Tag 41: Nogaro(F)-Aire-sur-l'Adour(F), 7h, 15°C



Herrliches Wetter heute morgen, Föhn aus den Bergen mit teils heftigen Böen. Ich habe gut geschlafen. Heute ist Samstag, es sind 28 km bis Aire-sur-l'Adour, meinem Wochenziel. Das sollte gut zu machen sein, keine grosse Etappe nach einer ganzen Woche kurzer Etappen.



Der Baustil des Fachwerks in dieser Gegend ist ganz speziell. Schmale, hohe Felder mit wenigen Verstrebungen. Das mir bekannte Fachwerk ist eher quadratisch mit mehr Diagonalen.



Ich komme nach Lanne-Soubirane. Région Midi-Pyrénées, Département Gers, 89 Einwohner. Auch der Kirchturm hat einen ganz eigenen Baustil, ganz anders als die übrigen Kirchen in der Umgebung. Der überdachte Vorbau wäre gut zum Übernachten geeignet, denke ich mir.



In der Kirche liegt das übliche Pilgerbuch aus für Eintragungen. Ich blättere etwas darin um zu sehen, wann die anderen Pilger, die momentan unterwegs sind, hier vorbeigekommen sind. Es sind immer dieselben Leute, der Abstand ändert sich manchmal. Meist wird er kleiner, was mich freut, obwohl ich auf dem Camino keinen sportlichen Ehrgeiz habe. Ich fange dann an zu rechnen, ob und wann ich die Person treffen kann.

Vor der Kirche dachte ich noch, dass der Vorraum gut wäre für eine Übernachtung. Dann lese ich den folgenden Eintrag:

"Vor 2 1/2 Jahren, als ich denselben Weg nach Compostela ging, durfte ich in dieser Kirche nächtigen; nachdem es fürchterlich regnete und es schon Dunkel war, öffnete mir ein Engel in Menschengestalt die Tür und ich war vor dem Unwetter gerettet!
Ich tu mir oft schwer mit dem Glauben, aber hier neige ich mein Haupt und sage Danke!
Für alle, die denselben Weg zu sich selbst gehen, wünsche ich das Beste und Hoffnung und Mut!
Gerade wenn man glaubt völlig alleine und verlassen zu sein, öffnet sich oft eine Tür und man entdeckt kurz das eigene Licht, wo dann alle Sorgen und Leid von zuvor einer übermächtigen Freude weichen! Gunther aus Wien, 23-10-05"



Den Ort passiere ich ohne weiteren Aufenthalt, es gibt keine Bar oder Café am Weg.



Stechginster. Diese Pflanze werde ich im weiteren Verlauf des Weges noch oft sehen.

"Der Stechginster (Ulex europaeus) ist ein immergrüner stachliger Strauch bis zu 2m Höhe. Seine Blätter sind zu feinen Nadeln aufgerollt. Er trägt von April bis Juli gelbe, 2 cm lange Blüten und seine Samen stecken in behaarten Hülsen.
Er bildet undurchdringliche Dickichte, in denen sich abgestorbene Büsche anhäufen. Zusammen mit den 2–4 % leicht entzündlichen Ölen in den grünen Zweigen bildet er ein hohes Brandrisiko – vor allem in den heißen Sommermonaten." Quelle Wikipedia

Die Pflanze sieht schön aus, besonders jetzt im Winter. Sie ist wegen der Stacheln aber unangenehm, wenn man die Sträucher durchqueren muss oder streift.



Die Berge kommen immer näher und sind nun sehr deutlich zu sehen.



Dann komme ich wieder in ein abgelegenes Gebiet und wundere mich sehr: momentan geht die stark infektionsgefährliche Vogelgrippe um in Europa. Alle Zuchtvögel müssen in geschlossenen Stallungen untergebracht werden. In Toulouse wurde vor wenigen Tagen der Erreger bei einem Züchter gefunden und daraufhin wurden tausende Tiere gekeult, wie ich den Nachrichten ansatzweise entnehmen konnte.
Hier treffe ich dann auf einer Wiese im Freien eine grosse Anzahl laut schnatternder Gänse. Zum Glück geht der Weg in einiger Entfernung um das Gelände, ich fühle mich trotzdem nicht ganz wohl.

