Tag 34-35: Moissac(F)



Ein herrlicher Tag heute. Kalt, aber strahlend blauer Himmel. Nach dem Frühstück gehe ich in die Stadt hinunter und suche ein Internetcafe. Es gibt keines, was mich bei einer Stadt von knapp dreizehntausend Einwohnern etwas wundert. Immerhin gibt es ein Zentrum für Jugendliche, das noch ein paar Stunden offen hat und einige Computer mit Internetanschluss bietet.

Zurück im Stadtzentrum setze ich mich später in ein Cafe und geniesse den wunderbaren Tag Auf dem zentralen Platz ist Markt, der allerdings recht früh abgebaut wird.



Dann sehe ich mir in Ruhe das absolute Highlight der Stadt an. St-Pierre, eine ehemalige Benediktinerabtei.



Das Portal des ehemaligen Klosters gilt als das großartigste Portal in Südwest-Frankreich und zusammen mit dem Kreuzgang ist es eines der Hauptwerke der europäischen Skulptur der Romanik überhaupt.
Dieses Portal ist das einzige, was von der ehemaligen Abteikirche erhalten geblieben ist. Die übrige Kirche wurde vor allem während der Albigenserkriege von 1207 bis 1214 schwer beschädigt. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde auf den romanischen Resten eine gotische Kirche errichtet.



Blick nach Osten in der Kirche. Am Abend gegen 6 Uhr ist vorn in der Kirche eine Vesper von Nonnen. Es war ein junge Nonnen dabei mit einer fantastisch klaren Stimme als Vorsängerin. Sie konnte das grosse Kirchenschiff problemlos mit einem grossartigen Klang füllen.



Blick nach Westen zum Eingang und dem Turm.



"Das Tympanon wird auf 1120/30 datiert und ist damit eines der ältesten überhaupt. Aber es geht nicht nur um das Tympanon, sondern auch um die Standbilder in den Seitengewänden und vor allem um den Trumeaupfeiler in der Mitte des Eingangs. Das ganze Portal wurde zwischen 1110 und 1131 geschaffen, also in der berühmten Phase des Wiedererstehens der plastischen Bildkunst nach den langen Jahren der ideologischen Verdammung der Plastik überhaupt in der Zeit des frühen Christentums und des beginnenden Mittelalters. Besonders in Frankreich ist zu Beginn des 12. Jahrhunderts eine ganz neue Bewegung durch die Bildhauerei gegangen." (Quelle Wikipedia)



Bei der obigen Quelle in Wikipedia ist eine umfassende und detailierte Beschreibung dieser Szene zu finden.

"Verkündigung und Heimsuchung
Hauptthema der gesamten Anlage ist die Parusie, die zweite irdische Erscheinung Christi als Richter des Jüngsten Gerichts. Die untere Partie des rechten Gewändes: links und rechts jeweils die Zweiergruppen der Verkündigung und der Heimsuchung, also zwei Szenen vor der Geburt Christi. Das sind typische Themen an den Portalen, die später in der Gotik ebenfalls verwendet werden. Hier haben wir die gleichen erregt überlängten Figuren wie im Tympanon. Deutlich ist zu erkennen, dass -wie immer bei großen Portalanlagen- nicht nur ein Künstler verantwortlich ist, sondern mehrere. Die rechte Gruppe der "Heimsuchung" ist deutlich bewegter und elegant-fließender gestaltet als die eher statische Gruppe links. Auch die Gewandfaltung ist deutlich unterschieden.

Anbetung
Die beiden kleineren Szenen, die sich im selben Bogenfeld darüber befinden, beziehen sich deutlich aufeinander, gehören eigentlich zusammen, werden aber durch die Säule getrennt. Beide bilden die altbekannte "Anbetung": links die drei Weisen aus dem Morgenland, rechts Maria mit dem Kind. Diese Szene wird auch als die erste Parusie Christi bezeichnet, sein erstes Erscheinen auf Erden als menschliches Wesen im Gegensatz zur zweiten Parusie nach seinem Tod als Richter des Jüngsten Gerichts.

