Tag 74: Santa Irene(E)-Santiago de Compostela(E), 5h, 16°C

Heute ist der Tag, ich werde nach Santiago de Compostela kommen. Der Morgen ist mild, aber die Sonne kann nicht richtig durchbrechen. Grosse Regenwolken ziehen vorüber.

Christoph und ich verabschieden Ann Richtung Rom und laufen gemeinsam los. Briane ist völlig kaputt und kann noch nicht gehen. Sie wird ihren Körper nach diesen Strapazen erst etwas erholen müssen.

Nach der ersten Pause in einer Bar gehe ich alleine weiter, ich möche alleine ankommen. Christoph trinkt noch einen Café und bleibt zurück.

Am Berg der Freude (Mont de Gozo) kann man laut Führer erstmals die Kathedrale von Santiago sehe. Aber es ist alles recht zugewachsen, ich kann die Türme jedenfalls nicht ausmachen. An der Flanke dieses Hügels ist eine riesige Herbergsanlage gebaut, mit wohl hunderten Betten für die Pilger. Bin ich froh, nicht in der Hochsaison anzukommen!



Dann ist es soweit, ich überquere die Stadtgrenze.



Entgegen meinen Irrwegen bei den vorhergehenden Städten kann ich diesmal den Schildern in die Stadt folgen, jedenfalls bis kurz vor die Kathedrale. Erst dort verliere ich den offiziellen Weg aus den Augen und komme folglich einen anderen Weg zur Kirche. Von hinten auf den grossen Platz.



Und nun erschlägt es mich förmlich. Der Platz ist fast leer, nur einige Pilger, Touristen und Wachleute sind da. Ich rolle trotz leichten Nieselregens meine Matte aus und lege mich mitten auf den Platz, Kopf auf den Rucksack. Das Ankommen dauert lange. Sehr lange. Bilder sausen mir durch den Kopf, Gefühle. Eine ganz grosse Müdigkeit überkommt mich. Ich könnte jetzt nicht in die Kathedrale gehen, geniesse die Pracht des Portals und das Ankommen.

Unbeschreiblich!

Nach über einer Stunde raffe ich mich auf, und gehe ganz langsam die Treppen hoch.



Ich bin Stunden in der Kirche um wieder zu mir zu kommen und schaue mir alle Details an. Die Stimmung ist wider Erwarten ruhig und sehr würdig. Schulklassen strömen durch die Kirche, sind so schnell weg wie sie gekommen sind. Das traditionelle Ankommen-Ritual mache ich nur insofern mit, wie es mir nicht zu albern erscheint.

Christoph ist auch da, auch andere mir bekannte Gesichter. Ich bin wie benommen.



Gegen Abend gehen wir zur Herberge auf einem anderen Hügel der Stadt im ehemaligen Priesterseminar. Simon war gestern auch da, zurück von Finisterre. Er lässt mir Grüsse ausrichten vom Engländer, dem ich in Ponferrada zur morgendlichen Flucht aus dem Fenster verholfen habe.

Um 19:30 ist Abendmesse, die wir besuchen. Danach gehen wir Tintenfisch essen in der Stadt. Die ist voller Menschen und Leben, eine ganz ausgezeichnete Stimmung.

Ich bin sehr dankbar, keinen Touristennepp anzutreffen wie befürchtet und auch keine Dummy-Pilger.

Santigo de Compostela empfängt mich ausserordentlich würdig und lässt mich an diesem Tag die ganz grossen Gefühle erleben. Danke!


In den nächsten Etappen werde ich Feierlichkeiten der Karwoche (Semanta Santa) und meinen Weg nach Finisterre und Muxia beschreiben.

2 Comments:

Anonymous e.k. henn said...

Ganz herzlichen Dank für diesen ausgezeichneten Bericht und die vielen wunderschönen Bilder !

6/19/2007 1:17 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Hallo Andie,

ich habe mal gelesen dass jeder den Empfang bekommt den er verdient hat.. Du scheinst also alles richtig gemacht zu haben.. Für mich geht es als absoluter Neuling Ende April los und ich vertreibe mir die Zeit mit dem lesen aller möglichen Blogs die ich finden kann. Deiner ist der erste Blog den ich kommentiere. Er ist wirklich sehr gelungen. Ich würde gern in deiner herberge in St Jean übernachten, aber es scheint sie nicht mehr zu geben.. Ich hoffe es geht dir gut. Liebe Grüße aus Sachsen-Anhalt.. Jeannie

3/17/2015 9:00 nachm.  

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