Der Weg führt dann an einem kleinen, verwachsenen Bach vorbei. Auf einmal schreckt ein Tier vor mir auf und flüchtet sich in das Wasser. Es ist ein Biber, den ich für Sekundenbruchteile sehen kann. Mein erster Biber in freier Natur! Ich bin ganz entzückt über dieses kurze Intermezzo.







Diese Beregner sind gigantisch gross, hunderte Meter lang. Sie fahren wohl automatisch ihre Kreise, an den Endpunkten sind Stöcke in den Boden gerammt, die den Regner umschalten und zurückfahren lassen. In heissen Sommern ist es sicher ein Vergnügen, eine erfrischende Dusche zu erhalten.



Es geht auf einer interessanten Strassebrücke über die l'Adour.



Am Strassenrand dann ein Denkmal für Kämpfer der Résistance, die hier am 13 Juni 1944 ermordet wurden. Bei einem Massacre von den Allemands, den Deutschen. Betroffenheit ergreift mich. Szenen von Kriegsfilmen gehen mir durch den Kopf. Wollten sie vielleicht die Brücke sprengen, die ich eben überquert habe?
Widerstand, Mut, Verrat, Tod. Die ältere und jüngere Geschichte Europas ist allgegenwärtig auf dem Camino.









Man wird in dieser Gegend durchschnittlich wohl nicht sehr üppig verdienen. Aber 298K EUR für eine Villa mit 1300 qm klingt für mich fast unglaubwürdig. In der Randstad in Holland erhält man für diesen Betrag ein kleines, total-renovationsbedürftiges Reihenhaus direkt an der Autobahn ohne Garten in Schattenlage.


Ich bin zeitig in Aire-sur-l'Adour und komme in einem Gite unter, hier kann ich bis Montagmorgen bleiben. Ich gehe einkaufen, trinke einen Café. Wie üblich frage ich nach einem Internetcafe, wie üblich ist die Antwort, dass es das nicht geben würde. Nach etwas nachforschen finde ich ein Zentrum für Jugendliche. Dort stehen einige Rechner, umlagert von Jugendlichen. Vom Betreuer kriege ich jedoch gleich einen PC zugewiesen, nett. Email, Nachrichten lesen.

Als ich zurückgehe in den Gite, um mich etwas auszuruhen, treffe ich einen anderen Pilger. Simon aus Saint-Malo. Er freut sich sehr, mich zu sehen, ich freue mich ebenfalls. Er hatte schon bei seiner Ankunft gehört, dass ich da wäre und würde mich kennen. Er spricht sehr gut Englisch. Woher er mich denn kennen würde, frage ich ihn.

Er läuft seit Le Puy hinter mir her. Er kennt jede Macke im Profil meiner Stiefel, er kennt meine Schrittlänge, meine Handschrift in den Pilgerbüchern. Ich bin platt. Er ist einen Tag nach mir in Le-Puy gestartet, hat folglich tausende meiner Abdrücke und Lebens-Zeichen gesehen.

Ich hatte ja vom grossen Wetterglück im Central Massif, dem Aumont Aubrac erzählt. Von der plötzlichen Schneeschmelze und dem starken Regen in den Tagen danach.

Simon hatte weniger Glück. Einen Tag nach mir lag der Schnee wieder hüfthoch. Simon schaffte in einer Stunde nur 2 km. Er konnte mit grosser Anstrengung nur bis Nasbanals kommen, bei mir war das die Mittagsstation. In der Folge lief ich ihm dann teilweise zwei komplette Tagesetappen voraus, er war dadurch manchmal recht frustriert. Aber gut, jetzt machen wir uns einen schönen Samstagabend und gehen aus!

