Tag 42: Aire-sur-l'Adour(F), 0°C



Ich habe gut geschlafen nach der Behandlung gestern. Eigentlich habe ich heute meinen freien Tag und könnte ausschlafen, aber ich stehe mit Simon auf und frühstücke mit ihm zusammen in der ansonsten leeren Herberge. Die Herbergsmutter hat für uns das Frühstück gestern Abend vorbereitet und zusammengestellt.
Simon geht nach dem Frühstück los, es ist recht kalt heute Morgen, auf den Autos und den Dächern liegt eine dünne Schneeschicht.

Ich gehe in die Messe in das Kloster Karmel. Erst beim Schreiben des Berichts sehe ich im Internet, dass das Kloster recht gross ist. Vor Ort habe ich nur den kleinen Innenhof und die Kirche gesehen.



Nach der Messe im Karmel laufe ich an la Cathédrale Saint-Jean-Baptiste vorbei, der Kathedrale Johannes des Täufers, dort läuten die Glocken zur Hauptmesse. Ich habe ja nichts zu tun, daher gehe ich in die Kathedrale. Direkter Vergleich weltliche vs. geistliche Kirche!

Das architektonische Rennen gewinnt zweifellos die weltliche Kirche. Die Fassade ist schon recht interessant und ungewöhnlich, das Innere ist ebenfalls speziell:



Drei grosse Chorräume nebeneinander, jeder gross genug für eine eigene Kirche.



Die Atmosphäre in der Kirche ist seltsam, ich empfinde sie als gefühllos und kalt, ohne sagen zu können warum. Vielleicht bin ich einfach nur müde und etwas erschöpft. Ich kaufe mir in einem der geöffneten Geschäfte frisches Brot und verschiedene Sorten Käse, gehe zurück in die Herberge. Dort esse ich, der Käse ist köstlich. Danach schlafe ich eine ganze Weile.
Nachmittags gehe ich spazieren in der Stadt. Auf einer Anhöhe steht noch eine grosse Kirche, die recht interessant aussieht.



Église Sainte-Quitterie d'Aire, geschützt als Welterbe der UNESCO.



Die Türe ist verschlossen. Während ich mit das Portal anschaue, schlüpft eine Dame mit einem grossen Stapel Wäsche auf dem Arm durch eine Seitentüre. Kurzentschlossen gehe ich ihr nach.



Die Dame bringt frische Tischtücher für den Altar. Sie deutet mit ihren Fingern an, dass sie in 10 Minuten schliessen wird. Aus dem Altarraum rechts höre ich jedoch Stimmen und gehe vor, nachdem ich der Dame mit einem Nicken versichere, zeitig zu gehen. Die Stimmen kommen aus der Krypta. Ich steige eine neugebaute Treppe hinunter.



Die Gruppe besichtigt einen interessanten Altar.



Die Krypta ist gross und ungewöhnlich, da sie aus dem Altarraum oben einzusehen ist.



Eine Darstellung der heiligen Quitterie, nach der diese romanische Kirche benannt ist. Diese Heilige war mir nicht bekannt. Ihre Legende berichtet folgendes.

"Die hl. Quitterie soll von den arianischen Westgoten verfolgt und enthauptet worden sein. Nach ihrer Enthauptung soll sie bis zur Quelle gegangen sein, wo sie dann ihr Haupt niedergelegt habe. Deswegen sei dieses Wasser auch wunderkräftig.

Der Glaube an die Wunderkraft dieser Quellen wurde von lokalen Heiligenkulten begleitet, von denen sich einige weiter verbreiteten, so der Kult der hl. Quitterie. Der Legende nach war sie eine von 9 Töchtern. Weil sie sich weigerte, zu heiraten, köpfte ihr Vater sie. Quitterie soll dann ihren Kopf aufgehoben haben und ihn auf einem Tablett in die Kirche getragen haben, deren Türen sich vor ihr öffneten. Sie stieg in die Krypta hinab, legte sich in das Grab, das sie vorbereitet hatte und starb. Der sehenswerte frühchristliche Sarkophag aus weißem Marmor wurde im 4.Jh. gehauen und steht immer noch am ursprünglichen Platz. Er zeigt Christus im vornehmen Gewand und fürstlicher Szene. Die wunderkräftige Quelle im Süden von Aire-sur-l'Adour entspringt an dem Ort, an dem ihr Haupt zu Boden gefallen sei. Ihre heilenden Kräfte wirken besonders bei Kopfschmerzen, Irrsinn und Tobsucht.
" (Quelle http://home.arcor.de/schaefer.sac/rwf/sdc/LEGENDEN.PDF)

Das kann man auch anders ausdrücken:

"Auf einem Hügel bei Aire-sur-L´Adour, da quoll einst eine Quelle hervor, eine ganz und gar heidnische. Und die Quellgöttin ließ sich verehren und sich Opfer bringen. Wilde Tänze halbnackter wolllüstiger Weiber und ganz nackter viriler junger Männer, die zu nächtlichen Stunden immer, und immer wieder, Leben schufen, erfreuten die Göttin. Doch plötzlich tauchte die Idee auf, dass man jungfräulich gebären sollte. Und auch die junge Gotenprinzessin Quitterie, obwohl schon verlobt, wollte ihre Jungfräulichkeit nicht irgendeinem dahergelaufenen Prinzen, sondern dem Herrn selber schenken. Dieser hatte auch nichts dagegen. Sehr wohl aber der Prinz. Zu viele angestaute Hormone verwirrten seinen Geist und er hackte der Verloben kurzerhand den Kopf ab. Und schuf damit eine Heilige. Eine gute Tat? Zumindest diskussionswürdig. Die gute Quitterie verlor darüber aber nicht den Kopf in dieser heiklen Situation. Denselben flugs unter den Arm geklemmt und losmarschiert. Bis zum Standort der heutigen Kirche. Und dem Kopfablageplatz entsprang eine Quelle. Heilbringendes Wasser strömt daraus heute noch unterhalb der Krypta. Auch wenn die Reste Quitteries, die bis zum 16. Jahrhundert in einem Sarkophag lagen, nicht mehr da sind. Opfer im Streit um den echten Glauben vergangener Zeiten.
Wie gesagt, bereits die Kelten haben diese Quelle hier verehrt, die Römer, auch keine Heiden, knallten einen Tempel über das keltische Heiligtum. Und die Christen schliffen den Tempel und bauten die Kirche. Und bekämpften sich dann gegenseitig noch im Streit um die wahre Wahrheit. An diesem Ort kann man glauben, was man will, man liegt immer richtig. Und sollte jemand bei so viel Glauberei den Verstand verlieren, dann kann er ja die heilige Quitterie anrufen, den sie ist die Spezialistin für Geisteskrankheiten. Und es sollen besonders viele Spanier hierher pilgern. Sagen die Franzosen." (Quelle: http://www.mott-solutions.at/jakobsweg/if-woche09.htm
)



Wie auch immer, ich finde einige schöne Steinmetzzeichen. Die mir bekannten aus Deutschland sind meist geradlinig oder eckig.





Blick auf die Stadt. Sie ist etwas verschlafen an einem winterlichen Sonntagnachmittag.
Ich plane die Wochenetappen und nehme mir Grosses für den nächsten Sonntag vor: Pamplona in Spanien!

1 Comments:

Anonymous Opa Edi said...

St. Pauli grüßt St. Jakob. :-)

1/27/2007 11:47 vorm.  

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