Tag 47: St-Jean-Pied-de-Port(F)-Roncesvalles(E), 6h, 0°C



Heute steht die Pyrenäenüberquerung an. Die Herbergsmutter Jean aus dem Gite hat jedem dringend abgeraten den Camino zu gehen. Die anderen Pilger aus dem Gite werden alle entlang der Strasse gehen.
Ich fühle mich gut, trotz des schlechten Schlafes heute Nacht. Mit Simon zusammen werde ich den Übergang auf dem Camino wagen, wir haben viel Schnee und schlechtes Wetter gesehen die letzten Wochen und sind gut eingelaufen. Wir müssen von 180 Hm auf 1440 Hm, ansich nicht sehr hoch. Zudem ist durch die milde Witterung der letzten zwei Tage der Schnee sichtbar geschmolzen. Manchmal werden Pilger bei Schlechtwetter angeblich am Anstieg von der Polizei zur eigenen Sicherheit abgefangen. Heute morgen steht niemand am Weg, es kann losgehen.



Während des Aufstiegs beginnt es zu regnen. Wir gehen die Sache langsam an und laufen gleichmässig.



Riesige Vögel begleiten uns und drehen ihre Kreise über uns. In den Pyrenäen gibt es Adler und Geier. Vom Flugbild her handelt es sich hier um Adler, mehrere der Tiere schrauben sich in die Höhe.



Dann beginnt es windig zu werden. Innerhalb kurzer Zeit verwandelt sich der Wind in einen orkanartigen Sturm, der von der Seite her auf uns zurast. Über meinen Rucksack habe ich wegen des Regens die (integrierte) Rucksackhülle gezogen. Der Sturm ist so stark und böig, dass er mir den Regenschutz runterreisst und die Trinkflasche und Matte wegfliegen.

Bis ich die Sachen einsammele ist Simon 100 m weiter. Ich rufe ihm nach, dass er warten soll, er kann mich aber nicht hören wegen des Sturms. Handschuhe raus, auf den Finger pfeifen, nichts zu machen. Dann ziehe ich die Trillerpfeife aus der Hosentasche. Simon ist inzwischen 200m weiter. Der Ton der Pfeife ist wirklich laut und durchdringend, kein Problem gegen den Sturm anzupfeifen. Die Pfeife trage ich seit Jahren mit mir bei Touren, heute ist ihr erster Einsatz, recht überzeugend.

Ich muss den Rucksack besser verschnüren, das dauert eine Weile. Wenn ich schon dabei bin, packe ich auch eine Tafel Schokolade aus und ein kleines Brot. Die Schokolade schiebe ich in das Brot, ich möchte rechtzeitig Energie nachladen. Wer weiss wie das Wetter noch wird. Simon möchte nichts essen, ich esse im Gehen.



Auf den Bildern kann man die Kraft und Aggresivität des Sturms nicht erahnen. Der Wind brüllt so laut, dass man nichts anderes hören kann. Das eigene Keuchen nicht, die Schritte nicht. Durch den Rucksack wird man auf ständig hin- und hergerissen. Ich bin froh um jeden Felsen, jede Kuppe die etwas Windschatten bietet für Sekunden.

Es gibt unterwegs ein paar kleine Windschutzwände aus Beton, wohl für Notlagen. Zum Glück müssen wir sie nicht in Anspruch nehmen.



Nachdem wir etwas von den ungeschützen kahlen Lagen weg sind, wird der Schnee tiefer. Es ist zeitweise schwierig die Wegmarkierungen zu finden. Nur selten sind sie gut sichtbar auf Pfählen angebracht wie diesem hier. Oft sind sie auf die Felsen am Boden gemalt und bei dem Schnee natürlich nur schlecht zu erkennen.



Ein schlichter Pflock mit der Inschrift Navarra. Ist das die spanische Grenze? Wahrscheinlich schon, willkommen in Spanien!