Simon fragt unterwegs nach einem guten Restaurant. Für 10 EUR p.P. bekommen wir ein wunderbares Menü mit viel Wein. Schon vorteilhaft, wenn man die Sprache und Gepflogenheiten kennt.

Eine schöne Geschichte erzählt Simon mir, ich falle vor Lachen fast vom Stuhl:
Nach den schweren Etappen durch den Schnee verfolgte das schlechte Wetter Simon noch weiter. In Golinhac übernachtete Simon im Gite. Alles war komplett durchnässt, die Heizung kam gegen die Kälte und Feuchtigkeit nicht an, seine Moral war auf dem Tiefpunkt. Seine Wanderstiefel stellte er auf die Heizung zum Trocknen. Und am nächsten Morgen ...
Ich kann mir schon vorstellen was passiert ist, und werfe ein, dass das Leder sicher aufgerissen war.

Nein nein, meint Simon. Am Morgen lag ein Paar lose Sohlen auf der Heizung und ein Paar Stiefel-Oberteile. Schuhgrösse 25. Die Sohlen unverändert, die Stiefel komplett geschrumpft wie ein Schrumpfkopf.
Ich muss so laut lachen, dass sich die Leute im Restaurant nach uns umdrehen. Ich muss mir die Tränen aus den Augen wischen, wunderbar!

Simon schleppt Turnschuhe mit im Gepäck, die konnte er nun brauchen. Mit dem Zug ist er nach Toulouse gefahren, neue Stiefel kaufen. Dann wieder zurück zum Ausgangspunkt. Und dann die Stiefel (Meindl Perfekt, die Riesendinger aus massivem Leder) on-the-fly auf dem Camino eingelaufen. Entweder passen die Stiefel wirklich perfekt oder er hat Füsse aus Stahl.

Simon ist Physiotherapeut. Ich erzähle von meinem schiefen Rücken und dem zu kurzen Bein. Simon meint, er könnte das richten und würde sich freuen, seinen Beruf nicht zu verlernen. Er lässt mich einige Rückenübungen machen. Er meint, ich hätte in der Kindheit einen Wirbel gestaucht. Er löst die Verspannung durch langsame Bewegungen des Beines und meint, das Bein wäre gar nicht zu kurz, sondern das Becken durch die Verstauchung nur fehlgestellt. Ich bin skeptisch, aber wer weiss, vielleicht stimmt es ja.

Morgen wird er weiterlaufen, ich werde an meiner Tradition festhalten und am Sonntag einen Ruhetag einlegen. Wir haben einiges gemeinsam, an vielen Stellen, Orten oder Gebäuden unterwegs hatten wir ähnliche Gefühle und Empfindungen. Ich würde gerne noch mit ihm ein paar Etappen laufen und mich mit ihm unterhalten. Aber gut, ich werde mir einen schönen, ruhien Sonntag machen.

3 Comments:

Anonymous Anonym said...

Ich bin begeistert von deinem Bericht.Schon zweimal fuhr ich den Camino von Bruchsal nach Santiago. Dieses Jahr werde ich pensioniert und werde zu Fuß den Weg von Straßburg über Le Puy gehen.

Gruß Dein Jakobsbruder

Winfried Hemberger

1/25/2007 3:23 nachm.  
Anonymous andie kanne said...

Hallo Winfried, ich hoffe nur, dass die Köln Wallfahrt nicht unter Deinen Plänen leidet!

Viele Grüsse in den Odenwald und schon jetzt Buen Camino

AK

1/25/2007 8:39 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Tach Andie,

Ich bin noch dabei ;-)

>>Der überdachte Vorbau wäre gut zum Übernachten geeignet, denke ich mir.

Ist das typisch für Leute die ohne feste Planung unterwegs sind? Ich beurteile auch beinahe jedes Dach oder Hütte unter dem Gesichtspunkt ob man da zur Not übernachten kann.

Gruß, Werner

1/26/2007 8:57 vorm.  

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