Tag 3: Konstanz (D)-Tobel (CH), 8h, -3°C



Habe auf dem Bodanrück übernachtet, in der Jugendherberge. Im Vorfeld hatte ich sogar noch einen Jugendherbergsausweis erworben, trotzdem nehmen sie noch 26€ für die Übernachtung. Es war eine der teuersten der ganzen Reise.

Der See ist wie üblich um diese Jahreszeit mit einem kalten und feuchten Nebel bedeckt, der sich über Konstanz legt. Immerhin ist er nicht so dicht, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Mit Blick auf den Bodensee geht es über den See-Rhein in die Stadt.



Zu meiner grossen Überraschung finde ich, erstmals seit ich Konstanz kenne -und das ist 15 Jahre her- das Münster ohne Baugerüst am Hauptportal vor. Grossartig! Im Münster findet gerade ein Gottesdienst statt. Mein Abschied aus Deutschland.

Es sind übrigens auch bereits die ersten Zeichen der alemannischen Fasnet zu sehen.



Und das ist ein Grund meiner Reise: Der Jakobsweg-Wegweiser vor dem Münster. Wie oft stand ich hier und träumte von diesem Weg. Er ist so lang, dass er unwirklich erscheint. Wer hat schon soviel Zeit? Und wenn er dann soviel Zeit hat, wer hat noch soviel Gesundheit?
1950km sollen es von hier sein. Im Pfarrbüro, beim Abholen des Stempels, können sie mir allerdings nicht sagen, über welche der Routen dieser 1950km Weg verlaufen soll. Ich kann es rechnerisch nicht nachvollziehen. Muss einiges mehr sein.

Übrigens bin ich der erste Pilger nach Santiago in diesem Jahr in Konstanz. Das hatte ich nicht erwartet! Es ist der 25. Januar.



Nach Konstanz geht es über die Grenze nach Kreuzlingen, die ich schon so oft gegangen bin. Komisches Gefühl, hier zu laufen ohne echte Vorstellung davon zu haben, was mich die nächsten Monate erwartet. Die Welt um mich in der Stadt wirkte geschäftig, die Stimmung war, vielleicht durch den Nebel, ruhig und gedämpft. Ich erlaube mir, mich eine Weile aus dieser Welt auszuklinken und einfach loszulaufen. Und meine Familie erlaubt es mir ebenfalls. Danke!

Schauen die Leute in Konstanz und Kreuzlingen mich komisch an, weil ich offensichtlich nicht auf dem Weg zu einer Arbeit bin, oder bilde ich mir das nur ein?



In Kreuzlingen geht es steil hoch auf den Seerücken. Der Jakobsweg von Konstanz nach Einsiedeln heisst Schwabenweg, und ist als solcher auch hervorragend ausgeschildert.
Innerhalb kurzer Zeit verändert sich die Umgebung, es wird wesentlich kälter und es liegt etwas Schnee.



Ich bin unterwegs in der Schweiz. Nicht zu übersehen.



Ellinghausen im Thurgau.



Lippoldswiler. Schneidend kalter Wind, ich bin froh, dass ich mir eine sehr gute Ausrüstung geleistet habe. Alle Klappen dicht, damit der Wind keine Chance hat. Obwohl es an offenen Hautstellen (d.h. nur im Gesicht) so kalt ist, dass es schmerzt, bin ich unter all den Lagen am Oberkörper nassgeschwitzt.



In Waldstücken ist es gleich angenehmer, der Wind kommt kaum durch die Bäume.



Omen?



Eines der schönen Thurgauer Fachwerkhäuser unterwegs.



Märstetten. Ich habe grossen Hunger, aber alle Gaststätten scheinen geschlossen. Der Schwabenweg führt fast durchwegs über Wege, die stark verkehrsberuhigt sind, also meist auch nicht durch das Zentrum der Orte.



Die evangelische Jakobskirche in Märstetten. Eine Stempel für das Stempelbuch liegt aus. Ist das angenehm, ein paar Minuten im Warmen sitzen zu können und den Rucksack abzulegen!



Die Kirche von Innen, die Fresken wurden bei einer Renovierung überraschenderweise freigelegt.



Amlikon, auf der Brücke über die Thur.



Amlikon Ansicht.



Hünikon.



Typisches Bild an einem Hof unterwegs. Die Schweiz betreibt ein hochsubventioniertes Kleinlandwirtschaftssystem mit strengen Quoten, beispielsweise auf der Milchleistung.



Kapelle bei Kaltenbrunnen, leider verschlossen.

Update Oktober 2011 von Andrea Isler-Stulz: "Wenn die Kirche in Kaltenbrunnen verschlosssen ist wohnt im Bauernhaus neben der Kirche die ältere Dame die den Schlüssel wie auch den Stempelaufsicht hat. Frau Marianne Feuz geht es nach einer Operation wieder sehr gut. Während dem Spitalaufenthalt haben meine Eltern die Pilger von Frau Feuz beherbergt. Seit kurzem haben meine Eltern Dorli und Fredi Stulz, Sonnenhügel 15, 9554 Tobel-Tägerschen auch einen eigenen Pilgerstempel. Auf Anfrage werden Pilger abgeholt und versorgt, pilgerzimmer-dfs@thurweb.ch, +41(0)71 917 11 82.



"Ohne Gott alles Spott". Ist mir nie aufgefallen, war früher viel mit dem Mountainbike in dieser Gegend unterwegs.