Flucht nach Ägypten und Darstellung im Tempel
Der schmale Steifen über dem doppelten Bogenfeld zeigt drei verschiedene Szenen. Ganz links ist die Stadt Sotine und der Sturz der Idole dargestellt, eine mittlerweile kaum mehr bekannte Geschichte, dann die Flucht nach Ägypten im Zentrum und rechts die Darstellung im Tempel in einem unglaublich gut erhaltenen Zustand, vor allem, wenn man diese Szene mit dem heutigen Aussehen der Großplastiken darunter vergleicht. Sämtliche Gewandfalten, alle Bewegungsgesten und Gesichter dieser Gruppe sind seit 1120 unbeschädigt geblieben. Man könnte den dunklen Verdacht hegen, dass diese Tafel nicht immer hier angebracht war, sonst wäre wohl kaum ausgerechnet der Teil am besten erhalten, der dem Regen am stärksten ausgesetzt ist."




Auch für das linke Gewänd führt die Quelle eine umfangreiche Beschreibung an.

"Geiz/Habsucht
Die Zweiergruppen auf der anderen Gewändeseite lassen schon eher erkennen, dass sie vor nunmehr knapp 900 Jahren angefertigt wurden. Ihr vergleichsweise schlechter Erhaltungszustand hat nichts damit zu tun, dass hier die Sünden und Laster dargestellt sind. Hier sieht man eine von einem kleinen Teufel wortwörtlich besessene Figur, die den Geiz oder die Habsucht, die avaritia darstellt.

Völlerei
Die berühmte rechte Zweiergruppe stellt eine andere der sieben Todsünden dar, die Völlerei, die Luxuria. Von den beiden Figuren weist die teufelsähnliche Gestalt links einen prallgefüllten Bauch auf, darüber aber die bloßen Rippen, die an ein Skelett erinnern und darauf hinweisen sollen, dass auch der im Luxus Lebende dem Tode geweiht ist. Bei der weiblichen Gestalt rechts hat der Bildhauer zu einem ähnlich drastischen Motiv gegriffen. Hier gehen die Brüste nach unten in Schlangen über, die sich gegen den eigenen Körper wenden. Eine Kröte greift ihr Geschlechtsteil an. Hier wird also nicht nur gegen die Völlerei, sondern auch gegen die Sexuallust gewettert.

Stolz, Habsucht, Unkeuschheit und die gesellschaftlichen Veränderungen des beginnenden 12. Jahrhunderts
Diese unmittelbare Verbindung von Habsucht und Unkeuschheit auf dieser Gewändeseite, die in vielen romanischen Bildprogrammen Südfrankreichs verbreitet ist, ist auch ein Ausdruck zeitgenössischer gesellschaftlicher Veränderungen. Das was jetzt als Quelle allen Übels die Habsucht ist, war vorher einmal das Laster des Stolzes. Stolz war aber nicht mehr zeitgemäß, wohl aber die Habsucht. Was hat sich hier historisch verändert?

Etwas kurz gefasst ist Stolz eine Haltung sich selbst gegenüber, Habsucht aber eine Handlung, die auf andere übergreift. Hier wird eine neu entstandene und wachsende Schicht der Gesellschaft angegriffen, die gerade durch die Ansammlung materieller Mittel - durch Geldverleih, Warenproduktion und Handel - als städtische Bürgerklasse sich zu etablieren im Begriff steht. ...

