Tag 48: Roncesvalles(E)-Pamplona(E), 11.5h, 4°C



Die Nacht war gut, ich hatte mir aus Papiertaschentüchern Ohrenstöpsel gebastelt und konnte durchschlafen. Von dem Iren war nichts zu hören, er war selbst wohl auch so müde nach seinem ersten Tag laufen, dass der Schlaf stärker war als der Juckreiz.

Beim Aufstehen denke ich an den Schnee von gestern abend, der in kuzer Zeit fast knietief gefallen waren. Liegt er heute Morgen hüfthoch? Ich gehe gleich raus, um nachzusehen. Es liegt gar kein Schnee mehr, dafür regnet es stark. Anziehen, fertigmachen, wir gehen los. Erst mal die grosse Meute abhängen, und nachher in einer Bar frühstücken. Ich lege die komplette Regenkleidung an. Es regnet wirklich heftig, überall steht und fliesst Wasser. Innerhalb einer halben Stunde bin ich komplett durchnässt, das Gore-Text kommt gegen diese Dusche nicht an.
In einem Stiefel steht das Wasser, die Gore-Schicht ist also kaputt. Der andere Stiefel hält einigermassen. Wir laufen auf der Strasse, da der Camino überflutet ist.

Die Ortschaften unterwegs sind menschenleer, keine Bar, kein Geschäft. Das ist der erste Unterschied zu Frankreich, wo die Bars schon um 6 Uhr morgens geöffnet haben.

Nach zwei Stunden laufen haben wir ordentlich Hunger. In einem Ort hat sogar ein Geschäft geöffnet, allerdings ohne Schild aussen, wir laufen fast daran vorbei. Es sieht von aussen aus wie ein normales Wohnhaus. Ich kaufe Brot, Käse, Salami und Milch. Und eine Tafel Schoklade, ich habe ja gestern die Notfall-Tafel aus dem Vorrat gegessen. Im Regen im Freien zu essen wäre zu trist, ich rüttle an der Tür einer Turnhalle und - sie ist offen. Es ist eine Pelota Vasca Halle, ein Spiel, bei der ein kleiner Ball mit länglichen Körben an die Wand geschleudert wird, ähnlich wie beim Squash. Wir essen wortlos, es herrscht eine sonderbare Stimmung. Wir sind beide vom Wetter genervt, durchgefroren und durchnässt. Ich möchte noch eine Bar suchen und einen Kaffee trinken, Simon möchte weiterlaufen.

Na gut, kein Problem. Wir werden versuchen uns in Zubiri zu treffen heute Nachmittag und verabschieden uns. Ich werde weiter die Strasse laufen, Simon wird sich auf dem Camino versuchen. Seine schweren Volllederstiefel sind auch nicht ganz geeignet für Asphalt, im Schlamm kann er viel besser abrollen.



Ich finde dann tatsächlich eine Bar und trinke erst mal einen grossen Becher heissen Café, herrlich. Was für ein Wetter! Die Gegend ist aber auch ein Wetterloch, wo der Regen vom nahen Atlantik wohl tagelang hängenbleiben kann. In der Bar sind inzwischen auch andere Pilger eingetroffen. Terry und Neil von gestern abend sind da, die beiden Neuseeländer. Sie haben 6 Monate auf einem OP-Schiff vor der Küste Liberias Menschen kostenlos am Grauen Star operiert. Den Camino laufen sie nun zur Erholung und zum Ausgleich.

Wir gehen weiter. Erstmals laufen Pilger vor mir, wie es wohl im Sommer der Normalfall ist.



Wider Erwarten legt sich dann der Regen. Das Wasser strömt überall von den Hängen und sammelt sich in den Tälern.


In Erro ist der Rio Erro beachtlich über die Ufer getreten. Ich laufe weiterhin auf der Strasse, der Camino scheint mir zu riskant. Es geht nun hoch über der Erro-Pass auf 801 Hm.



Neue Schilder auf der Passhöhe, die Camino-Schilder werden mich quer durch Spanien begleiten.






Die Gegend ist unterwartet bewaldet.



Zubiri, der baskische Ortsname bedeutet Dorf an der Brücke. Die gotische Brücke ist erhalten geblieben und noch heute der Weg der Pilger.



In Zubiri gehe ich auf den Camino. Ich habe Simon nicht angetroffen, er ist schon weitergelaufen, wie ich am Profil seiner Abdrücke im Schlamm sehe. Dafür stosse ich auf Terry und Neil. Die Strasse war wohl ein Umweg, die beiden sind den Pfad gegangen.



Bis Larrasoaña laufe ich mit den beiden. Es ist ihr erster Tag, sie übernachten hier im Gite, wie die meisten der anderen Pilger auch.