Dann wird es abenteuerlich. Der Schnee ist verweht, teilweise versinke ich bis an die Hüften. Dazu setzt Schneetreiben ein. Im Schnee sind verwehte Reste von Fussspuren zu sehen. Ich gehe davon aus, dass sie auf dem richtigen Weg führen. Das erleichtert die Orientierung, die sehr mühsam wird. Ich gehe vor und spure den Weg. Die Energiebombe vorhin war genau richtig. Das Spuren ist sehr anstrengend, Simon hat Schwierigkeiten, obwohl er hinter mir läuft. Unsere Schritte passen nicht genau, er ist ein Kopf kleiner als ich. Wenn ich nicht den festen Pfad treffe unter der Schneedecke, sinke ich jedes Mal tief ein. Für eine Distanz, die wir normalerweise in wenigen Minuten gehen würden, brauchen wir jetzt eine Viertelstunde.



Nebel zieht auf. Ich bin froh, hier nicht alleine unterwegs zu sein. Pilger, die ihren Camino untrainiert in Saint-Jean-Pied-de-Port beginnen, würde ich bei schlechter Witterung diesen Weg nicht empfehlen. Das kann ganz schön ins Auge gehen, insbesondere, wenn man nicht gut ausgerüstet ist oder in Dunkelheit gerät. Bei gutem Wetter ist die Passage wohl kein Problem und bietet bestimmt schöne Aussichten in die Berge und vielleicht sogar bis zum Atlantik.



Dann haben wir es geschafft, es geht bergab. Das Wetter ist auf dieser Seite wesentlich ruhiger, der Nebel verzieht sich. Es ist wohl etwas wärmer, der Schnee ist sehr nass und dadurch rutschig.



Endlich auch wieder ein ordentlicher Wegweiser. Wir sind auf dem richtigen Weg. Hier oben quert eine andere GR Wanderroute, ich möchte mich nun nicht verlaufen.



Der Abstieg ist spannend, Wegmarkierungen sind nicht einfach zu sehen. Der Weg schlängelt sich durch die Bäume, wir rutschen in hohem Tempo den Pfad hinab. Das ist bei dem Schnee einfacher als langsam zu gehen.



Kurz unterhalb der Schneegranze kommen wir aus dem Wald und stehen unvermittelt vor einer massiven Anlage. Roncesvalles, wir sind nun definitiv in Spanien.



Roncesvalles (baskisch Orreaga, französisch Roncevaux, wörtliche deutsche Übersetzung etwa Tal der Dornensträucher) ist ein Dorf in der Autonomen spanischen Region Navarra. Es liegt am Fluss Urrobi auf einer Höhe von 1.066 m am südlichen Fuß des Ibañeta-Passes (span. Puerto de Ibañeta, frz. Col de Roncevaux).

Die Bekanntheit des Ortes ergibt sich neben seiner Eigenschaft als Pilgerstation durch die Schlacht bei Roncesvalles am 15. August 778. Dabei wurde die Nachhut des Truppenzuges Karls des Großen unter der Führung von Roland durch die ortsansässigen Basken vernichtet, was die historische Grundlage für das fast 10.000 versige Rolandslied bildete.



Das Augustinerkloster aus dem Jahr 1132 ist das alles überragende Zentrum des Ortes, der ansonsten nur 24 Einwohner zählt.

Wir sind recht ausgepowert und essen erstmal, vom Regen geschützt, in einem Durchgang des Klosters. Es ist jedoch zugig und kalt. Im Restaurant am Platz wärmen wir uns dann und trinken eine heisse Schokolade. Wir können im Kloster unterkommen, es gibt dort einen Schlafraum mit Stockbetten. Simon ist Atheist und will eigentlich nicht in einem Kloster übernachten, viel Alternativen gibt es jedoch nicht.
Der Schlafteil hat mit dem Kloster selbst jedoch nicht viel zu tun, er hat auch einen eigenen Zugang. Viele der Pilger von gestern aus dem Gite treffen wir wieder, auch den entstellten Iren. Der ist guter Dinge, als ob nichts gewesen wäre. Das kann ja heiter werden heute Nacht.
Es kommen auch andere Pilger, die ich noch nicht gesehen habe, unter anderem ein Deutscher aus Darmstadt, Ollie. Er studiert, hat Semsterferien und möchte in 20 Tagen nach Santiago laufen. Das stelle ich mir jedoch sehr sportlich vor, immerhin sind es über 800 km.



