Tag 79: Finisterre(E)-Muxia(E), 8h, 20°C



Mein letzter Lauftag heute.

Die Etappe von Finisterre nach Muxia ist im Führer des Bergverlag Rother beschrieben, sie
ist nicht im Outdoor Führer vom Stein-Verlag erwähnt.



Ich gehe alleine, Christoph fährt zurück nach Santiago. Das Wetter ist wunderbar, sonnig, aber kalt. Hermedesuxo de Arriba.



Vor mir sehe ich eine Pilgerin, das muss Catharina aus Canada sein. Ich habe sie ein paar mal getroffen unterwegs. Sie ist fast so gross wie ich, läuft schnell. Einholen kann ich sie nicht, sie biegt dann auch ab. Ich bin dann aber auch froh darum. Heute möchte ich eigentlich doch lieber alleine gehen. Abschied nehmen vom Camino.



Nur wenige Meter vom Weg ist der Strand, menschenleer. Ich werde die Ruhe und Einsamkeit vermissen, wenn ich wieder zuhause bin.



Meinen Stock habe ich immer noch, obwohl ich ihn schon ein paarmal habe stehen lassen und zurücklaufen musste um ihn zu holen. Ich habe ihn auf der Etappe hinter Le-Puy aus einem Haselnussstrauch geschnitten, um im tiefen Schnee besser bergauf gehen zu können. Nach einigen Tagen war er getrocknet, nun ist er sehr leicht und trotzdem zäh und stabil.
Seit einigen Tagen schmerzt allerdings mein Unterarm, wie bei einer einsetzenden Sehnenscheidenentzüdung.



Die Fischer sind in Küstennähe unterwegs in ihren kleinen Booten.



Dann führt der Weg wieder etwas landeinwärts.



Auch hier die Maisspeicher, auf Stelzen gegen Mäuse.



Am 19.ten November 2002 ...



... zerbrach und sank vor der Küste der schrottreife Tanker Prestige, mehr als 60.000 Tonnen Schweröl wurden an die Strände getrieben. Auf den ersten Blick ist davon nichts zu sehen. Die Prestige war ein einwandiger Tanker, 26 Jahre alt. Das Schweröl hatte einen solch hohen Schwefelgehalt, dass es in der EU als Sondermüll galt.
Es wird folglich an Drittweltländern verkauft (!) und dient dort als Energiequelle. Es wird verbrannt - wenn es auch hochgiftig ist.

Aus Profitgier fahren tausende solcher schrottreifen Schiffe über die Weltmeere.

Das siebte Gebot sagt "Du sollst nicht stehlen".

"Der Besitz, den dieses Gebot schützt, spricht nicht das Eigentum heilig. ... Die Armen sollen geschützt werden, das wenige, das sie haben, soll ihnen nicht genommen werden. Besitz, der vor unberechtigter Wegnahme gesichert ist, vor Raub und Diebstahl, Betrug und Veruntreuung, wird von der Bibel auf weiten Strecken als eine Leihgabe betrachtet. Der eigentliche Eigentümer (gerade auch des Landes) ist Gott, der Schöpfer und Herr der Geschichte; Menschen empfangen, was sie besitzen, um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Das setzt intakte Besitzverhältnisse voraus."(Quelle: Kirchenseite.de)



Ich habe mich verlaufen. Der Weg von Santiago nach Finisterre ist schon wesentlicher schlichter ausgezeichnet als der Camino, hier ist nun fast keine Beschilderung mehr. Das gefällt mir gut, obwohl ich mich verlaufe. Es ist etwas authentischer als die vielen gelbe Pfeile auf jeder Hauswand.



Eine Fabrik in der Nähe von Lires. Es ist vielleicht eine Fisch- oder Garnelenzucht. Eine grosse Menge Möwen fliegt kreischend über den Aussenbecken.



Porcar, ein kleiner Ort mit Bar. Herrlich, eine kleine Pause bei einem starken Café. Ich frage einige der Leute nach dem Weg. Sie sprechen alle Schwiizerdüütsch, sie waren oder sind noch als Gastarbeiter in der Schweiz tätig und verbringen die Osterferien in der Heimat.



Eine alte Frau hütet ihre Kühe. Sie steht einfach da, auf ihren Stock aufgestützt. Hier ist die Zeit stehengeblieben.



Klares Wasser an einem Bach.



Muxia fin de ruta
.

Ende der Route. Nur noch wenige Kilometer.



Aber die sind grün und bergen noch eine Überraschung!



In einer Bar an einer Strasse bestelle ich noch eine Café, und dann geschieht es: Ich bekomme ihn spendiert von einem der anwesenden Männer. Ich bin sehr gerührt. Auf der ganzen Reise habe ich (neben dem Essen in den Herbergen in Cluny und Olveiroa) unterwegs keine Einladung erhalten. Im vorletzten Ort dann doch noch. Schön.






Dann komme ich wieder ans Meer.