Johanniter-Komturei in Tobel, meinem Zielort für heute.

"Als Folge eines Brudermordes auf dem toggenburgischen Grafsitz Rengerswil bei Wängi wurde 1228 eine Niederlassung (Komturei, Kommende oder Ritterhaus) des während der Kreuzzüge entstandenen Johanniterordens gegründet. Zum Stiftungsgut gehörten auch die Burgen Heitenau und Allenwinden bei Tobel. Verbindungen bestanden mit dem mittelalterlichen Pilgerweg von Konstanz nach Einsiedeln (Schwabenweg). Aus diesen Strukturen hat sich im Laufe der Zeit das Dorf Tobel entwickelt. Der dreiflügelige Bau des berühmten Barock-Architekten Johann Caspar Bagnato ersetzte 1747 die alte Komturei. Nach der Auflösung des Ordens 1807 wurden dessen Niederlassungen herrenloses Gut. Die Komturei fiel an den Kanton Thurgau, der in den Gebäuden eine Zucht- und Arbeitsanstalt einrichtete und laufend ausbaute. Nach der Aufhebung 1973 wurden die nach 1811 erstellten oder massiv umgebauten Gebäude abgebrochen." Quelle http://www.komturei.tg.ch







Zur Komturei gehört eine Kirche mit Friedhof.



Eher kitschig in der Kirche - aber warm ...



... und mit interessanten Weihnachtskrippen. Bethlehem wird kurzerhand in die Bergwelt verlegt.


Übernachte in einer privaten Pension bei einer verwitweten Dame. Heiss duschen, eine Wohltat! Essen gehen, dann ab ins Bett. Die Nachtruhe ist allerdings nicht wirkliche eine Ruhe, der Kreislauf rotiert, die Füsse glühen, wache oft auf.


Die Dame wird in einigen Tagen künstliche Kniegelenke erhalten, wie sie mir beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt. Sie hat grosse Angst vor der Operation. Sie träumt vom Bergwandern, hat mit ihren schlechten Knien im letzten Jahr sogar noch eine kleine Wanderung in den Bergen gemacht, bis es nicht mehr ging vor Schmerzen. Allerdings hatte keine der Freundinnen Zeit, sie zu begleiten. Das findet sie jetzt noch schade.

Ich muss oft an sie denken unterwegs.

3 Comments:

Blogger Nev Thomas said...

Dear Andie.

I found your blog and firstly I want to compliment you on the wonderful photos and the general organisation of your website.

I hope you don't mind but I am planning to leave Prague early next week for my walk to Finisterre and I could really appreciate any information about the route and conditions in Winter.

My plan is to walk Prague - Germany - Switzerland - France - Spain.

Can I ask please, did you meet any other pilgrims on your winter Camino and would you recommend me sleeping outside only in a sleeping bag? Were you able to for example sleep at churches along the way?

It will be wonderful to hear back from you Andie and wishing you a lovely day!

Nev :-)
http://www.mycaminosantiago.com

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Liebe Andie.

Ich fand Ihr Blog und zunächst möchte ich Sie auf die wundervollen Fotos und die allgemeine Organisation Ihrer Website zu beglückwünschen.

Ich hoffe, dass Sie nichts dagegen haben, aber ich habe vor, für meine Prag zu Fuß nach Finisterre verlassen Anfang nächster Woche, und ich konnte wirklich keine Informationen über die Route und Bedingungen im Winter zu schätzen wissen.

Mein Plan ist, gehen Prag - Deutschland - Schweiz - Frankreich - Spanien.

Darf ich fragen, bitte, haben Sie keine anderen Pilgern auf dem Camino Winter treffen und würden Sie mir empfehlen draußen schlafen nur in einem Schlafsack? Waren Sie in der Lage, beispielsweise Schlaf in Kirchen auf dem Weg?

Es wird wunderbar, von Ihnen zu hören und Andie zurück wünschen Ihnen einen schönen Tag!

Nev :-)
http://www.mycaminosantiago.com

1/05/2014 7:31 vorm.  
Anonymous Andie Kanne said...

Lieber Nev,

Ich habe einige wenige Pilger getroffen bis Spanien. Ab der spanischen Grenze wurden es dann mehr Pilger, je näher bei Santiago desto mehr. Schlafen in Kirchen wird nicht möglich sein, die Kirchen werden abgeschlossen, in Spanien sind sie sowieso verschlossen, auch tagsüber. Ich hatte einen belgischen Pilger getroffen, der mit einem kleinen 1-Mann Zelt unterwegs war. Ich habe unterwegs am Weg auch manchmal Scheunen mit Vordächern oder ähnliche Schlafmöglichkeiten gesehen, allerdings nicht viele.

Nur im Schlafsack zu uebernachten wuerde ich nicht empfehlen, du wirst auch etwas geschützten Platz brauchen zum Kochen, umziehen/Kleider trocknen, bei Regen/Schnee/Sturm, etc.

Wenn du im freien übernachten willst, wird ein Zelt wohl am besten sein. Du brauchst dann allerdings wohl auch Utensilien wie Kocher.

Ich hoffe dies hilft dir ein bisschen. Wenn du noch fragen hast, lasse es mich wissen.

Buon camino!

1/05/2014 9:34 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Thank you !

6/14/2017 1:44 nachm.  

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