Im Innern des massiven Kreuzganges liegt meterhoch der Schnee. Der Pater bei der Einschreibung hat uns für heute Abend um 20 Uhr zur Pilgermesse eingeladen. Er gibt uns auch den Tip, dass wir im Restaurant einen Tisch als Pilger reservieren sollten.

Ich mache das und reserviere einen Tisch für 4 Personen. Simon, Ruud aud Holland, Ollie und mich.



Die Kirche des Klosters bietet einen ungewohnten Luxus: Sie ist beheizt. Im Gegensatz zu den Kirchen in Frankreich, die bis auf die Kapellen in Le-Puy und Moissac ungeheizt waren.



Im Altarraum der alten Kirche ist eine interessante Installation mit einem goldenen Himmel. Überhaupt, sehr viel mehr Gold als in französischen Kirchen ist zu sehen.



Altar des Jakobus (des Älteren) , zu dessen Grab ich unterwegs bin. Er heisst auf Spanisch Santiago.

Im Neuen Testament ist Jakobus der Sohn des Zebedäus und der Salome. Er war, ebenso wie sein Vater und sein Bruder Johannes, Fischer am See Genezareth und arbeitete gemeinsam mit Andreas und Simon Petrus (Mt 4,21 und Lk 5,10). Jakobus gehörte wie sein Bruder Johannes und Simon Petrus zu den erstberufenen Jüngern (Mt 4,21). Diese nahmen eine besondere Stellung im Kreis der Jünger ein (Mt 17,1; 26,37 Lk 8,51). Jakobus und Johannes wurden von Jesus wegen ihres Glaubenseifers "Boanerges", Donnersöhne, genannt (Mk 3,17). Nach der Auferstehung befindet sich Jakobus mit den anderen Aposteln in Jerusalem (Apg. 1,13). Unter der Herrschaft des Herodes Agrippa I. über ganz Judäa (41-44 n. Chr.) wurde er 44 n. Chr. mit dem Schwert hingerichtet (Apg. 12,1f). (Quelle Wikipedia)


Die Messe abends ist sehr eindrücklich. Nur wenige der Pilger sind dort. Einige waren augenscheinlich sehr lange nicht oder noch nie in einer Messe und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie werden jedoch ohne Aufsehens integriert. Die Mönche halten eine Begrüssung in den Sprachen der Anwesenden. Ruud aus Hilversum in Holland ist um die 60 Jahre als. Er kann als einziger einen lateinischen Wechselgesang mitsingen. Mit Tränen in den Augen sagt er nach dem Ende der Messe, dass er seit vielen Jahren keinen Gottesdient mehr besucht hätte. Als Kind hat er die Texte gelernt und sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten zur eigenen Überraschung intonieren können.

Wir gehen dann in das Restaurant, nach Vorlage des Pilgerausweisses dürfen wir in einem Seitenraum Platz nehmen. El menú del peregrino. Neue Sprache, neues Glück. Spanisch beherrsche ich so gut wie französisch: nicht.
Wir haben einen Tisch für sechs Personen, Neil und seine Frau Terry aus Neuseeland setzen sich zu uns. Zur Vorspeise gibt es Paella. Danach gegrillten Fisch, Kartoffeln und Salat. Der Wein riecht vorzüglich, ich trinke jedoch Wasser. Die Stimmung ist ausgezeichnet.

Als wir das Restaurant nach einer Weile verlassen, liegt kniehoch Schnee. Aus dem Nichts ist eine Weihnachtslandschaft gezaubert worden.

Der Schlafsaal hat sich noch weiter gefüllt und ist fast voll.

1 Comments:

Anonymous Thomas Hartmann said...

Dass Ihr bei dem Wetter den Übergang gewagt habt und dann auch noch so tolle Bilder gemacht habt ist bemerkenswert.

12/06/2010 3:20 nachm.  

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