Ruhe tut gut und ist äusserst entspannend. Ich frage mich ab, wie man nur in einer Stadt wohnen kann, ohne verrückt zu werden. Leider wohne ich selbst in einer.



Nichts stört, kein Lärm, kein Verkehr, nicht mal die in Deutschland und sowieso in Holland allgegenwärtigen Flugzeuge, die inzwischen fast überall zu hören sind.

Nur Eichelhäher schrecken auf und schlagen Alarm, wenn ich auf einen Ast trete oder das Laub unter den Stiefeln raschelt.



Nach ein paar Stunden erreiche ich den Col du Mont Tournier. Die Wegwahl war richtig, der auf der Höhe ankommende GR65 ist recht vereist. Am unangenehmsten sind Pfade an Südhängen. Tagsüber taut die Sonne den Schnee oder das Eis an, dass am Nachmittag dann wieder überfriert. Der Abstieg ins Rhônetal ist mühsam.



In Deutschland sieht man viele Bildstöcke mit figürlichen Darstellungen, in Frankreich überwiegen Kreuze ohne Corpus. Dies kommt wohl durch die Glaubenskriege zwischen den Katholiken und Protestanten, auf die ich später etwas mehr eingehen werde.

An solchen Kreuzen liegen meist Steine, die durch Pilger abgelegt sind. Man kann Steine mitnehmen und ein Stück mittragen bis zum nächsten Denk-Mal. Die Tradition will, dass man einen Stein von unterwegs, oder noch besser von Zuhause, bis zum Cruz de Ferro in Spanien mitnimmt, um ihn dort auf einem mittlererweile grossen Berg aus kleinen und grösseren Steinen abzulegen.
Ich selbst habe keinen Stein dabei und lege auch keinen Stein unterwegs ab, das ist mir zu archaisch. Ausserdem habe ich an meinem eigenen Körpergewicht von 96kg und der Ausrüstung genug zu tragen.



In der Gegend sehe ich eine Bautechnik, die mir so nicht bekannt war: Fertigbau mit Lehmblöcken. Es wurden damit Häuser und Scheunen gebaut. Die Blöcke sind 30-40 cm dick, einen Meter hoch und rund zwei Meter lang. Sie werden mit Holz gesteckt. Wenn man eine Aussparung braucht, kann man die im nachhinein herausschlagen. Die Gebäude werden meist nicht verputzt. Das Raumklima in den Gebäuden ist sicher angenehm, der Lehm puffert Feuchtigkeit und Wärme bzw. Kühle im Sommer.



Chapelle de Pignieux mit drei Jakobsmuscheln auf der Fassade.



St-Genix-sur-Guiers. Es gibt Orte, die sind mir auf Anhieb sympathisch. Oder eben nicht. St-Genix fällt leider in die zweite Kategorie. Von Yenne waren es nun 25 km hierher, laut Reiseführer wäre das eine Etappe. Ich werde weitergehen, auf Suche nach einem Ort mit Good Vibrations.



Am Ufer der Guiers entlang nach Romagnieu. Leider keine Unterkunft vorhanden.



La Bruyère, es fängt an zu dämmern, Nebel zieht auf. Ich muss das Tempo anziehen, wenn ich nicht wieder in der Dunkelheit laufen will.



Schönes Vorbild der Lehm-Fertigbauweise.



Les Abrets, regionales Zentrum. Departement Isère, Regio Rhône-Alpes. Es ist kurz vor 17 Uhr. Jetzt bitte eine Unterkunft. Das Ortsschild steht recht weit ausserhalb, ins Zentrum ist es noch ein ganzes Stück. Ich gehe zur Touristen-Information, die ist aber schon verschlossen.
Ein Mitarbeiter sieht mich stehen und öffnet die Tür. Es gibt hier keine Unterkunft, die geöffnet hätte.

Er telephoniert eine Weile, an seinem Gesicht kann ich sofort sehen, wenn er wieder eine Absage erhält.

Dann kann ich in einer Ferienwohnung unterkommen, das ist aber nett! Leider einige Kilometer ausserhalb, sogar auf dem Weg, den ich gerade gekommen bin. Er bietet mir an, mich dahin zu fahren. Es ist inzwischen dunkel. Da ich den Weg zurückgefahren werde und morgen nochmals dasselbe Stück zu Fuss gehe, stimme ich zu. Schnell mache ich ein paar Einkäufe, er wartet. Danke!



Bestandsaufnahme auf dem Bett: meine erste Blase auf dieser Tour. Nicht schlimm, ich öffne sie mit einer Nadel und lasse sie ohne Pflaster über Nacht trocknen. Ich entferne Blasen immer sofort wenn ich sie bemerke. Druck- und Reibepunkte werden damit unterbunden.

Was ich nicht als kritisch wahrnehme, was aber kritischer ist, sind das geschwollene Fussgelenk (A), und die Flecken (B). Ich reibe zwar das Gelenk ein, aber ich hätte einen Tag mit kurzer Distanz einlegen sollen, Good Vibrations hin- oder her. Von St-Genix-sur-Guiers nach Les Abrets waren es auch nochmal 14 km, also auch heute wieder eine 40 km Etappe.

Die Flecken bekomme ich scheinbar durch Überhitzung des Fusses in den Stiefeln. Es ist aber zu kalt um Pausen zu machen, die lange genug sind, um wirksam zu sein. Ausserdem sind die Tage recht kurz und ich will (oder muss, wie in Frangy) relativ grosse Distanzen gehen.

Ich trage Meindl Air Revolution 2.0, Leder-/Kunststoffstiefel mit Gore-Text Membran. Die Schuhwahl ist mir im Vorfeld sehr schwer gefallen. Habe die Schuhe rund 500 km eingelaufen über ein Jahr verteilt, bin mir aber immer noch nicht sicher, ob es der richtige Schuh für mich ist.

Für heute mache ich mir weiter keine Gedanken darüber. Ich koche mir was, trinke ein paar Büchsen Bier und schlafe selig ein.

3 Comments:

Anonymous Neo-Bazi said...

Ganz ausgezeichneter Bericht. Danke, daß du uns mitnimmst.

11/09/2006 9:12 vorm.  
Blogger MudShark said...

das ist keine blase, das ist ein aussentank!

11/09/2006 11:33 vorm.  
Blogger Markus Quint said...

Hätte man mich gefragt, welcher Volksstamm auf die Idee kommt, ein Ortsschild an einem Einbahnstraßenschild zu befestigen - ich hätte sofort an die Gallier gedacht.

11/25/2006 7:25 nachm.  

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