Die großen damals neuen gotischen Kathedralen, die immens teuer waren, waren überhaupt nur deswegen finanzierbar, weil der traditionelle Warenverkehr und das feudal-persönliche Verhältnis auf dem Land durch den neuen Geldhandel in der Stadt allmählich ersetzt wurde. Und diejenigen Gesellschaftsschichten, die den Geldhandel kontrollierten, wurden jetzt zu Beginn des 12. Jahrhunderts reich und sie werden hier in Gestalt der Habsucht an der Seite des Luxus symptomatisch verdammt – sicher von Leuten, die wesentlich weniger Geld hatten. (Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur - Skulptur - Malerei. Köln 1996, S. 344)

Aber nicht nur das: hier äußert sich das Unbehagen an einer großen gesellschaftlichen Veränderung. Durch den neuen Geldverkehr wurde der Einzelne von seiner Verpflichtung aus feudaler Abhängigkeit zunehmend befreit, da er immer häufiger bezahlen konnte, was er zuvor durch persönlichen Dienst zu erbringen hatte. Und die Unkeuschheit – diese Figur rechts - wurde in diesem Zusammenhang verstanden als die sinnliche Seite dieses ökonomischen Gewinnstrebens, als eine unerhörte neue Freiheit des Individuums, die die Menschen dem Einflussbereich der Kirche tendenziell entzieht, die zugleich auch die religiösen und moralischen Grundlagen des frühmittelalterlichen Feudalismus in Frage stellt.
So gesehen gehört dieses Reliefprogramm in Moissac weniger einer allgemeinen religiösen Anklage gegen die dort dargestellten Laster an, vielmehr entäußert sich in ihm ein klerikal gesteuerter Widerstand gegenüber einer immer stärker werdenden historischen Veränderung der mittelalterlichen Gesellschaft. Man kann solche Reliefs also auch in anderen als rein künstlerischen-formalen Zusammenhängen sehen.

Die Hölle und der Tod des Geizigen
Die oberen kleinen Szenen - noch innerhalb des Rundbogens - sind links die leider schwer beschädigte Darstellung der Hölle und rechts daneben - besser erhalten - der Tod des Geizigen. Der Leichnam des Geizigen liegt in einem plastisch sorgfältig dargestellten Bett, während zu seinen Füßen ein Teufel mit seinem Sack voll Geld abzieht als Hinweis darauf, dass man Geld nicht über den Tod hinaus behalten kann – wenn man bedenkt, was gerade gesagt wurde über die Entstehung der neuen Besitzschichten. Hier argumentiert die Kirche also sinngemäß, dass ihr Einflussbereich über den Tod hinausgeht, der des Geldes aber nicht. Vor dem Bett kniet wahrscheinlich die Gattin, die dünn und ausgemergelt aussieht, weil der Geizige sie zu Lebzeiten nicht ausreichend ernährt hat, - sondern sein Geld wahrscheinlich mit anderen Weibern durchgebracht hat, siehe die Luxuria unten. Aber all sein Kapital hat ihn nicht davor bewahren können, nach dem Tod in die Hölle fahren zu müssen. Seine Seele, die gerade sinnbildlich aus seinem Mund heraus will, wird sofort von einem Teufel ergriffen, bevor der schwebende Engel rettend eingreifen kann.

Geschichte des Lazarus
Die Relieftafel darüber führt in etwa das Thema des Geizes weiter, indem die Geschichte des Lazarus erzählt wird. Ganz rechts ist die Szene des Gastmahls des Reichen in Gegensatz gesetzt zum Tod des Lazarus in der Mitte. Die Szene ganz links zeigt Lazarus in Abrahams Schoß, wie es der Gleichniserzählung von Jesus entspricht aus dem 16. Kapitel des Lukas-Evangeliums, auf das sich diese Darstellung bezieht."




"Damit ist das plastische Programm dieser Portalanlage aber noch nicht erschöpft. Der Pfeiler in der Mitte, der sogenannte Trumeaupfeiler, der das große Tympanon stützt, ist vielschichtig mit ausdrucksgesteigerten Gestalten regelrecht umzogen. ...

Auf der anderen Seite des Portals steht der Prophet Jeremias. In ihm kann man unschwer das lang gestreckte Vorbild für den berühmten Jesaias von Souillac erkennen. Obwohl diese ganzen Gestalten verhältnismäßig flach sind und der Kontur des Trumeaupfeilers angepasst, offenbaren diese Propheten doch in ihrer lebhaften Bewegung das Gefühl innerer Erregung wie beim darüber liegenden Tympanon. Mit äußerster Sorgfalt hat der Bildhauer nicht nur ein absolut neues Motiv in die Geschichte der Plastik eingebracht, sondern auch gleich einen Höhepunkt in der künstlerischen Technik erreicht."