Muxia
, die ersten Häuser. Der Ort soll hässlich sein, während einer kurzen Blütezeit der Fischerei wurde der alte Ortskern abgerissen und viele neue Häuser gebaut.



Muxia ist Teil der Costa da Morte, eine berüchtigte Küste, da sie für die Schifffahrt so gefährlich ist.



Es gibt viele Kirchen in Muxia, auf dem Weg zum Meer komme ich an der Santa María de Muxía vorbei.



Neben der Kirche ist ein Friedhof, von einer hohen Mauer umgeben.



Der Bildstock unten an der Wand steht hier sicher nicht an seinem originalen Standort. Maria auf der Rückseite steht so dicht an der Felswand, dass man sie kaum ansehen kann.



Und, auch ganz am Schluss, sehe ich doch noch ein keltisches Kreuz. Es ist das einzige das ich unterwegs gesehen habe. Ich hatte erwartet, dass ich diese Kreuze wesentlich öfter sehen würde.



Dann komme ich an die bekannteste Kirche, Muxia Virxe de Barca. Die Kirche Nuestra Senora de la Barca.

Direkt am Meer gelegen.



Blick aus dem Kirchenportal. Wie oft werden hier Sturmfluten gegen die Türe angedrückt haben?



Erstmals im Leben sehe ich hier einen Delphin schwimmen, wenn auch nur für Sekunden. Bis die Camera bereit ist, ist er wieder weggetaucht, kommt leider auch nicht mehr zum Vorschein.









Die Legende besagt, dass Jakobus die Bekehrung Spaniens nicht geglückt sei. Trostlos wollte er wieder umkehren, als ihm Maria zu Hilfe eilte. Ihr Boot sei in Muxia an dieser Stelle gelandet und versteinert. Tatsächlich sieht die Felsformation mit etwas Phantasie aus wie ein umgedrehter Schiffsrumpf.



Diese "Schiffsrippe" soll Wunderkräfte haben. Wer bei Rheuma-Erkrankungen 7 mal unter dem Felsen durchklettert, soll laut Legende Linderung erfahren.



Laut mehr esoterischen Quellen sind die Felsen jedoch von den Kelten behauene Steine.

Es gäbe für mich da noch eine plausible Erklärung. Wenige Meter vom Meer erscheint mir eine stromlinienförmige Felsformation nicht wirklich aussergewöhnlich. Wie auch immer, schön anzusehen sind die Felsen allemal.

Mein Gepäck konnte ich bei Ankunft in der Touristeninformation einlagern. Gegen Abend treffen sich dort dann alle Pilger um das Gepäck zu holen. Überraschenderweise sind alle nach mir angekommen in Muxia. Ich habe mich trotz meines Verlaufens wacker geschlagen - aber alle haben sich verlaufen, jeder hat den Weg aber als sehr schön empfunden.

Wir werden in der Turnhalle eingelagert und dürfen auf Matten schlafen. Nach der Dusche gehe ich mit Catharina essen. In einer Gaststätte, die eigentlich eher das Wohnzimmer der Familie ist, sehr heimelig.

4 Comments:

Anonymous Dirk Schaumann said...

Hallo Andie,
ich lese regelmäßig Deinen Bericht.
Leider werden bei mir nicht alle Bilder hochgeladen. Insbes. die Etappe nach Muxia interessiert mich, da ich dieses Jahr meinen Jakobsweg auch in Muxia beendet habe.
Möchte mich für diesen tollen Bericht mit den schönen Bildern ausdrücklich bedanken.
Buen camino
Dirk Schaumann

6/26/2007 8:24 nachm.  
Blogger christoph said...

Hallo Andie,

alles geht einmal zu Ende, leider!
Ich habe im Dezember letztes Jahr deine Seite gefunden, bin im März den Weg ab St. Jean Pied de Port gelaufen und habe regelmäßig deine Berichte gelesen. Seit ich wieder zu hause bin, habe ich den neuen Etappen regelrecht entgegengefiebert. Lieber Andie, vielen Dank für deinen Bericht, der mich so sehr an meine eigene Reise auf dem Camino erinnert.

Alles Gute
Christoph Blumenstein

7/02/2007 9:38 nachm.  
Blogger Andie Kanne said...

Hallo Dirk, die Bilder waren eigentlich hochgeladen und für immerhin einen Tag sichtbar. Habe sie nochmals geladen, die Platzhalter der ersten Bilder sind jedoch immer noch zu sehen. Ist beim Blogger Support gemeldet, mal sehen, ob die was machen können.
Vielen Dank für Dein Lob, hoffe, Du hatest einen ähnlich guten Weg auf Deiner Pilgerschaft!

Hallo Christoph,
Danke auch Dir, freut mich sehr, das Dir der Bericht gefällt und er Dich an Deinen Weg erinnert.

Liebe Gruesse
AK

7/10/2007 8:38 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Hallo und Danke!! danke für deine erzählungen, es war wunderbar sie zu lesen!

10/09/2010 1:42 vorm.  

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