Die Kirche von Larrasoaña, der Vorraum ist Nounterkunft für Pilger. Der Ort hat historisch eine grosse Bedeutung für Pilger, es gab früher eine Blasius- und Jakobsbruderschaft sowie ein Augustinerkloster, die sich alle um die Pilger gekümmert haben.



Ich gehe alleine weiter, ziehe das Tempo an, vielleicht kann ich Simon einholen.



Der Baustil hat sich verändert, typisch die unverputzten Steine um die Türe.



De Weg geht längs des Rio Arga. Der beginnt jedoch über das Ufer zu treten. Ich bin jedoch seit Larrasoaña auf der "falschen" Seite des Flusses, gegenüber der Strasse. Entweder muss ich einen Weg finden oder wieder zurück nach Larrasoaña.



Ich gehe seitlich durch die Gebüsche, doch dann wird es wirklich spannend. Ich komme zwischen die Überschwemmungen. Jetzt muss ich durch die dornigen Sträucher. Wenn das einige Kilometer gehen sollte, laufe ich noch in Stunden.



Ich komme dann doch einigermassen zügig durch. Es bleibt jedoch kritisch. Durchgehen oder nicht? Ein frischer Erdrutsch zeigt den Ernst der Lage. Vorsichtig gehe ich an der Stelle vorbei, es ist jedoch lebensgefährlich, wie ich mir erst später eingestehe. Es geht sicher 50 m fast senkrecht abwärts, wenn der Hang nachrutscht hätte ich wenig Chancen.



Dann komme ich gegen Abend in die Vororte Pamplonas. Der Rio Ulzama führt viel Wasser und drückt sich unter der alten Brücke durch. Spaziergänger stehen am Ufer, es ist Samstagabend.



Dann komme ich in die Vororte, Villava-Burlada. Der Weg ist durch gelbe Pfeile an Hauswänden und Schildern markiert, trotzdem verliere ich ihn im Gewimmel aus den Augen.



Dann komme ich nach Pamplona, die erste Stadt seit Genf - ich könnte ehrlich gesagt auf eine Stadt verzichten. Lärm, Gestank und Hektik. Es sind viele Schaulustige auf den Beinen, tiefergelegene Stadtgebiete stehen unter Wasser, meist nur jedoch Hallen, Sportplätze und Gartenlauben. Da ich die Pfeile aus den Augen verloren habe, muss ich am Ende dieser langen Woche noch einen Umweg über eine Haupteinfallstrasse in die Stadt laufen.

Pamplona oder baskisch Iruña ist die Hauptstadt der spanischen autonomen Region Navarra mit 191.865 Einwohnern. Es gibt im Winter momentan keinen Gite, das bereitet mir etwas Sorge. Die Touristeninformation hat geschlossen, ich habe jedoch den Namen einer Herberge. Die suche ich und finde sie dann auch, sie ist mitten in der Altstadt. Ich nehme in der eher zwielichtigen Absteige ein Zimmer für zwei Personen, es liegt auf der Strassenseite. Simon will auch in Pamplona übernachten, und das hier ist wohl die einzige bezahlbare Adresse momentan.

Dann gehe ich aus. Samstagabend in einer Stadt, die das Zentrum der ganzen Provinz ist. Sehr viele Leute sind unterwegs. Ich gehe nach einem kleinen Stadtbummel essen. Danach noch etwas flanieren in meiner verschlammten Kluft, dann gehe ich zurück in die Herberge. Ich frage nach Simon, er ist in der Pension, aber nicht anwesend. Ich kann eine Nachricht in seinem Zimmer hinterlassen. Er hat ein Minizimmer, vielleicht will er ja umziehen, falls er morgen einen Ruhetag machen will wie ich.

Dann lege ich mich schlafen. Diese Woche war anstrengend aber schön. Lange Etappen, viel Regen und Schlamm, aber schöne Landschaften und die Pyrenäenüberquerung.

2 Comments:

Anonymous Jörg Weisner said...

Andie,
vielen Dank für Deine ausführlichen Beschreibungen und die vielen Bilder.

Ich bin über einen Vortrag, den ich nächste Woche in Köln über den Jakobsweg hören will, neugierig geworden.
Das Buch von Hape Kerkeling war mein erster Einstieg.
Dann ein bisschen gegoogelt und schon war ich auf Deinem Blog.
Es hat mich die letzten 2 Stunden gefesselt.
Bin gespannt auf Deine nächste Berichte. Dir noch viel Erfolg bei Deiner Pilgertour und wenig Blasen ;-)

2/03/2007 8:57 nachm.  
Anonymous andie kanne said...

Hallo Jörg, viel Spass auf dem Vortrag! Freut mich, dass ich Dich 2h fesseln konnte mit dem Blog.

2/06/2007 8:39 nachm.  

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