Bei Nacht ist das Portal wunderbar ausgeleuchtet und auch dann sehr eindrucksvoll.



"Der Kreuzgang von Moissac ist neben der Portalanlage die zweite künstlerische Attraktion. Er hat gewaltige Ausmaße und erinnert allein schon mit seiner Größe an die ehemalige Bedeutung dieser Abtei. Mit seinen zehn Marmorreliefs an den Eckpfeilern und seinen ehemals 88 Kapitellen ist er nicht nur einer der umfassendsten, ältesten und schönsten in Frankreich, sondern zugleich der größte und am reichsten ausgestattete Kreuzgang der gesamten Romanik.

Er wurde zwischen 1059-1131 errichtet, ist also wesentlich älter als das Portal. Insgesamt kann man hier 76 erhaltene Kapitelle und zehn Großreliefs besichtigen. Eine in sich geschlossene Thematik ist dabei nicht ablesbar - die dargestellten Themen sind im Gegenteil sehr vielschichtig. Außerdem wurde beim Wiederaufbau des Kreuzgangs im 13. Jahrhundert nach der Zerstörung 1212 die ursprüngliche Anordnung nicht beibehalten.

Die Kapitelle der Säulen enthalten ganze Enzykolpädien von Szenen und Figuren des Alten und des Neuen Testanebts sowie den Taten und Leiden der Heiligen - und sie waren, soviel wir wissen, zumindest teilweise farbig." (Quelle ebenfalls Wikipedia)










Eine ausgezeichnete Beschreibung des kompletten Kreuzgangs in englischer Sprache mit Fotos, Lageplan und Erklärung der einzelnen Arkaden ist hier zu finden.

In der Neuzeit musste der Kreuzgang beinahe dem Eisenbahnbau weichen. Unvorstellbar, wie man überhaupt auf diese Idee kommen konnte.



Im Inneren der Kirche sind einige schöne, teilweise fast 1000 Jahre alte Plastiken versammelt.











Der Gite auf einer Anhöhe über der Stadt. Ruhig um diese Jahreszeit, im Sommer ist hier sicher mehr Betrieb.



Im Essensraum des Gite. Am Wochenende hat ein Seminar stattgefunden in den Räumlichkeiten, von den Teilnehmern wurde ich zum Essen eingeladen. Ich bin immer wieder beeindruckt von den kulinarischen Qualitäten und der Art, mit der die Franzosen das Essen zum einem Fest machen.



Blick über die Stadt, im Hintergrund ist die Tarn zu sehen, die in der Nähe in die Garonne mündet.



Blick etwas weiter nach links, die historische Altstadt mit der Abteikirche im Vordergrund.



Das Äquadukt von 1853 verbindet den Canal du Midi mit einem Seitenkanal der Garonne. Unter der Brücke fliesst die Tarn durch.


Ansonsten ist Moissac nicht die spannendste Stadt und kann den Vergleich mit beispielsweise Le-Puy oder Conques nicht standhalten, die beide auf ihre Art sehr interessant und eindrücklich sind. Ich kann mich jedoch im freundlichen Gite gut von der harten Woche erholen und neue Kräfte sammeln.

3 Comments:

Anonymous See-Blogger said...

Auf dem "Laufenden."

1/06/2007 11:43 vorm.  
Blogger baerendreck said...

Echt irre, dein Blog! Dickes Lob!
Zu gerne würde ich mich auch sofort auf den eg machen...bin schon gespannt auf weitere Etappen...

1/06/2007 1:37 nachm.  
Anonymous andie kanne said...

Neo-Bazi, sehr gut! Was gibt es besseres, als sich treu begleitet zu wissen.

Bärendreck, Danke für die Blumen!

1/07/2007 12:39 vorm.  

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